Italienische Oper ganz groß

Verdi, Puccini und Donizetti an der Met und im CineStar

Italienische Oper ganz groß

 Ungemein stark vertreten ist in der im späten September anlaufenden Spielzeit 2015/2016 der Metropolitan Opera New York und des Bamberger Kinos CineStar, das von Oktober an wieder ausgesuchte Vorstellungen als exklusive Direktmitschnitte zeigt, die italienische Oper. Zweimal macht Giuseppe Verdi die Runde, gleich dreimal Giacomo Puccini. Hinzu kommt, Mitte April, Gaetano Donizettis Belcanto-Oper „Roberto Devereux“, hinzu kommen, außerhalb des italienischen Repertoires, Wagner und Berg, Bizet und Richard Strauss.

 

Das Opernkino steht im Oktober nahezu ganz im Zeichen Verdis. Zunächst lockt am 3. Oktober „Il Trovatore“ in ausgesuchte Lichtspielhäuser. Dieses tragische „dramma lirico“ in vier Akten entführt die Zuschauer in das Aragonien und in die Biscaya des frühen 15. Jahrhunderts. Enrico Caruso, der von 1903 bis zu seinem Tod im Sommer 1921 der Met verbunden war, auf deren Bühne er in 863 Vorstellungen zu erleben war, soll einmal gesagt haben, alles, was es für eine erfolgreiche Aufführung des „Troubadours“ brauche, seien die vier besten Sänger(innen) der Welt. In der Rolle der Leonora wird Anna Netrebko zu hören sein, die ja fraglos zu den führenden Sopranistinnen auf diesem Globus gerechnet werden darf. Die Titelpartie wird der südkoreanische Tenor Yonghoon Lee übernehmen, während Marco Armiliato Orchester und Sänger durch die anspruchsvolle Partitur führen wird.

 

Den „Otello“, mit dem die Met ihre Saison eröffnet, wird Yannick Nézet-Séguin leiten, den manche schon als Nachfolger Sir Simon Rattles bei den Berliner Philharmoniker gesehen hatten, der nun aber Zeit hat, sich ganz seinen Aufgaben beim Philadelphia Orchestra, beim Orchestre Métropolitain (in Montréal) und beim Rotterdams Philharmonisch Orkest sowie Gastauftritten zu widmen. Uraufgeführt im Februar 1887, erlebte diese keinesfalls einzige Shakespeare-Oper Verdis ihre Premiere mit der Met auf einer Tournee viereinhalb Jahre später in Chicago. Die Titelrolle des die venezianische Flotte befehligenden Mohrs und Gouverneurs von Zypern wird am 17. Oktober der Lette Aleksandrs Antonenko verkörpern, seine Gattin Desdemona singt die bulgarische Sopranistin Sonya Yoncheva. Bartlett Sher, den die New York Times als einen der „originellsten und aufregendsten Regisseure“ feierte, zeichnet für die Inszenierung verantwortlich.

 

Richard Wagners „Tannhäuser“ war in diesem Jahr nicht auf dem Grünen Hügel vertreten. Umso willkommener dürfte die Gelegenheit sein, die romantische Oper um den Sängerkrieg auf der Wartburg am 31. Oktober im Kino verfolgen zu können, zumal am Pult der bayreutherfahrene künstlerische Leiter des New Yorker Hauses, James Levine, stehen wird. Der südafrikanische Tenor Johan Botha übernimmt die Titelpartie, der unter anderem von Robert Holl und José van Dam ausgebildete Bassist Günther Groissböck singt den Landgraf Hermann, die niederländische Sopranistin Eva-Maria Westbroek die Elisabeth, den Wolfram der schwedische Bariton Peter Mattei, Michelle DeYoung, ein hauseigenes Gewächs der Metropolitan Opera, die Venus. Die Inszenierung von Wagners früher Meisteroper besorgt der Wiener Otto Schenk.

 

Aus Wien gebürtig war auch Alban Berg (1885 bis 1935). Am Pult von Bergs erst nach dessen Tod von Friedrich Cerha komplettierter Oper nach Texten von Frank Wedekind, „Lulu“, steht am 21. November wiederum James Levine. Der südafrikanische Künstler William Kentridge (man kennt seine Zeichnungen und Drucke, seine Zeichentrickfilme und vielleicht auch seine Inszenierung von Schuberts „Winterreise“ bei den Wiener Festwochen im zurückliegenden Jahr) führt Regie. Die Rolle der Titelheldin, die geschaffen ward, um „Unheil anzustiften, zu locken, zu verführen, zu vergiften und zu morden, […] ohne daß es einer spürt“, diese Lulu also wird die aus Sindelfingen stammenden Sopranistin Marlis Petersen verlebendigen.

 

„Lulu“ gilt als eine der wichtigsten – und berüchtigsten – Opern des vergangenen Jahrhunderts. Sie endet damit, dass sich die Titelheldin in London prostituiert. Ihr letzter Kunde ist Jack the Ripper, der zuerst sie und hernach ihre lesbische Geliebte, Gräfin Geschwitz (Susan Graham, Mezzosopran), umbringt. Die Partitur stellt sowohl die Sänger als auch das Orchester vor eine Herausforderung. Berg bedient sich der Zwölftontechnik, macht aber auch Anleihen bei Filmmusik, Varieté und Zirkus und sinnlich-spätromantischer Orchestrierung. Als 1934 in Berlin eine Folge von fünf symphonischen Stücken aus der Oper uraufgeführt worden, machte die Nazi-Presse einen Affront sondergleichen aus, eine Beleidigung für deutsche Ohren.

 

Das Besondere an den Met-Übertragungen in die Kinos ist, dass den Zuschauern dort mehr noch geboten wird als den Opernbesuchern in New York. In den Pausen erlaubt die Kamera einen Blick hinter die Kulissen, oder es werden Interviews geführt mit den Darstellern und dem Dirigenten. Eine feine Sache ist das. Ach ja, auf Puccini und Donizetti darf man sich dann 2016 freuen.

 

Copyright Fotos:

Eine Szene aus „Tannhäuser“, Foto © Marty Sohl, Metropolitan Opera

Aleksandrs Antonenko in „Otello 3“, Foto © Kristian Schuller, Metropolitan Opera

Jürgen Gräßer
07.10.2015

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