Abriss, Integration oder Neubau?

Die Pläne für die Ruine und den Umgriff der Sterzermühle in der Bamberger Flusslandschaft rühren an grundsätzliche Fragen

Abriss, Integration oder Neubau?

 Es gehört zu den geheiligten Prinzipien der Architektenzunft, dass eine – wodurch auch immer entstandene – innerstädtische Baulücke stets im Sinne einer zeitgenössischen Architektursprache zu schließen sei. Die Rekonstruktion eines früheren Zustands ist also verpönt, doch das Vorhandensein von mehr oder weniger markanten Ruinenresten darf durchaus zu anderen Schlussfolgerungen führen. Im Falle des zentralen Abschnitts des Mühlenviertels in der Bamberger Altstadt, der von dem Erdgeschosstorso der vormaligen Sterzermühle geprägt ist, steht nach den Planungsversuchen vor ca. 10 Jahren, die im Scheitern eines Architektenwettbewerbs endeten, nunmehr ein Vorschlag im Raum, der die vorhandene Ruine in einen Neubau integriert.

Architekt Heinz Rosenberg, der hier im Auftrag eines Münchner Investors plant, plädiert dafür, die Reste der Sterzermühle als Kriegsruine erkennbar bleiben zu lassen, sie aber in einen zeitgemäßen Neubau einzubinden. Dass sie künftig als Eingangsbereich für das neue Welterbezentrum dienen soll, hat natürlich einen beziehungsreichen Hintersinn, denn die Konfrontation von alter und neuer Architektur im Spannungsfeld einer Weltkulturerbestadt hat schon in der Vergangenheit immer wieder zu Debatten geführt und ist gerade im Umfeld des besonders zentral gelegenen und daher empfindlichen Mühlenviertels von entscheidender Wichtigkeit. Art5drei hat sich mit Heinz Rosenberg über das Projekt unterhalten.



Wie stehen Sie grundsätzlich zu der Option, in einer historischen Altstadt rekonstruierend zu verfahren, zumal dann, wenn noch Ruinenreste des Vorgängerbaues vorhanden sind?

Heinz Rosenberg: Das Weltkulturerbe, die Altstadt von Bamberg, ist durch die Ablesbarkeit der Geschichte so bedeutend. Jede Epoche hat die jeweilige Baukultur dokumentiert. Wenn in zeitgemäßer Architektur Reste eines Vorgängerbaues integriert werden, sollten sich diese deutlich abheben, um auch hier die Geschichte der Unteren Mühlen zu dokumentieren.

 

 

Das Ergebnis des letztlich gescheiterten Architekturwettbewerbs vor ca. 10 Jahren war eine Präsentation von sechs modernen, einigen sogar recht gewagten Entwürfen, die bei Fachleuten teils auf Zustimmung, in breiteren Bevölkerungskreisen jedoch auf harsche Ablehnung stießen. Hören Sie bezüglich Ihres eigenen Tuns eher auf Kollegenmeinungen oder muss auch die Vox populi zu ihrem Recht kommen?

Heinz Rosenberg: Wenn sich ein Neubau in das sensible historische Umfeld einfügt, die Nutzung erkennen lässt, die Bauzeit nicht verleugnet und die gewählten Materialien stimmen, werden Kollegen sowie die Bamberger Bevölkerung einverstanden sein. Sicherlich wird es, wie bei jedem Entwurf, positive und negative Reaktionen geben.

 

 

Setzen Sie mit der Einbeziehung der Sterzerruine eher auf eine Kontrastwirkung oder auf so etwas wie „Anpassung“?

Heinz Rosenberg: Die Reste der ehem. Sterzermühle sollen im Kontrast zum Neubau deutlich als solche zu erkennen sein. Eine Anpassung des Neubaues käme einer Rekonstruktion gleich.

 

 

Wie sieht in Ihrem Entwurf die Rücksichtnahme auf die umgebende historische Bebauung bezüglich der Form des Baukörpers und der einzuhaltenden (Bebauungsplan) bzw. wünschenswerten Abstände aus?

Heinz Rosenberg: Das historische Umfeld und die Geometrie des Grundstücks ist die Grundlage für die Gestaltung des Neubaus. Hier im ehemaligen Gewerbegebiet der Unteren Mühlen handelt es sich um ein Areal mit Gebäuden unterschiedlichster Gestaltung und Epochen, welche alle von der Wasserkraftnutzung geprägt sind. Ein städtebaulich differenziertes und ungeordnetes Umfeld.

Mein Entwurf hat das Ziel, abweichend vom Bebauungsplan, nur einen Baukörper entsprechend der Geometrie des Grundstücks in die Enge der Nachbarbebauung zu planen, um „Ruhe“ in das sensible Umfeld zu bringen.

Dieser Entwurf beschränkt sich nur auf einen Teil des Grundstücks und schöpft die Bebauungsmöglichkeit des Bebauungsplans nicht aus.

 

 

Welche Gesichtspunkte haben Sie zu der Wahl der Dachform bewogen?

Heinz Rosenberg: Wesentlich war für mich, einen Baukörper zu planen, welcher sich in das Umfeld integriert, d.h. ein Baukörper mit durchlaufendem First und durchlaufender Traufe. Die Dachform als Satteldach nach Norden und abgewalmt nach Westen, um den Torso der Sterzermühle freistellen zu können.

Da in diesem Gebiet der Mühlen Dachformen wie Satteldach, Walmdach und Mansarddach mit unterschiedlichsten Dachneigungen vorkommen, war es für mich wichtig, durch die gewählte Dachform den Neubau in die städtebauliche Situation einzuordnen.

 

 

Und welche Überlegungen stecken hinter der Materialauswahl für die Schaufassade?

Heinz Rosenberg: Bei meiner Planung gibt es keine Schaufassade. Der geplante Baukörper ist durch die Geometrie des Grundstücks von allen Seiten gleich zu bewerten.

Die gewählten Fassaden-Materialien sollen durchgängig angewendet werden, sich aber deutlich vom Material der Ruine absetzen.

Vorgeschlagen waren für die Fassade, heimischer hellgrauer Quarzit-Sandstein, für die Dacheindeckung Naturschiefer in großformatiger Schablonendeckung. Für das Material der Fassade sind aber noch Alternativen in der Diskussion. Grundsätzlich kann ich sagen, dass Materialien zum Einsatz kommen werden, welche im Umfeld der Unteren Mühlen zu finden sind.

 

 

Gibt es, sollte Ihre Planung tatsächlich zur Durchführung kommen, irgendwelche Baurisiken, die auf der heiklen Lage inmitten der Regnitz beruhen?

Heinz Rosenberg: Nachdem ich vor 20 Jahren die Brücke zwischen Bruder- u. Bischofsmühle geplant habe, kenne ich die Situation genau. Durch objektbezogene Detailplanung kann das Baurisiko minimiert werden.

 

Copyright Bild:

Stepfermühle in Bamberg, Foto © Martin Köhl

Martin Köhl
02.12.2015

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