Für die Schule lernen

Joachim Zelters großartige Novelle „Wiedersehen“

Für die Schule lernen

 So einen (Deutsch-)Lehrer wünschte man sich! Und wir ahnen, dass Joachim Zelter, der Glückliche, einen solchen hatte. Wie sonst hätte der 1962 in Freiburg geborene Nachfahre des Komponisten, seit bald zwei Dekaden als freier Schriftsteller in Tübingen zu Hause (2010 hatte er es mit dem Roman „Der Ministerpräsident“ auf die Langliste zum Deutschen Buchpreis geschafft), diese eben von einem enthusiasmierenden Lehrer und dessen einstigem Lieblingsschüler handelnde Novelle schreiben können? (Ja, ja, dass man den Autoren nicht allzu nahe an die von ihm erdachten Figuren rücken darf, ist uns durchaus bewusst.) Dem unkonventionellen Thorsten Korthausen, dem Lehrer, der nach Jahren Kollegen und ehemalige Schüler zu einer Party bittet, ist es darum zu tun, aufs Ganze zu gehen, beim Unterrichten, bei einem Stehgreif-Vortrag, ja im Leben überhaupt. Und, darin einer Maxime Oscar Wildes folgend, hält Korthausen sich daran, anderen zu widersprechen, sogar sich selbst zu widersprechen, denn das sei noch besser. Das Rendezvous im Haus und Garten des Lehrers hat es in Sachen Vitalität, überraschenden Wendungen und wunderlichen Charakteren in sich. Sprachverliebt ist die Novelle auch. Denn Korthausen wusste nicht nur für die Literatur, sondern für Sprache allgemein zu begeistern. Zelters „Wiedersehen“ ist ein wunderbares „Buch der Desaster“ (Ingomar von Kieseritzky, 1988), das vielmalige Re-Lektüren mehr als verdient. Gerade weil man am Ende nicht weiß, ob das nun ein Traum oder ein Alp war, was man da gelesen hat.

 

Joachim Zelter, Wiedersehen. Novelle. Tübingen: Klöpfer und Meyer, 2015. 126 Seiten, 18 Euro.

Jürgen Gräßer
09.10.2015

Eure Meinung? Leserbrief verfassen