Achterbahnfahrt der Emotionen

Der TanzSpeicher Würzburg macht „achtmeterimquadrat“

Achterbahnfahrt der Emotionen

 Ein Minimum von vier Quadratmetern wird einjeder Legehenne zugestanden, bei der Freilandhaltung. Einem Kind, so lautete die Vorschrift in der Deutschen Demokratischen Republik, immerhin das Doppelte. „achtmeterimquadrat – so habe ich mir meine Kindheit nicht vorgestellt“ nennt sich die neuste Eigenproduktion des tanzSpeichers Würzburg. Premiere in dem Haus am Oskar-Laredo-Platz ist am 16. Oktober; weitere Vorstellungen folgen am 17. Oktober, am 24. und am 31. Oktober sowie am 7. November. Vor inzwischen elf Jahren hat der freie Choreograph Thomas K. Kopp dieses Tanztheater, das immerhin bereits in der Alten Oper zu Gast war, gegründet. Kopp nimmt in seinen Arbeiten häufig gesellschaftlich relevante Themen in den Blick, beispielsweise – in der Produktion „Ausziehen 2.0“ – den Umgang mit persönlichen Daten in der weiten Welt des Internets, und er verbindet den Tanz nicht nur mit Musik, sondern oft auch mit Videokunst und Texten.

 

Jetzt kündigt Kopp nichts weniger an als eine „Achterbahnfahrt der Emotionen durch eine Kindheit, in der keine Abzweigungen, kein Trödeln, keine Phantasie mehr vorgesehen sind“. Ein Kinderzimmer sollte, so hatte es eine DIN-Norm seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gewollt, acht Quadratmeter groß sein. Zum Ende der Neunziger wurde diese Maßgabe ad acta gelegt. Kopp geht nun der Frage nach, ob Kinder denn seither tatsächlich mehr Platz, mehr Möglichkeiten haben, sich zu entfalten, ganz einfach Kind zu sein.

 

Es zeigt sich, dass das Aufwachsen in einer von Mobiltelefonen, Internet, E-Mails, Facebook und dergleichen mehr determinierten Welt durchaus seine Tücken hat. Und dann sind da noch die Eltern, die ihren Nachwuchs permanent zu optimieren getrachten. Der Alltag ist schon in ganz jungen Jahren verplant und durchorganisiert, beim Spielen, falls dafür noch Zeit bleibt, geht es nicht um das Spiel, sondern um soziale Kompetenz und sprachliche Entwicklung. Folglich kommt man schnell zum Schluss: So habe ich mir meine Kindheit nicht vorgestellt!

 

Thomas K. Kopp bedient sich bei den Märchen der Gebrüder Grimm, beim Volkslied, bei der Grungemusik, dem Seattle Sound von Nirvana, sowie beim Hikikomori. Unter diesem japanischen Terminus versteht man (junge) Menschen, welche sich aus freien Stücken völlig aus der Gesellschaft zurückziehen und sich in ihrem Zimmer einschließen, um dort am Computer oder vor dem Fernseher zu sitzen. In „achtmeterimquadrat“ tanzen Linn Eriksson aus Schweden sowie der Brasilianer Rodolfo Piazza Pfitscher da Silva; die Dramaturgie besorgt Brigitte Weinzierl aus Leipzig.

 

Eine Aufnahme von den Proben zu „achtmeterimquadrat“,
Foto © TanzSpeicher Würzburg

Jürgen Gräßer
07.10.2015

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