„...ersichtlich gewordene Taten der Musik“

Richard Wagners „Götterdämmerung“ im Konzert der Bamberger Symphoniker

„...ersichtlich gewordene Taten der Musik“

Ein Gastbeitrag von Wolfgang Fink, Intendant der Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie

 

200 Jahre Richard Wagner

 

Wenn die schiere Menge dessen, was über einen Menschen geschrieben wird, nicht nur ein Zeichen ist für die Faszination, die von seinem Wirken ausstrahlt, sondern auch für dessen Unergründlichkeit und die Ambivalenz, mit der man ihm begegnet, dann zählen Richard Wagner und sein Werk gewiss zu den rätselhaftesten Erscheinungen der neueren Kulturgeschichte. Bibliotheken füllende Abhandlungen sind verfasst worden zu seinen Werken, zu seiner Biographie mit all ihren Brüchen, zu seiner Wirkung auf Kunst, Politik und den Lauf der Welt. Gibt es dem überhaupt noch etwas hinzuzufügen? Aber ja: Wer so anhaltend glühende Verehrung einerseits und hasserfüllte Ablehnung andererseits hervorruft, an dem muss so viel dran sein, das die nähere Betrachtung immer wieder lohnt.

 

Ende Januar und Anfang Februar 2013 steht die „Götterdämmerung“ auf dem Programm der Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie, mit der das Orchester und sein Chefdirigent Jonathan Nott den Ring-Zyklus abschließen, nachdem sie in den vergangenen Jahren bereits „Das Rheingold“, „Die Walküre“ und „Siegfried“ erkundet haben. „Götterdämmerung“ ist nicht einfach nur der Abschluss des „Ring des Nibelungen“. Was die Dimensionen dieses Werkes angeht und die Ansprüche an alle Beteiligten – Publikum inklusive! –, ist es selbst in Wagners immer zur Monumentalität tendierendem Oeuvre ein Solitär, denn mehr als sonst irgendwo verschmilzt Wagner hier Unvereinbares: epische Breite findet sich neben dramatischer Kürze, musikalisch zarteste Eingebungen neben orchestralem Aplomb, philosophische Weltentwürfe neben handfester „Theatersprache“. Vor allem aber evoziert Wagner in der „Götterdämmerung“ Bilder, dramatische Sequenzen und audiovisuelle, wenn nicht gar: synästhetische Stimmungen, die Grenzbereiche des Sag- und Erlebbaren streifen.

 

Das Gesamtkunstwerk

 

Diese Fülle an Form und Inhalt rief Widerstände hervor und ist vielen noch immer ein Skandalon. Aber Theater war für Wagner eben viel mehr als nur Spiel oder gar „Unterhaltung“. Er steht zwar am Ende einer langen operngeschichtlichen Entwicklung und war zugleich ein Neuerer, der die Musik seiner Zeit und des 20. Jahrhunderts wesentlich beeinflusste. Er verstand sich auch und vielleicht sogar in erster Linie als Reformer der Idee des Theaters an sich. Die Oper war ihm „Wort-Ton-Drama“, mit eindeutiger Betonung des „Dramas“. Das Theater sollte die Bedeutung zurückerhalten, die es im antiken Griechenland wohl einmal hatte: Stätte der geistig-moralischen Sammlung, nicht der Zerstreuung.

 

Allein, diese kathartische Wirkung des Kunsterlebnisses zu erreichen, erforderte nicht nur „den neuen Menschen“, es bedurfte auch einer völlig neuen Konzeption des Kunstwerkes an sich: das „Kunstwerk der Zukunft“. Wirkmächtig zu sein in dem Sinne, der Wagner vorschwebte, war der Kunst, so Wagners Hypothese, nur möglich, wenn alle ihre Erscheinungsformen – Musik, Text, dramatische Darstellung und bildnerische Gestaltung – verschmelzen zum „Gesamtkunstwerk“.

 

Prima la musica?

 

Die Umsetzung seiner Idee erlebte Wagner freilich nicht einmal ansatzweise, das „Gesamtkunstwerk“ blieb, biographisch gesehen, ein Phantasma. Bei den ersten Bayreuther Festspielen 1876 erlebten die Zuschauer ein Desaster. Szenisch lief so gut wie nichts nach seinen Vorstellungen. Cosima Wagner hat es in ihrem Tagebuch festgehalten: „Rheingold-Aufführung mit vollständigem Unstern, Betz [der Sänger des Wotan] verliert den Ring, läuft zweimal in die Kulissen während des Fluches, ein Arbeiter zieht den Prospekt [die damals noch gemalten Kulissen] zu früh bei der ersten Verwandlung heraus und man sieht die Leute in Hemdärmeln da stehn und die Hinterwand des Theaters, alle Sänger befangen… R[ichard] ist sehr traurig, sagt, er möchte sterben!“

 

Was war geschehen? Die musikalischen Vorproben im Sommer 1875 waren doch in völliger Heiterkeit verlaufen, waren erfüllt vom Enthusiasmus und der Hingabe aller Beteiligten an die Sache in schönster Zuversicht auf ein großartiges Gelingen des epochalen Unterfangens. Cosima schreibt darüber: „Als wirklich geglückt darf diese Vereinigung erscheinen… R[ichard] wird jubelnd vom Orchester empfangen… himmlische Klangwirkung, überwältigender Eindruck, R[ichard] sehr ergriffen… alle, Musiker wie Sänger, mit unbedingter Begeisterung und Freude dabei, unbeschreiblicher Eindruck… Der Schluß geschieht unter solcher Ergriffenheit, daß alle Teilnehmenden sich gestehen, nicht zu wissen, wie sie das gewöhnliche [Leben], zumal das gewöhnliche Theaterleben werden ertragen können.“

 

Spricht daraus der Triumph der Musik über die Szene, der Sieg der immateriellen Idee über deren praktische Umsetzung? Wagner, dem „Theatertier“, wird man kaum eine Abwendung von jener Sphäre unterstellen können, die sein Lebensinhalt war. Und doch macht ein Eintrag in Cosimas Tagebuch zwei Jahre nach den ersten Festspielen vom 23.9.1878 nachdenklich: „[Richard sagt] ‚ach! Es graut mir vor allem Kostüm- und Schminke-Wesen… nachdem ich das unsichtbare Orchester geschaffen, möchte ich auch das unsichtbare Theater erfinden!’“

 

Ist das nun Koketterie – oder ahnt Wagner bereits, dass diese zentrale Idee seines Gedankengebäudes besser Idee bleiben sollte, wenn ihre Umsetzung auch ihre Zerstörung oder zumindest Beeinträchtigung bedeuten würde? Tatsache bleibt, dass selbst im für damalige Verhältnisse auf dem neuestem Stand der Technik befindlichen Bayreuther Festspielhaus die Umsetzung der Vision von schwimmenden Rheintöchtern, durch die Luft fliegenden Walküren, feuerumlohten Felsen, giftige Säfte speienden Drachen und einem „Tsunami aus dem Rhein“ Wunschdenken bleiben musste – so poetisch die zweidimensionalen, gemalten Bühnenbilder im schwachen Lichtschein auch gewirkt haben mögen.

 

Das Dilemma der Regie

 

Und die Situation heute? Ob man will oder nicht: Man hat sich einzugestehen, dass das Szenisch-Visionäre an Wagners Opern, auch und gerade mit heutiger Technik sich im Theater allenfalls ansatzweise umsetzen lässt. 

 

Das Problem wird noch dadurch verschärft, dass Film, Kino, Fernsehen, Internet, 3D-Animation und dergleichen unsere optischen Ansprüche in einer ganz anderen Richtung geprägt und Standards gesetzt haben, zu denen Wagner selbst in seinen kühnsten Träumen nicht vordrang. Dieser „Vorsprung“ der anderen Medien gegenüber der Bühne ist nicht einzuholen. Doch was tun die Theater? Anstatt einen Gegenentwurf zu den durch technischen Fortschritt geprägten Gewohnheiten des Publikums zu erdenken, richten die allermeisten Regisseure ihr Augenmerk auf eine pseudorealistische oder pseudonaturalistische Umsetzung, ohne auch nur annähernd dem optischen Fantasiepotential unserer zuinnerst visuell geprägten Welt-Erfahrung zu entsprechen. Deshalb ist die Frage nicht von der Hand zu weisen, ob ein Regisseur, der versucht, Wagners Visionen umzusetzen, nicht zwangsläufig nur Halbfertiges zustande bringen kann. Falls er sich dies eingesteht, ist es dann nicht folgerichtig, dass er, um Kitsch oder Dilettantismus zu vermeiden, sich von der hermeneutischen Deutung des Kunstwerks abwendet und ein „Parallelkunstwerk“ schafft, um überhaupt bestehen zu können?

 

Doch wie besteht man neben einem Genie vom Format Richard Wagners? Welchen Anspruch darf der Zuschauer und -hörer an die Neu- oder Umdeutung dessen stellen, was im Buche steht? Steckt nicht bereits in diesem Ansatz eine maßlose oder, besseren Falls: naive Hybris? Selbstverständlich wäre gegen einen spannungsreichen Gegensatz von Musik und Szene gar nichts einzuwenden. Aber was tun, wenn die Regie dem Publikum so viel weniger zu erzählen hat, als Wagner selbst? Das groteske und mit Worten oft kaum noch zu beschreibende Missverhältnis im derzeitigen Opernalltag tritt vollends zutage, wenn man sich die Szene einmal ohne Musik vorstellt: ein anspruchsvolles intellektuelles Experiment, weil man zwar die Augen, nicht jedoch die Ohren verschließen kann.

 

Im nochmaligen Umkehrschluss kommt die bilderlose Aufführung als Möglichkeit ins Spiel, die dem im Opernhaus unterforderten Publikum eine adäquate, aufregende Rolle zuteilt: die Rolle des aktiv Teilhabenden. Wir halten, verkürzt gesagt, in einer Zeit der optischen Beliebigkeit und der völligen Kontingenz aller Zeichen eine Umwertung der Parameter, die das Theater ausmachen, für angezeigt mit dem Ziel das Objekt (Szene) zum Subjekt zu machen und in die Imagination des Zuschauers/ -hörers zu verlegen. Die passive Rezeption wird zur aktiven Partizipation. Der Mittler (Regisseur) geht auf im Empfänger. Die unzulängliche Darstellung (Präsentation) wird zum unmittelbaren – weil intrinsischen – und damit vollkommenen Erleben (Imagination). Es gibt keine In-Szenierung mehr, das Gehörte ist die Szene selbst. Damit fällt auch die „Zensur des Praktikablen“, da in der eigenen Fantasie alles möglich ist.

 

Das „Gesamtkunstwerk“ findet dann im Kopf statt, im Herzen, im Bauch. Die Kraft der Musik evoziert in der Fantasie und Erinnerung des Hörers Bilder, Farben, Gesten, vielleicht sogar Gerüche, die, weil sie subjektiv sind, eine ungeahnte emotionale Kraft entwickeln – eine Kraft, die von keiner In-Szenierung auszugehen vermag.

 

Kurz – und notwendigerweise paradox – gesagt: Das Gesamtkunstwerk in seiner sympathisch anmaßenden Fülle und Wucht wird erlebbar, wenn es vom Zwang seiner stofflichen Umsetzung befreit wird. Es öffnet sich die Perspektive auf ein Theater der Imagination, das den wichtigsten Akteur, die Musik, dort präsentiert, wo er hingehört: vor aller Augen.

 

Wird dann das Drama nicht erst – wie Wagner es formulierte – zu „ersichtlich gewordenen Taten der Musik“? Machen Sie doch die Probe aufs Exempel!

 

 

Info:

 

 

Richard Wagner:

Götterdämmerung

Bamberger Symphoniker – 

Bayerische Staatsphilharmonie

Jonathan Nott, Dirigent

Christian Voigt

Michael Nagy

Alexei Tanovitski

Martin Winkler

Petra Lang

Jutta Maria Böhnert

Elisabeth Kulman

Ulrike Helzel

Astrid Weber

Martina Rüping

Rundfunkchor Berlin

(Einstudierung: Eberhard Friedrich)

 

Sa., 26. Januar 2013

20.00 Uhr (1. Aufzug)

 

Di., 29. Januar 2013

20.00 Uhr (3. Aufzug)

 

Fr., 1. Februar 2013

20.00 Uhr (2. Aufzug)

 

So., 3. Februar 2013

14.30 Uhr (1. Aufzug)

 

So., 3. Februar 2013

17.45 Uhr (2. Aufzug)

 

So., 3. Februar 2013

20.00 Uhr (3. Aufzug)!

 


10.01.2013

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