Anhang I:

Ein malerischer Einwurf von Jürgen Gräßer

Anhang I:

 Da sind wir nun ein bisschen auch im Fichtelgebirge herumgewandert“, schreibt der „eben von Bayreuth“ nach Iglau zurückgekehrte Gustav Mahler im Juli 1883 an seinen Freund Fritz Löhr. Im Festspielhaus hatte Mahler erstmals den „Parsifal“ erlebt, war so tief beeindruckt davon, dass er „keines Wortes fähig“ gewesen. Doch war es nicht allein Wagner, der den Ohren- und Lesemenschen Mahler nach Oberfranken gezogen hatte, denn „wir sind auch nach Wunsiedel gekommen“ – in den Geburtsort seines ihm lebenslang liebsten Autoren, Jean Paul.

 

Ein Jean-Paul-Ton lässt sich Mahlers (oft „in aller Eile“ hingeworfenen) Briefen attestieren, schwärmerisch, exaltiert, zerrissen wie sie sind, Anklänge an Schoppe-Zynismus und Walt-und-Wult-Stimmung, an die „Flegeljahre“ also, an den „Titan“, auch den „Liedern eines fahrenden Gesellen“, auf eigene, der (nicht zeitlebens) Liebsten, Johanna Richter, zugedachten Gedichte.

 

Bereits mit seiner Ersten weitet Mahler die Symphonie ins Epische, macht daraus, wie Kurt Blaukopf schreibt, einen „instrumentalen Roman“ und gibt ihr, der in Leipzig erdachten, in Budapest 1889 uraufgeführten „Tondichtung in Symphonieform“, als er sie vier Jahre später in Hamburg ansetzt, den programmatischen, alsbald wieder widerrufenen Titel „Titan“ mit auf den Weg. So geheißen nach Jean Pauls Roman eben. Zudem evoziert der erste, „Blumen-, Frucht- und Dornstücke“ genannte Teil den „Siebenkäs“, der ursprüngliche zweite Satz („Blumine“) Jean Pauls „Herbst-Blumine“.

 

Ein Trompetensolo aus der „Blumine“ (legato, Sechsachteltakt, auftaktige, aufsteigende Quarte) stammt aus der verloren gegangenen, für einen Zyklus sieben lebender Bilder aus dem „Trompeter von Säkkingen“ in Kassel „Hals über Kopf“ komponierten Begleitmusik des „Herrn Musikdirektor Mahler“. Das zugrunde liegende Versepos – und hier kommt eine weitere mit Franken verbundene Figur ins Spiel – hat Joseph Viktor von Scheffel sich ausgedacht. Freilich geht die Musik, wie der keine zwei Dutzend Jahre alte Mahler, wiederum an Löhr, in fast jugendlicher Zuversicht festhält, „weit über den Dichter“ (auch des Franken-Liedes) hinaus.

 

Eine kurze Volte noch: „Zu Deiner Jean-Paul Lektüre gratulire ich – es ist harte Kost, wol dem, der es verdauen kann“, lässt Gustav im August 1891 die geliebte Schwester Justine wissen. Jean Paul, dessen Humor und Ironie (nicht nur aus der „Vorschule der Ästhetik“) sich bei Mahler ein ums andere Mal findet, auch im Eröffnungssatz der Vierten.

 

Und seinem „liebsten Luxerl!“, seiner „Geliebten! Guten Morgen!“, „meinem Almscherl“, „meinem Almschili“ gegenüber, der später, im Zug von Amsterdam über Köln nach Wien, schlicht als „L. A-li!“ apostrophierten, noch später, nämlich aus Toblach, im letzten August, mithin 1910, als sie ihn mit Gropius hintergeht, als „Holdeste!“, „Liebste!“, „Mein Liebling“, „Mein Saitenspiel“, gar „Mein Lebensathem“, „Mein Almschilitzilitzilitzi“ angerufene Alma, geborene Schindler, verheiratete Mahler-Gropius-Werfel, vor „Mein Lieb!“ also bekennt „Dich vielmals abbusselnd Dein Gustav“, dass ihm die Bücher leider schon ausgingen und, „da ich es nicht so machen kann wie Quintus Fixlein, der sich seine Bibliothek nach und nach selbst geschrieben“ (hier allerdings irrt Mahler, er meint das „Vergnügte Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal“), müsse er, Mahler, sich „irgend etwas kaufen“, sobald er nach Klagenfurt kommen.

 

Jürgen Gräßer
11.01.2013

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