Höhepunkt der Opernsaison

Ende Juni beginnen die Münchner Opernfestspiele 2016

Höhepunkt der Opernsaison

 Sie haben eine lange Geschichte und eine ungebrochene Anziehungskraft für die Melomanen: Die Münchner Opernfestspiele, vor fast 140 Jahren gegründet, gelten als das traditionsreichste Festival seiner Art und ziehen nicht nur die Opernfreunde aus München an, sondern Musiktheater-Begeisterte aus aller Welt. Regelmäßig erweitern die Festspiele sommers das Saisonprogramm der Bayerischen Staatsoper um anspruchsvolle Neuinszenierungen, um eine innovative Festspiel-Werkstatt und um die äußerst beliebten Veranstaltungen der „Oper für alle“. So werden sie zum Höhepunkt der gesamten Opernsaison in München.

 

Zwei Premieren wird es heuer geben: Zur Eröffnung am 26. Juni wird Fromental Halévys „La Juive“ in einer Inszenierung von Calixto Bieito gegeben, die musikalische Leitung hat Bertrand de Billy. In den Hauptpartien sind Roberto Alagna als Eleazar, Kristine Opolais als Rachel und Alaksandra Kurzak in der Rolle der Eudoxie zu erleben. Etwa einen Monat später, am 24. Juli, feiert Jean-Philippe Rameaus Opéra-Ballet „Les Indes galantes“ Premiere im Prinzregententheater. Der belgische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui gibt mit dieser Produktion seinen Münchner Opernregie-Einstand, am Dirigentenpult steht Ivor Bolton. Lisette Oropesa und Anne Prohaska geben neben anderen Barockspezialisten ihre Rollendebüts.

 

Natürlich wird wie immer eine Reihe von hochkarätig besetzten Aufführungen aus dem Repertoire der Staatsoper zu sehen sein, hinzu kommen die Kammerkonzerte im Cuvillés-Theater, die Barockkonzerte in der Klosterkirche St. Anna im Lehel und Liederabende. Bei letzteren zeigen Stars der Gesangswelt wie Diana Damrau, Christian Gerhaher, René Pape und Dorothea Röschmann, wie vielfältig diese „musikalische Seelenschau“ als Kunstform ist. Eine Besonderheit des Festivals stellt die Festspiel-Werkstatt dar. Sie steht heuer wie schon die ganze Saison unter dem Leitmotiv „Vermessen“. Die Festspiel-Werkstatt fächert dieses Motto in all seiner Mehrdeutigkeit auf. Zwei Uraufführungen widmen sich Krieg und Trauma, während Maurizio Kagel im „Mare Nostrum“ Europa kolonialisieren lässt. Hauke Berheides Oper „Mauerschau“ bezieht sich auf Heinrich von Kleists Penthesilea-Stoff, aber zersplittert die Wirklichkeit und lässt Personen und Geschichten zu vielen Varianten finden.

 

In „Tonguecat“ untersuchen zwei Absolventen des Stipendienprogramms der „Akademie Musiktheater heute“, Saskia Bladt und Torsten Herrmann, die Dynamik von Täter-Opfer-Kreisläufen, stellen die Frage nach der Übertragung von Schuld auf die nächste Generation und diskutieren die Möglichkeiten, wie aus der Gewaltspirale auszubrechen wäre. Maurizio Kagels „Mare Nostrum“ aus dem Jahre 1975, das den Untertitel „Entdeckung, Befriedung und Konversion des Mittelmeerraums durch einen Stamm aus Amazonien“ trägt, thematisiert Konflikte und Ideen von interkulturellen Strömungen, für die das Mittelmeer bis heute steht und die durch die Flüchtlingsbewegungen der Gegenwart präsenter denn je sind. Kagel dreht den Kulturtransfer in postkolonialer Weise um, wenn er einen Indianerstamm die Länder des Mittelmeerraums missionieren lässt.

 

Unter den Repertoire-Opern der Festspiele sind u.a. zu nennen Tosca (mit Jonas Kaufmann), South Pole (mit Rolando Villazón), Turandot (mit Nina Stemme), Lucrezia Borgia (mit Edita Gruberova), Mefistofele (mit Kristine Opolais und René Pape) und Don Giovanni (mit Erwin Schrott). In Wagners Fliegendem Holländer wird es eine denkwürdige Dernière geben: der großartige Bassist Matti Salminen singt den Daland und gibt damit seinen Abschied an der Münchner Staatsoper, an der er gut 45 Jahre wirkte und allein den Sarastro in Mozarts Zauberflöte 600 Mal (!) interpretiert hat. Dass auch das Ballett zu seinem Recht kommt, darf nicht unerwähnt bleiben. Das Bayerische Staatsballett präsentiert Pina Bauschs Für die Kinder von gestern, heute und morgen (Wuppertal 2002), mit dem bereits die diesjährigen Münchner Ballettfestwochen eröffnet wurden – übrigens eine große Ehre, denn nie zuvor durfte ein fremdes Ensemble ein Werk der berühmten Choreographin aus der jüngeren Vergangenheit einstudieren.

 

Zwei Veranstaltungen stehen wieder unter dem Motto „Oper für alle“. Das Festspiel-Konzert am 9. Juli macht auf dem Marstallplatz den Auftakt zweier Abende unter freiem Himmel, gestaltet vom Bayerischen Staatsorchester. Zunächst übernimmt dessen Jugendorchester ATTACCA den Auftakt mit Richard Wagners Vorspiel zu Rienzi, dann leitet Constantinos Carydis Aufführungen von Ottorino Respighis Fontane di Roma und Pini di Roma. Zuvor steht ein Violinkonzert Niccoló Paganinis auf dem Programm. Der zweite Abend am 31. Juli beschließt zugleich die Opernfestspiele mit einer audiovisuellen Live-Übertragung von Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg auf dem Max-Joseph-Platz. Die musikalische Leitung hat GMD Kirill Petrenko, den Walther von Stolzing singt Jonas Kaufmann.

 

 

Copyright Foto:
Roter Teppich, Münchner Opernfestspiele, Foto © Wilfried Hösl

Martin Köhl
24.05.2016

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