Zur Uraufführung von Konstantin Küsperts Stück „rechtes denken.“

Ein Gespräch mit der Regisseurin Julia Wissert

Zur Uraufführung von Konstantin Küsperts Stück „rechtes denken.“

 Mit einunddreißig Jahren ist sie noch sehr jung, hat aber doch schon etliche Erfolge auf den Theaterbühnen zwischen Oldenburg, Celle, Göttingen, Wiesbaden und dem Münchner Residenztheater verbuchen dürfen. In Bamberg inszeniert Julia Wissert zum Spielzeitauftakt Konstantin Küsperts Stück „rechtes denken.“, das im Studio des E.T.A.-Hoffmann-Theaters am 18. Oktober zur Uraufführung kommen wird. Wissert, vor Esprit sprühend und voller Schlagfertigkeit, nahm sich die Zeit zu einem Gespräch mit Ludwig Märthesheimer und Jürgen Gräßer.



ART. 5|III: Zunächst einmal, liebe Frau Wissert, herzlichen Dank dafür, dass Sie zu einem Gespräch bereit waren und die Zeit dafür gefunden haben.

Julia Wissert: Selbstverständich!

 


ART. 5|III: Nun, Sie stecken schließlich inmitten der Vorbereitungen einer Uraufführung, Konstantin Küsperts „rechtes denken.“, und sind wirklich im Stress. Ist das Ihre erste Inszenierung für Frau Broll-Pape? Wie ist denn der Kontakt zustande gekommen? Hat man bei Ihnen angefragt? Kannten Sie einander?


Julia Wissert: Nein, wir kannten uns nicht. Was eigentlich ganz interessant ist, weil  nämlich, nachdem ich dann erzählt habe, dass ich für Frau Broll-Pape arbeiten würde, herauskam, dass meine Mentorin an der Uni schon ganz lange mit ihr befreundet ist, weil die beiden in einer Generation Regisseurinnen sind, die jetzt noch arbeiten und die davon leben können. Ich glaube, das ist die dritte Generation von Regisseurinnen, die rausgekommen ist, nach Andrea Breth. Und da gibt es eben Amélie Niermeyer, Sibylle Broll-Pape, dann kommen Karin Henkel, Karin Beier. Aber das ist fast schon wieder eine neue Generation.

 


ART. 5|III: Man hat Sie also angefragt?


Julia Wissert: Man hat mich angefragt. Frau Broll-Pape und ihr Dramaturg, Herr Al Khalisi, sind nach Wiesbaden gefahren, nachdem ich den Kurt-Hübner-Regiepreis erhalten hatte, und haben sich das Stück [„Der Junge in der Tür“ von Juan Mayorga] angeschaut. Gleichzeitig wurde ich noch von einem Dramaturgen, den Herr Al Khalisi kannte, empfohlen. Ich sei eine sehr nette Person und mache eine ganz hervorragende Arbeit.

 


ART. 5|III: Ist das wesentlich? Das mit der netten Person?


Julia Wissert: Für mich ist es tatsächlich wichtig, und meinen KollegInnen auch. Ich weiß nicht, wie andere das sehen. Aber ich finde es schon wichtig, wenn man sechs Wochen eine intensive Zeit miteinander verbringt, dass es Spaß macht zwischendurch, besonders, wenn man sich die sechs Wochen mit Nazis und rechtem Denken beschäftigt. Mit ist es ein Anliegen, dass es eine gute Arbeitsatmosphäre gibt.

 


ART. 5|III: Sie haben vorhin, als Sie über die Regisseurinnen der anderen Generation gesprochen haben, in einem Nebensatz gesagt: „und davon leben können“?


Julia Wissert: Ja, weil ich sagen würde, also Frau Niermeyer kann, glaube ich, ganz gut davon leben. So wie sie mir das erzählt hat, gab es in ihrer Generation mehr Frauen, die angefangen haben, die aber jetzt keine Regie mehr machen. Und auch im Kontakt mit Dramaturgen wurde mir einmal erzählt dass es in den nächsten vier Jahren wohl den ersten Bruch gibt bei den Frauen, so mit 35, dass die ersten ausscheiden aufgrund von persönlichen Entscheidungen, und dass imgrunde die wichtigen Jahre wohl die ersten drei, vier Jahre sind. Und dann, wenn man sich da reingearbeitet hat, kann es passieren, dass irgendwann nochmal ein Bruch kommt, wenn dann die Dramaturgen, mit denen man großgeworden ist, entweder alle weggehen, etwas anderes machen oder Intendanten werden.

 


ART. 5|III: Das führt uns zu einer Frage, die wir eigentlich erst am Ende stellen wollten. Wie ist es um Ihre Zukunft bestellt? Wo sehen Sie sich in, sagen wir, zehn Jahren? Sie sind ja bereits recht erfolgreich.


Julia Wissert: In zehn Jahren? Es läuft ganz gut, würde ich mal sagen. Klar, in der ersten Spielzeit den Kurt-Hübner-Preis zu bekommen, das ist natürlich der Wahnsinn. Das ist ein Riesengeschenk. In zehn Jahren wäre ich wahnsinnig gerne Mitglied eines Intendantenteams eines größeren Hauses irgendwo im deutschsprachigen Raum, hätte ein diverses Ensemble und würde meine MitarbeiterInnen sehr gut bezahlen können und stünde in regem Austausch mit der Stadt und der Region, in der und für die wir Theater machen. Und es wäre gutes Wetter und die Sonne würde scheinen und alle wären glücklich. Und alle Kulturpolitiker fänden mich fantastisch.

 


ART. 5|III: Als Sie Schauspieler mit gutem Geld in Zusammenhang brachten, wussten wir schon, dass es in Richtung Traum geht.


Julia Wissert: Ja, vielleicht ein Traum. Aber es ist mir tatsächlich ein großes Anliegen, zu schauen, wie Häuser mit ihren MitarbeiterInnen umgehen und auch, wie man diesen, was er ja letzten Endes ist, extrem hierarchischen Betrieb, der über Vetternwirtschaft und Empfehlungen und gute Tricks auch läuft, verändern kann, so dass man gut oder besser darin arbeiten kann. Manchmal gibt es Situationen, wo ich mir denke: Es ist schon komisch, dass ich dafür eingestellt werde, für eine Stadt Theater zu machen und meine Idee von Realität in eine Stadt zu setzen, wobei ich doch gleichzeitig durch meine Arbeitsbedingungen gar nicht an dieser Realität teilnehmen kann. Wir arbeiten ja von 10 Uhr bis 14 Uhr und von 18 Uhr bis 22 Uhr. Wir sind nicht in Sportvereinen, meine Zeitung lese ich auf dem Tablet.

 


ART. 5|III: Warum, für Sie, Theater?


Julia Wissert: Mich interessiert Form, mich interessiert, wie man Theater als einen politischen Körper benutzen kann, wie man diese Hierarchie aufbrechen kann. Ich glaube nicht daran, dass ein Schauspieler weniger kompetent ist, nur weil er weniger Auseinandersetzung mit einem Text hat.

 


ART. 5|III: Aber da Sie sich in einer subventionierten Landschaft befinden, in der politische Einflussnahme gerade bei kommunalen Häusern sicherlich gegeben ist, wird dies nicht ganz einfach sein, oder?


Julia Wissert: Es machte ja nur halb so viel Spaß, wenn es einfach wäre. Erstens das. Und zweitens ist meine Vermutung, dass sich – was man ja schon beobachten kann – das Theater, so wie es jetzt ist, nicht mehr hundert Jahre halten kann. Und dieser Elfenbeinturm, der, wenn man polemisch sprechen würde, ja wirklich ein mittelalter heterosexueller weißer Mann ist, auch nicht mehr der Lebenswirklichkeit von allen anderen entspricht. Also ich finde es uninteressant, dumme Frauen auf der Bühne zu sehen, die starken Männern ihre Unterstützung geben, damit sie die Welt retten können, und am Ende sterben sie. Ich habe aber auch gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, das anders zu inszenieren. Allerdings könnte ich nicht morgens zur Arbeit gehen, wenn der Versuch nicht immer wäre, irgendetwas zu verändern oder zu schauen, wie man Wirklichkeit, so wie sie jetzt ist, irgendwie reinholen kann. Das werden Sie ja sehen, wenn Sie „rechtes denken.“ sehen, was da der Versuch ist.

 


ART. 5|III: Das Ensemble besteht ja zu großen Teilen aus neuen Leuten. Es muss sich erst kennenlernen, ist wohl noch kaum aufeinander eingespielt. Spüren Sie das?


Julia Wissert: Schön, dass Sie danach fragen. Ich habe am zweiten Tag eine SMS bekommen von einem der Schauspieler, der mit mir arbeitet, in der stand: „Ich habe nicht das Gefühl, dass es erst der zweite Tag ist, den wir zusammenarbeiten.“ Er hatte das Gefühl, wir seien schon seit fünfzig Jahren zusammen, wir machten schon seit fünfzig Jahren Theater. Das empfand ich als ein wahnsinniges Kompliment. Am zweiten Tag sind wir nackt in Tierkostümen über die Bühne gerannt und haben Musik gemacht und Schlager gesungen. Und auch die Vier untereinander, die auf der Bühne stehen: In keiner Sekunde würde ich annehmen, dass die sich nicht kennen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass dies die erste Woche ist. Es war schon krass! Es ist wirklich ein fantastisches Arbeiten gerade, obwohl es um Nazis geht.
 

 

ART. 5|III: Seit wann proben Sie?


Julia Wissert: Heute ist der dritte Tag. Wir hatten aber Ende Juli schon fünf Tage vor den Theaterferien. Also acht Tage, und wir sind imgrunde fertig!

 

 

ART. 5|III: Spüren Sie so eine Art Aufbruchstimmung im Ensemble, ja im ganzen Haus?

 

Julia Wissert: Ja! Sogar nicht nur im Haus. Ich wurde letztens im Luitpold-Café angesprochen, ich glaube, vom Besitzer. Er meinte, er freue sich total auf frischen Wind in der Stadt. Anscheinend hat sich die Aufbruchstimmung schon weiter verbreitet als lediglich im Haus.

 


ART. 5|III: Auf Demonstrationen ist derzeit wieder zu erleben, dass das rechte Denken doch recht vielen Menschen hierzulande, auch in Oberfranken, nicht fremd ist. Insofern ist Küsperts Stück sicherlich hochgradig aktuell. Was kann das Theater, was kann gerade auch das Bamberger Haus tun, um sich für Freiheit, für ein friedliches Miteinander, für Demokratie stark zu machen?

 

Julia Wissert: Wow, okay! Das ist natürlich eine Frage! Ich würde jetzt eher aus dem „rechten denken.“ heraus argumentieren. Konstantin Küspert versucht imgrunde, die Komplexität des Themas im Theater spürbar ästhetisch zu übersetzen, sodass es wegkommt von etwas Theoretisch-Diskursivem hin zu etwas, was versinnlicht wird. Sein Stück ist nicht ganz einfach, auch im Aufbau nicht und dem, was Küspert will. Sein Anspruch ist es tatsächlich, die Welt zu verbessern. Was mir wichtig wäre an einem Theater ist, dass es sich klar positioniert zu politischen Bewegungen innerhalb der Stadt und Region, in der das Theater verankert ist. Es ist wichtig, dass man sagt, dass man künstlerisch im Austausch steht mit BürgerInnen, dass man eine Haltung beziehen muss und dass man irgendwie sagen muss: Das denken wir, und ihr könnt euch dazu verhalten und mit uns in den Dialog treten. Das würden wir uns wünschen.

 


ART. 5|III: Es wird, im Gewölbekeller, Einführungen geben.


Julia Wissert: Das freut mich. Dieses Stück ist so kompliziert und komplex. Wenn man zum ersten Mal drin sitzt, könnte ich mir vorstellen, dass man erst einmal denkt: „Wow!“ Es kommen so viele Informationen und Ideen, der Versuch ist so groß! Auch den Schauspielern ist es ein Anliegen, dass es Vor- oder Nachgespräche gibt, weil sie sagen, wenn man das sieht, denkt man vermutlich, wir seien verrückt. Sie sagen: „Wir sind dazu da, um mit euch darüber zu sprechen, was ihr gesehen habt, wo es für euch funktioniert hat, wo ihr denkt, es ist total falsch.“ Das, finde ich, wäre die Aufgabe eines Theaters.

 

 

ART. 5|III: Diese Komplexität wäre ja auch ein Grund, dass sich das Publikum das Stück zweimal anschaut.

 

Julia Wissert: Man kann sich das Stück dreimal anschauen. Es gibt drei unterschiedliche Positionen, wo man sitzen kann und von denen aus man unterschiedliche Dinge sehen kann.

 

 

ART. 5|III: Das nimmt eine Frage vorweg. Was zeichnet Ihre Inszenierung aus? Warum sollten die Bamberger sich gerade „rechtes denken.“ anschauen?

 

Julia Wissert: Das ist eine sehr schwierige Frage, weil ich natürlich meine eigenen Arbeiten auf dieser Ebene überhaupt nicht reflektieren kann. Jedenfalls fällt es mir wahnsinnig schwer. Außerdem bin ich ja imgrunde noch eine Anfängerin. Alle Arbeiten, die ich in den vergangenen anderthalb Jahren produziert habe, sind komplett unterschiedlich. Formal, inhaltlich. Einen gemeinsamen Nenner gibt es: Form und Körper sind mir sehr wichtig. Mich interessiert Theater nicht als Raum, der die Wirklichkeit reproduziert, sondern als Raum, der eine Möglichkeit von Hyperästhetisierung oder Verdichtung bietet, um einen Verweis auf etwas in der Wirklichkeit zu schaffen.

 

 

ART. 5|III: Ist die Beteiligung der Schauspieler typisch für Sie?

Julia Wissert: Ich kenne es nicht anders. So krass, wie es jetzt gerade ist, war es noch nie, weil die Schauspielerbeteiligung es etwas anderes ist, wenn ich eine psychologische Figur füllen muss. Aber jetzt gibt es weder psychologische Figuren, noch gibt es einen Raum. Küspert hat drei, vier Orte gesetzt, die man annehmen könnte. Ansonsten kam wirklich alles daraus, dass wir dachten, diese drei Sachen zu verbinden, müsse das Konzept sein.

 

ART. 5|III: Ihnen ist auch die Verdichtung wichtig, und weil dem so ist, streichen Sie ganz gerne, wenn Sie Klassiker wie Ibsens „Nora“ oder „Emilia Galotti“ von Lessing machen, oder schmeißen eine Figur komplett raus?

Julia Wissert. Ich liebe es, zu streichen. Ich muss wirklich sagen, mich nervt ganz viel ganz schnell. Es langweilt mich. Bei „Nora“ war das so. Das war ein großer Theaterskandal, eine „Nora“ zu machen ohne Weihnachtsbaum [am Thalia-Theater]. Amélie Niermeyer ist ausgerastet. Da gab es nächtelange Gespräche.

 


ART. 5|III: Dem Publikum hat es gefallen? Es gab schließlich den Publikumspreis dafür!

Julia Wissert: Ja! Das war ein richtig toller Preis. Wir mussten uns da in Hamburg [von der Kritik] Sachen anhören, dass ich antifeministisch inszeniere, ob ich meine Figuren überhaupt mag. Und dann vom Publikum so einen Preis zu bekommen, das ist natürlich … Wir sind dann zurück nach Salzburg geflogen, und alles war in Ordnung.

 


ART. 5|III: Wie nähern Sie sich einem neuen Thema, einer neuen Inszenierung an? Über den Text?

Julia Wissert: Unterschiedlich. Das hängt davon ab, ob ich schon einen Text habe, oder ob ich angefragt werde, was ich machen wollen würde.

 

ART. 5|III: Ist das gängig, dass man angefragt wird, zu einem bestimmten Thema, und man fragt bei Ihnen nach, wie Sie sich dem wohl nähern würden?

Julia Wissert: Normalerweise läuft das so, dass man zu Gesprächen eingeladen wird mit Dramaturgen. Dann geht es darum, sich erst einmal kennenzulernen und zu schauen, ob man eine gemeinsame Sprache findet, weil das tatsächlich so, so wichtig ist, dann mit Leuten zu arbeiten, die mit meiner Fantasie auch mitgehen können und nicht plötzlich denken: Was macht die da? In der letzten Spielzeit war es so, dass die Stücke gesetzt waren und ich gefragt wurde, ob ich sie inszenieren würde. Langsam aber sicher verändert es sich dahingehend, dass ich gefragt werde, was mich gerade umtreibt oder was mich interessiert, worüber ich gerade nachdenke. Das sind super Voraussetzungen.

 

ART. 5|III: Ein gutes Gefühl, oder?

Julia Wissert: Ja klar!

 

ART. 5|III: Wenn Sie Werke zeitgenössischer Autoren auf die Bühne bringen, besteht ja die Möglichkeit, sich mit der Verfasserin, dem Verfasser auszutauschen. Machen Sie davon Gebrauch oder verlassen Sie sich ganz auf Ihre eigene Lesart / Intuition?

Julia Wissert: Das ist schon meine dritte Uraufführung jetzt. Bei Juan Mayorga war es so, dass ich nicht mit ihm gesprochen habe. Er kam zur Premiere. Ich stehe aber jetzt immer noch mit ihm in Kontakt. Bei Küspert ist es jetzt tatsächlich so, dass Konstantin und ich viel geskypt und telefoniert und gesprochen haben, weil natürlich Konstantins und meine Erfahrungen sehr unterschiedlich sind, wenn es um rechtes Denken geht. Er geht mit einem anderen Erfahrungsschatz an das Thema heran als ich.

 

ART. 5|III: Ihr Erfahrungsschatz würde uns interessieren.

 

Julia Wissert: Mein Erfahrungsschatz als schwarze deutsche Person, die 1984 in Freiburg geboren wurde?

 

ART. 5|III: Genau.

Julia Wissert: Sagen wir, ich kann jetzt nicht jeden Tag verstecken, dass ich eventuell nicht zu hundert Prozent bio-deutsch bin. Deswegen gibt es schon den ein oder anderen Moment, wo man dann mit Marginalisierung oder Rassismus konfrontiert wird. Natürlich habe ich Rassismuserfahrungen gemacht, ich mache sie immer noch. Auch wenn ich hier in Bamberg bin. Ich denke jeden Tag: „Das wird, glaube ich, eine ganz schön harte Nuss hier.“ Aber das ist jetzt mit 31 Jahren natürlich etwas anderes als damals mit sieben. Wenn man einmal damit anfängt, sich überhaupt bewusst zu machen, wo Rassismus, wo Gewalt, wo die Marginalisierung und Unterdrückung von Frauen beginnen und sich damit auseinandersetzt, hört das ja gar nicht mehr auf. Man sieht es plötzlich überall. Man sieht, dass die Werbung, dass die IKEA-Werbung, die jetzt gerade überall hängt, so schlimm ist! Da sind nämlich immer nur Frauen mit Kindern auf den Bildern. Oder diese Waschmittelwerbungen. Sie sind noch genauso wie vor fünfzig Jahren! Konstantin Küspert als weißer Mann kann entscheiden, in einer rassistischen oder marginalisierenden Situation, ob er interveniert. Bei mir ist es so, dass ich mich nicht entscheiden kann. Weil ich immer schwarz bin. Egal was ich mache. In diesem Sommer hatte ich das in einem anderen Kontext.

 

ART. 5|III: Inwiefern?

Julia Wissert: Ich bin nach New York geflogen und war zwei Tage lang in Harlem. Das war wirklich… Da dachte ich: „Also so wäre das, wenn ich weiß wäre in einer weißen Mehrheitsgesellschaft.“ Wenn plötzlich alle schwarz sind, oder Latinos, und jeder Weiße auffällt. So stelle ich mir das ungefähr vor, wenn einem die Welt gehört. Wenn ich hier in Bamberg durch die Fußgängerzone laufe, frage ich mich, ob die mich plötzlich anschauen, weil ich so fantastisch aussehe, oder blicken die mich an, weil ich schwarz bin. Wenn Sie weiß sind und dann auch noch ein heterosexueller Mann, dann gehört Ihnen die Welt. Es ist ein Privileg, nicht darüber nachdenken zu müssen, ob man weiß ist oder nicht. Weiß ist die Norm. Das sagt auch die Modezeitschrift. Ich liebe Modezeitschriften. Zu diesem Themenkomplex gibt es ein sehr interessantes Buch von Richard Dyer, „White. Essays on Race and Culture“, das sich gerade auch mein Freund zugelegt hat. Oh, jetzt sind wir ein bisschen abgekommen.

 

ART. 5|III: Macht nichts. Ist spannend. Aber erlauben Sie uns noch zwei, drei kleine Fragen. Sie sind in Freiburg – kein schlechtes Theater – geboren und aufgewachsen.

 

Julia Wissert: Ich bin im Kaiserstuhl aufgewachsen.

 

 

ART. 5|III: Wunderschöne Gegend! Die meisten Sonnenstunden in Deutschland noch dazu.

 

Julia Wissert: Stimmt! Ich komme aus einer Winzerfamilie. Das ist die multiperspektivische Komplexität meiner Identität.

 

 

ART. 5|III: Sie haben später am Twickenham-Campus der University of Surrey studiert und am Mozarteum. Gibt es jemanden, der Sie besonders beeinflusst hat, vielleicht sogar so etwas wie eine Mentorin, einen Mentoren?

 

Julia Wissert: Klar. Wer natürlich sehr wichtig für mein Regisseurin-Werden ist, ist auf jeden Fall Amélie Niermeyer [von 2002 bis 2005 Intendantin am Freiburger Theater]. Als ich bei ihr vorgesprochen hatte, war ich gerade an einem Punkt, wo ich mich fragte, ob ich überhaupt Theater machen wollte. Und dann kam Amélie und hat mich nach einem sehr langen Prozess dann doch aufgenommen und meinte, ich müsse einfach einmal machen, machen, machen und ausprobieren und aufhören, zu denken. Dann habe ich auch wirklich nur produziert und ausprobiert. Und das war super für mich. Ich weiß auch, dass ich in Amélie, egal was ich mache, immer eine große Fürsprecherin haben werde. Für meine Zeit in London war es aber eher Kasia Zaremba-Byrne, weil sie die Abteilungsleiterin von „Physical Theatre“ war. Mit Kasia zusammen haben wir eine Compagnie gegründet. In England lag mein Fokus viel mehr auf Körpertheater, auf dem Körper im Raum, darauf, so eine Wahrnehmung zu haben, so Dinge, die für mich heute noch wahnsinnig wichtig und selbstverständlich sind, aber einfach nicht als solches begriffen werden. Dass ich, wenn ich irgendetwas spielen will und auf die Bühne komme, dass ich ja nie eine neutrale Position habe, sondern dass ich ja erstmal so einen Nullpunkt haben muss, von dem aus ich dann irgendetwas bauen kann. Deswegen auf jeden Fall Kasia. Kasia und Amélie.

 

 

ART. 5|III: Sie haben ja doch schon einige Preise gewonnen. Zwei, drei? Beispielsweise den Kurt-Hübner-Regiepreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste.

 

Julia Wissert: Drei.

 

 

ART. 5|III: Wie wichtig sind solche Auszeichnungen, wie wichtig ist die Teilnahme an Festivals, an Theatertreffen und an Wettbewerben für die Laufbahn einer aufstrebenden Regisseurin?

 

Julia Wissert: Das ist eine extrem schwierige Frage, weil ich mich natürlich nie hingesetzt habe und gesagt habe: „So, jetzt arbeite ich etwas, womit ich einen Preis gewinne.“ Preise sind vielmehr die Kirsche auf der Sahne, wo man dann eben, nachdem man eine Woche durch den Kakao gezogen wurde, zum Beispiel vom Publikum so etwas wie einen Abschiedskuss bekommt, den man dann im Herzen trägt, weil man den Applaus nie vergisst. Und beim Kurt-Hübner-Regiepreis, eigentlich für die erste größere Produktion außerhalb der Universität [es war Wisserts Diplomarbeit], wurde ich zusammen mit Samuel Finzi und Wolfram Koch ausgezeichnet, und ich dachte, egal, was jetzt noch passiert, ich habe Samuel Finzi und Wolfram Koch kennengelernt. Die haben einzeln schon doppelt so viel Theatererfahrung wie ich überhaupt Lebenserfahrung habe. Und da so aufgenommen zu werden, ist natürlich krass. Man erfährt Respekt für die Zukunft und für das Weiterarbeiten. Und klar, es ist immer geil, einen Preis zu gewinnen. Bei meiner Dankesrede war es mir wichtig, klarzustellen, dass ich zwar jetzt hier als Einzelne stehe, aber für die Arbeit von Vielen ausgezeichnet werde. Ich sitze da und darf entscheiden, was auf die Bühne kommt. Aber da sind Dramaturgen, da sind Presseleute, da sind Schauspieler, da sind Hospitanten. Ich hatte eine Assistentin. Die sorgen ja auch dafür, dass ich überhaupt funktionieren kann.

 

 

ART. 5|III: Wie geht es denn mit Ihnen weiter? Wird man zum Beispiel hier in Bamberg wieder eine Inszenierung von Ihnen erleben können, oder ist das noch nicht abzusehen? Die Intendanz macht das vermutlich vom Erfolg abhängig, oder?

 

Julia Wissert: Ich kann Ihnen das gar nicht sagen. Normalerweise gibt es dann irgendwann Gespräche und es kommt auch immer darauf an, ob in der kommenden Spielzeit überhaupt etwas dabei ist, was passen würde. Und ja, natürlich wird das auch vom Erfolg abhängig gemacht.
ART. 5|III: Wenn Sie in Bamberg mit Pauken und Trompeten durchfallen, wird es sicher schwierig.
Julia Wissert: Dann wird es sicherlich schwierig. Aber dann wissen wir wenigstens, dass es sich gelohnt hat. Wir lehnen uns gerade richtig weit aus dem Fenster. Ich mag lieber vom Zehnmeterbrett scheitern als irgendwie im Kinderbecken nicht richtig durchzukommen.

 

ART. 5|III: Ich würde noch gern wissen, ob die Inszenierung einer Uraufführung mehr Verantwortung mit sich bringt als ein Stoff, den man schon dreißig-, vierzigmal in verschiedenen Varianten gesehen hat und dann eine neue Variante herauskitzeln muss. Spürt man da einen Unterschied?

Julia Wissert: Ich habe, bevor Sie die Frage gestellt haben, ehrlich gesagt noch nie darüber nachgedacht. Und jetzt bekomme ich gerade Panik. Nein. Eine Verantwortung? Es ist komisch, jemanden zu haben, der mit einem spricht, wenn der Autor noch lebt. Das ist irgendwie komisch, dass man noch einen Gesprächspartner mehr hat als das, was man sonst kennt. Ich merke auch wirklich, dass es mir bei Küspert wahnsinnig schwerfällt, zu streichen. Ich merke, dass die Art zu arbeiten anders ist. Ich würde auch sagen, dass Konstantins Text sehr speziell ist. Bei „Nora“ zum Beispiel war das eine Art, so zu arbeiten, dass man wirklich die Essenz rausklopft und es so sehr zusammenpresst, bis man nichts anderes mehr rauszieht, und bei „rechtes denken.“ ist es jetzt so, dass man etwas oben draufsetzt und kuckt, wo kann ich das, was Konstantin erzählt, irgendwie versinnlichen. Also vielleicht eher so eine additive Form der Regie.

 

ART. 5|III: Wir danken Ihnen, werte Frau Wissert, für dieses ausführliche Gespräch und wünschen Ihnen toi, toi, toi.

 

Foto Julia Wissert, Foto © Nikolas Fabian Kammerer

Jürgen Gräßer und Ludwig Märthesheimer
09.10.2015

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