70 Jahre Bamberger Symphoniker

Ein Gespräch mit Intendant Marcus Rudolf Axt

70 Jahre Bamberger Symphoniker

 Herr Axt, Jubiläumsanlässe sind stets auch eine Gelegenheit, in die eigene Vergangenheit zurückzuschauen. Die Genese der Bamberger Symphoniker gilt als relativ bekannt, zumal nach der Veröffentlichung einer opulenten Keilberth-Biographie durch Thomas Keilberth, den noch lebenden und in Bamberg oft präsenten Sohn des Dirigenten. Trotzdem haben Sie sich nochmals mit der Geschichte des Orchesters beschäftigt. Gibt es Neues, muss irgendetwas umgeschrieben werden?
 

MRA: Nein, umschreiben müssen wir nichts, aber manches bezüglich unserer böhmischen Herkunft...

 

 

...die ja schon einmal von schlecht informierter Seite als „Lebenslüge“ der Bamberger Symphoniker diskreditiert wurde...

 

MRA: ...lässt sich jetzt präzisieren. Dass 1945 ca. 30 Musiker auf ihrer Flucht aus Prag gen Westen den Weg nach Bamberg fanden, darf als gesichert gelten. Ein Brief von Hans Knappertsbusch bereits aus dem Jahr 1948, in dem er die Bamberger Symphoniker „unter die führendsten Orchester nicht nur Deutschlands, sondern ganz Europas“ zählt, deutet darauf hin, dass es sich nicht um versprengte böhmische und sudetendeutsche Musiker handelte, sondern um den Kern des Klangkörpers. Und es dürfte wohl auch kein Zufall sein, dass Joseph Keilberth später seine Arbeit in Bamberg mit vielen jener Werke begann, die er zuletzt noch in Prag dirigierte, die also seinen Musikern sozusagen noch „in den Fingern“ waren. Davon gibt es übrigens auch Aufnahmen – die Telefunken war damals in Prag und schon in den 50er Jahren wieder in Bamberg sehr präsent.

 

 

Ist es nicht trotzdem ein wenig gewagt, noch weiter zurückzugehen und eine genealogische Linie zu ziehen von jenem Orchester, das 1789 den „Don Giovanni“ in Prag uraufführte, bis hin zu den Bamberger Symphonikern?

 

MRA: Nein, durchaus nicht, denn Indizien dafür gibt es viele, und es deutet manches darauf hin, dass auch die Tschechische Philharmonie auf das Ständetheater in Prag zurückgeht und insofern ein „Zwilling“ der späteren Bamberger ist. Seit dem Ende des 19. Jhs. hatte die Hauptstadt ein tschechisches und ein deutsches Opernhaus mit jeweils eigenen Orchestern, die das Repertoire unter sich aufteilten und große Werke wie Mahlers 7. Symphonie sogar gemeinsam aufführten. Nach der Schließung des deutschen Opernhauses „exilierten“ die Musiker nach Reichenberg, wo sie ab 1938 (Annektierung der Tschechoslowakei) als „Sudetendeutsche Philharmonie“ musizierten, dann folgte die Gründung des Deutschen Philharmonischen Orchesters in Prag, das seitens der Nationalsozialisten als Gegengewicht zur Tschechischen Philharmonie gedacht war.

 

 

Sie werden sicherlich noch bei Gesprächen im Ausland mit Fragen zur Rolle dieses Vorgängerorchesters während des Krieges konfrontiert.

 

MRA: Ja natürlich, besonders in Amerika, wo das kulturelle Leben immer noch stark von jüdischen Eliten geprägt ist, die ein Recht darauf haben, diesbezüglich klare Antworten zu erhalten. Das ist mit ein Grund, warum wir uns intensiv mit der Aufarbeitung der Geschichte beschäftigen, so wie das auch die Berliner und kürzlich die Wiener Philharmoniker exemplarisch gemacht haben.

 

 

Unabhängig von der Ursprungsfrage des Orchesters: Meinen Sie wirklich, vom oft für die Bamberger beanspruchten „böhmischen Klang“, also einer eher dunklen orchestralen Färbung, ließe sich noch etwas ahnen oder gar substanziell wahrnehmen.

 

MRA: Ich meine schon, aber es lässt sich nicht einfach in Worte fassen. Wesentlich scheint mir zu sein, dass bei uns das Denken in konkurrierenden Instrumentalgruppen ebenso wenig ausgeprägt ist, wie die Orchestermitglieder sich als „verkannte Solisten“ verstehen. Es geht vielmehr um das organische Ganze, um das Erlebnis gemeinsamen Musizierens, das in den schwierigen Anfangszeiten auch einen existenziellen Zug hatte. Umgekehrt wird allerdings ebenso ein Schuh draus: für Jakub Hruša mit seiner tschechischen Perspektive gab es wohl seinerzeit in Prag auch „deutschen Klang“ in Böhmen. Und mit Manfred Honeck haben wir einen Gastdirigenten, der diesen Klang wie kaum ein anderer kennt und bezeugen kann, zum Beispiel durch die Interpretationstradition des Klarinettenkonzertes von Carl Maria von Weber, der ja GMD des Ständetheaters war.

 

 

Lassen Sie uns aus der Vergangenheit in die Gegenwart und in die nahe Zukunft kommen. Lang Lang, der Bundespräsident: die Prominenz gibt sich in diesem Jubiläumsjahr die Klinke in die Hand! Vor allem aber kommt noch – Ende Februar und im März – Barbara Hannigan. Was versprechen Sie sich von der Wahl dieser Sängerin und Dirigentin als Portraitkünstlerin?

 

MRA: Abgesehen davon, dass Barbara Hannigan eine fulminante Künstlerin mit großem Faszinationspotenzial ist, setzen wir mit ihrer Verpflichtung eine schöne Tradition fort. Sie gehört zur seltenen Spezies von Musikern, die mehrere Rollen auszufüllen vermögen. Christoph Eschenbach, Manfred Honeck und Jörg Widmann sind in dieser Hinsicht prominente Beispiele. Barbara Hannigan wird, neben ihren Auftritten als Sängerin, Dirigentin und Kammermusikpartnerin, auch der Jury unseres nächsten Dirigentenwettbewerbs angehören. Ich freue mich übrigens darüber, dass Frauen am Dirigentenpult mittlerweile zur Normalität gehören.

 

Copyright Foto:

Marcus Axt, Foto © David Ebener

Martin Köhl
26.01.2016

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