Unterschätzter Osten

Kinderbuchklassiker made in GDR

Unterschätzter Osten

 Jedes Kind kennt sie: Kinderbuchklassiker wie Ottfried Preußlers „Räuber Hotzenplotz“ oder Paul Maars „Das Sams“. Unvergessen auch „Das fliegende Klassenzimmer“ vom deutschen Kinderbuchgott Erich Kästner. All diese Schriftsteller schufen omnipräsente Literatur, die bis heute kein bisschen an Charme und Zeitlosigkeit eingebüßt hat. Jede gut sortierte Buchhandlung weiß um die Wertigkeit dieser Bücher und hat immer ein, zwei Exemplare vorrätig.

Doch wie steht es um die Kinderbücher der ehemaligen DDR? In westdeutschen Gefilden (wenn man davon noch immer sprechen möchte), sind die Kinderbuchklassiker der DDR, die es durchaus gab und immer noch gibt, zwar in geringen Auflagen verkauft worden, das war aber kaum der Rede wert. Schade eigentlich. Schaut man in die (mittlerweile ja schon nicht mehr ganz so) neuen Bundesländer, wird schnell klar, wer dort zu den großen Helden der Kindheit gehört. Bei „Alfons Zitterbacke“ leuchten auch heute noch viele Erwachsenenaugen. Und auf das Leuchten folgt in der Regel ein verschmitztes Augenzwinkern. 1958 schuf der Autor Gerhard Holtz-Baumert den tollpatschigen Blondschopf, der mehr oder weniger zufällig von einem Schlamassel in den nächsten gerät, ein bisschen wie Michel aus Lönneberga, forsch, aber immer nur mit den besten Absichten. Herrlich trocken erzählt Alfons seinen Leserinnen und Lesern „Wie ich unser Haustelefon baute“ oder „Wie ich zu meinem ersten Kopfsprung kam“ oder – besonders schön - „Was mir mit Makkaroni und Tomaten passierte“. Alfons wurde so erfolgreich, dass 1962 der zweite Teil „Alfons Zitterbacke hat wieder neuen Ärger“ und 1965 der dritte Teil „Alfons Zitterbackes neuester Ärger“ erschien. 1966 folgte schließlich die DEFA-Verfilmung zu den Büchern.

Zur Riege der bekanntesten Kinderbuchautoren der DDR gehört neben Holtz-Baumert vor allem auch der Niederlausitzer Schriftsteller Benno Pludra. In „Die Reise nach Sundevit“ begibt sich der achtjährige Timm Tammer, der an der schönen Ostsee in einem mit Reed gedeckten Haus wohnt und dessen Vater Leuchtturmwärter ist, in den Ferien auf eine außergewöhnliche Reise. Freundschaft, Loyalität und Hoffnung sind hier die bestimmenden Themen. Und Sehnsuchtsorte werden berührt. „Die Reise nach Sundevit“ wurde ebenfalls 1966 von der DEFA verfilmt, allerdings nicht ganz ohne dabei den sozialistischen Zeigefinger zu erheben. Weitere Bücher von Benno Pludra sind u.a. „Bootsmann auf der Scholle“ (1959) sowie „Lütt Matten und die weiße Muschel“ (1963).

Wer nun meint, dass es sich bei dieser Auswahl ausschließlich um Bücher für Jungen handelt, der irrt. Die vorgestellten Klassiker sind für Jungen und Mädchen gleichermaßen geeignet. Aber wem Geschichten mit starken Mädchenfiguren besser gefallen und wer schon immer eine Schwäche für Emil Tischbeins Cousine Pony Hütchen hatte, dem sei „Ich bin die Nele“ von Peter Brock (1975) wärmstens ans Herz gelegt. Nele hat es mit ihren elf Jahren wahrlich nicht leicht. Sie musste früh erleben, was es bedeutet ohne Mutter, dafür aber mit Clemens Sonntag – dem besten Papa der Welt – aufzuwachsen. Nele lässt die junge Leserschaft an ihren Gedanken teilhaben, erzählt von ihren täglichen Begegnungen und macht sich die Welt, aller Probleme zum Trotz, wie sie ihr gefällt.

In Anbetracht der Unmengen schöner Kinderbücher darf ein letztes aber nicht vergessen erwähnt zu werden: „Der kleine Angsthase“ (1963) von der Deutsch-Irin Elisabeth Shaw. Der Welt mit Offenheit und ohne Angst zu begegnen, ist hier das Credo, das schon den Kleinsten ab 4 Jahren mit Bebilderungen von der Autorin selbst anschaulich vermittelt wird.

Diese kleine Auswahl an Klassikern steht stellvertretend für all die vielen schönen Kinderbücher aus einer anderen Zeit, ja, einem anderen Land. Die Verlage Beltz, Faber & Faber, leiv und Eulenspiegel haben ihren Stellenwert erkannt und sämtliche DDR-Kinderbücher mitsamt liebevoller Illustrationen von Manfred Bofinger, Hans Baltzer, Karl Schrader u.v.m. in den letzten Jahren in mehreren Auflagen neu verlegt. Änderungen wurden je nach Grundlage vereinzelt vorgenommen. Hin und wieder wurden Abkürzungen und DDR-Vokabular wie „Patenbrigade“, „Pionier“ oder „LPG“ ausgetauscht oder weggelassen – zum besseren Verständnis oder aus anderen Gründen. Mancher Verlag setzt auf Originalität. Auch als Zeugnis ihrer Zeit, haben diese Bücher bis heute nicht an Aktualität und Wirkkraft verloren und müssen sich nicht verstecken. Sie sind – ob im Original oder neu verlegt - unbedingt lesenswert, in Gesamtdeutschland, das wir nun schon seit über einem Vierteljahrhundert sind.

 


 

Gerhard Holtz-Baumert, Alfons Zitterbacke – Geschichten eines Pechvogels. Kinderbuch. Leipzig: leiv Leipziger Kinderbuchverlag GmbH, 2008. 152 Seiten, 12 Euro.


Peter Brock, Ich bin die Nele. Kinderbuch. Leipzig: leiv Leipziger Kinderbuchverlag GmbH, 2011. 156 Seiten,

10,90 Euro.

 

 

Copyright Fotos:
Fotos © leiv Leipziger Kinderbuchverlag GmbH



 

Franziska Gurk
27.01.2016

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