„Mensch und Mythos“ in Schweinfurt

Walter Becker und Weggefährten

„Mensch und Mythos“ in Schweinfurt

 Wer sich mit dem Expressiven Realismus vertraut machen möchte, ist gut damit beraten, sich nach Schweinfurt aufzumachen und im Parterre der dortigen Kunsthalle die Sammlung Joseph Hierling in Augenschein zu nehmen. Der von dem Marburger Kunsthistoriker Rainer Zimmermann geprägte Begriff Expressiver Realismus meint die Kunst der sogenannten Verschollenen Generation. Das sind die Jahrgänge von 1890 bis 1914, deren Kunst von der unseligen Nazibrut angegriffen und verboten wurde. Die an Hauptwerken der Expressiven Realisten reiche Schweinfurter Dauerausstellung wird einmal jährlich um eine Wechselausstellung ergänzt. Sie ist heuer „Mensch und Mythos“ betitelt, gilt dem Schaffen von Walter Becker und dessen Weggefährten und läuft bis in den März hinein (Vernissage ist am 1. Oktober um 19 Uhr).

 

Becker, 1893 in Essen geboren und 1984 in Tutzing am Starnberger See verstorben, studierte bei Walter Conz an der Karlsruher Kunstakademie, später in Dresden als Meisterschüler des Bildhauers Karl Albiker. Von 1924 bis 1936 lebte er bei Cassis im Süden Frankreichs und pflegte Kontakt mit Georges Braque, George Grosz und anderen. Er war als Illustrator tätig, etwa von Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“, aber auch von E.T.A. Hoffmann und Jean Paul. Kaum zurück in Deutschland, wurde ein Großteil seiner Arbeiten von den Nazis (Stichwort „Entartete Kunst“) beschlagnahmt und zerstört. Nach dem Krieg lehrte er, neben Erich Heckel, in Karlsruhe.

 

Gezeigt werden farbintensive Gemälde überwiegend großen Formats, die zwischen Schein und Sein schweben, erotisch aufgeladen sind und häufig die Antike aufgreifen, so in „Odysseus und die Sirenen“ und in „Daphne“. An die Seite von Becker treten dessen Weggefährten, darunter Franz Frank, Bruno Müller-Linow, Albert Birkle und Fritz Gartz.

 

Walter Becker, Odysseus und Sirenen I, Foto © Kunsthalle Schweinfurt

Jürgen Gräßer
08.10.2015

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