Tanz und Theater in der Tafelhalle

Fitzgerald Kusz, Susanna Curtis & Co

Tanz und Theater in der Tafelhalle

 Neben Konzerten (Mitte November etwa mit dem großartigen Christoph Prégardien, und jeden letzten Sonntag im Monat mit Sebastian Strempels Sunday Night Orchestra), neben Kabarett – Ende November beispielsweise mit Jennifer und Michael Ehnert und ihrem Programm „Zweikampfhasen“, bereits am 28. Oktober Bruno Jonas mit „So samma mia. Die Welt aus bayerischer Sicht“ – wird in der Nürnberger Tafelhalle immer wieder auch Tanz und Tanztheater von beachtlichem Niveau geboten. Hier soll ein knapper Überblick folgen über die Aufführungen, welche in den kommenden Wochen anstehen.

 

Die Wirkung, die von Publius Ovidius Naso, vulgo Ovid, und insbesondere von seinen „Metamorphosen“ ausgeht, scheint noch immer ungebrochen. Gut, immerhin schon über sechs Jahrzehnte liegt die Komposition von Benjamin Brittens „Sechs Metamorphosen nach Ovid“ für Oboe solo zurück, und Christoph Ransmayrs Roman „Die letzte Welt“ (1988) ist auch nicht mehr so ganz frisch. In einigen der Songs auf seinem Album „Modern Times“ von 2006 bezieht sich Bob Dylan auf Ovid. Und dann ist da noch – frei nach Ovid – das vor zwei Jahren in der Tafelhalle uraufgeführte Stück „Die Götter-Soap“ von Fitzgerald Kusz. Es wird dreimal im Oktober sowie am 1. November gegeben. Umgesetzt wird diese göttliche, mit nicht wenig fränkischem Kolorit durchwirkte Komödie um Philemon und Baucis, das glückliche Ehepaar, das zu einem Fernsehabend einlädt, von Thalias Kompagnos: Tristan Vogt spielt (sämtliche Rollen), Joachim Torbahn besorgt die Ausstattung. Die Presse sprach mal von einer „Glanzleistung“, mal von einem „Meisterwerk“, wenn auch einem „kleinen“.

 

Mit der Uraufführung der „Jagdszenen aus Niederbayern“ Ende Mai 1966 am Stadttheater Bremen beginnt hierzulande die Renaissance des gesellschaftskritischen Volkstheaters. Regie in der Anti-Dorfidylle von Martin Sperr, in der ordentlich denunziert und gewaltig geschimpft wird („schwule Drecksau“), in der Menschen Jagd auf ihresgleichen machen, führt Barash Karademir, der sich zuletzt um Rainer Werner Fassbinder gekümmert hatte. Gunnar Tippmann und Miho Kasama, der an der Nürnberger Akademie der Bildenden Künste studiert, besorgen das Bühnenbild, Irene von Fritsch und Caroline di Rosa zeichnen für die Einstudierung verantwortlich. Karademir nimmt in seiner Inszenierung von Sperrs Klassiker die „Bedrohlichkeit alles Fremden“ in den Blick und steht damit – leider – absolut auf der Höhe der Zeit.

 

Nun zum Tänzerischen. Ein Gastspiel innerhalb des Festivals net:works führt am 16. Oktober die Fabien Prioville Dance Company mit „The Smartphone Project“ in die Tafelhalle. Das Festival setzt sich mit der durch die Digitalisierung veränderten Welt auseinander, auch mit deren (möglichen) Auswirkungen auf die darstellenden Künste. Es möchte mit diesem Tanzgastspiel zeigen, so heißt es in der Vorankündigung, „wie eine Mitgestaltung des Bühnengeschehens durch die Zuschauer mit ihren smarten Mobiltelefonen aussehen könnte“. So wird denn auch ausdrücklich gefordert: „Bitte lassen Sie Ihre Mobiltelefone angeschaltet!“ Nach dem Herunterladen einer vom Fraunhofer-Institut eigens entwickelten App „kann der Besucher alle Register ziehen, die sein Mobiltelefon – ob Android oder IOS – zu bieten hat“. Und: „Durch die scharfsinnige Performance führt die adrette Hostess Florence.“

 

Fabien Prioville gehörte in den frühen Jahren dieses Millenniums Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater an. 2010 gründete er seine eigene Compagnie. Auch Pascal Merighi tanzte einst für die große Bausch. Interessierte Besucher, und somit potentielle Mitspieler, sollten unbedingt den folgenden Hinweis beachten: „Bitte einige Tage vor dem Veranstaltungsbesuch den QR-Code (siehe unten) einscannen und App downloaden. Weitere Informationen zum Festival
http://networks15.de.“

 

Tänzer des Jungen Theaters Basel sind im Rahmen des Festivals
licht.blicke2015 am 25. Oktober zu Gast. Die Choreographie des Belgiers Ives Thuwis ist schlicht „Männer“ betitelt. In der durchaus heiteren, gleichwohl nachdenklich stimmenden Arbeit machen sich sieben junge Tänzer auf die Spurensuche nach dem, was es eigentlich heißt, ein (moderner) Mann zu sein. Am 6. November dann haben zwei Tanzsoli Premiere. Da ist zum einen „P.S. Susanna Curtis“, das Simone Sandroni, der neue Leiter der Sparte Tanz am Bielefelder Theater, der Tänzerin und Choreographin Susanna Curtis auf den Leib geschrieben, der im vergangenen November der Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg zuerkannt worden ist. Curtis wiederum hat ihr Solo „Hamlet Omelett“ für Paolo Fossa geschaffen. Beide Choreographien gehen der Frage nach der Identität nach. Ganz wie das William Butler Yeats macht, im Schlussvers von „Among School Children“: „How can we know the dancer from the dance?” (“Wie können wir den Tänzer vom Tanz trennen?”)

 

„Smartphone“, Foto © Mischa Lorenz

Jürgen Gräßer
07.10.2015

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