Kopfüber zurück

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Kopfüber zurück

 Zu den ganz persönlichen Highlights meiner diesjährigen „Reading list“ gehört eindeutig „Kopfüber zurück“, der erste Roman der 27-jährigen Engländerin Rebecca Wait. Sie zeichnet darin das Bild einer Familie, fünf Jahre nach dem Tod des ältesten Sohnes. Festgefroren ist alles Leben, die verbliebenen Familienmitglieder entfernen sich räumlich und seelisch immer weiter voneinander. Die Eltern schweigen sich an, der jüngere Bruder flüchtet vor sich und der Vergangenheit, und Emma, die jüngere Schwester, begräbt ihren Frust unter Lebensmitteln. Nach und nach breitet sich die ganze Tragweite der miteinander untrennbar verbundenen Einzelschicksale vor dem Leser aus, trotz aller Dramatik mit einer Leichtigkeit erzählt, die es unmöglich macht, das Buch aus der Hand zu legen.

 

Ein Buch, bei dem die Charaktere so sanft und trotzdem detailliert herausgearbeitet werden, dass man als Leser Gefühle für jeden der Protagonisten entwickeln kann, zumal der Leser in die Entwicklung der handelnden Personen eingebunden zu sein scheint. Mitgefühl mit der verzweifelten Schwester, letztlich Entgegenkommen für den Vater, Ärger, aber auch Verständnis, mit der Mutter und Angst, ganz viel Angst um den zurückbleibenden Bruder. Man verspürt auch Wut über den verstorbenen Sohn und Bruder, wobei, irgendwie mischt sich in dieses Gefühl auch Respekt und Verständnis. Und obwohl das eigentliche Thema des Buches sicher die Trauerbewältigung ist, enthält es ganz viel Hoffnung und Zuversicht.

 

Rebecca Wait, Kopfüber zurück, Roman. Zürich: Kein & Aber, 2015, 336 Seiten, 19,90 Euro.

Ludwig Märthesheimer
09.10.2015

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