Deutschland : Italien 6:6

Im neuen Stipendiaten-Jahrgang des Int. Künstlerhauses Villa Concordia trifft Italien auf Deutschland

Deutschland : Italien 6:6

 Einmal im Jahr herrscht Umzugsstimmung in der bayerischen Künstlerherberge. Nach einem Jahr Muse küssen in Bamberg verlassen zwölf Künstler die Weltkulturerbestadt und geben ihren Nachfolgern die Klinke in die Hand. Zum Arbeitsaufenthalt für ein Jahr kommen die Bildenden Künstler, Literaten und Musiker und nutzen neben der Unterkunft im Nebengebäude des Wasserschlosses oder im schmucken Ebracher Hof die Zeit zur Konzentration auf ihr künstlerisches Schaffen. Für das Aufenthaltsstipendium im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia können sich Künstler nicht selbst bewerben, sondern werden von einem Kuratorium dem bayerischen Staatsminister des Ministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst zur Vergabe vorgeschlagen. Sechs italienische und sechs deutsche Künstler sind im April in das Künstlerhaus eingezogen, wo sie bis März 2017 leben und arbeiten werden:

BILDENDE KUNST

Francesca Grilli (IT) – geboren 1978 in Italien, studierte u.a. an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam. Sie arbeitet mit Audio, Fotografie und Video, aber v.a. mit Performance. Grilli arbeitete häufig als bildende Künstlerin mit Musikern zusammen. In ihrem Werk „The Third Conversation” (Performance 2008), macht sie z.B. Gehörlosen die Schwingungen einer musikalischen Komposition zugänglich. Die Wichtigkeit des Tons und der Musik kommen auch in internationalen Werken wie “Iron” (Performance 2012) und “Ossido Ferrico” (Biennale von Venedig 2013) zum Vorschein und heben den multidisziplinären Ansatz der Künstlerin hervor.

Gabriela Oberkofler (IT) – geboren 1975 in Bozen, studierte in Neufundland, Nürtingen und Stuttgart, u.a. bei Micha Ullman. In ihrem Werk setzt sich die Südtiroler Künstlerin kontinuierlich mit Natur und Kulturräumen, deren Zerstörung und Verlust auseinander. Zum Ausgangspunkt ihrer erzählerischen Ausstellungen mit Zeichnungen und Installationen werden oftmals ein regionaler Kontext, ländliche Besonderheiten, Geschichten oder Aberglauben.

Wolfgang Stehle (D) – geboren 1965 in München, studierte nach einer Lehre zum Holzbildhauer an der Akademie der Bildenden Künste München sowie am Chelsea College of Art & Design in London. Mit seinen Skulpturen, Videoarbeiten, Zeichnungen und Bildern hinterfragt er „die Welt auf seine spielerische und selbstironische Art“, wie es der bildende Künstler Stefan Eberstadt beschreibt.

Johannes Evers – geboren 1979 in München. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste München und gehört zur jüngeren Generation von Video- und Performance-Künstlern, die sich international vernetzt haben und starke Videobilder hervorbringen. Johannes Evers nimmt dabei auf die Kunstgeschichte Bezug, wenn er etwa Werke von Malewitsch oder Mondrian neu interpretiert. Dabei setzt er nicht nur den eigenen Körper ohne Eitelkeit in Szene, sondern schafft auch witzige und komische Figuren, die den Betrachter anrühren.

LITERATUR

Andrea Bajani (IT) – geboren 1975 in Rom, ist einer der anerkanntesten und mit wichtigen Preisen bedachten Romanautoren der modernen italienischen Literatur. Seine Bücher erscheinen in den renommiertesten europäischen Verlagen, wie Gallimard, Siruela, MacLehose, Atheneum, Humanitas oder DTV. Nach seinem Debut 2005 brachte ihm der danach folgende Roman mit dem deutschen Titel „Lorenzos Reise“ viel Beachtung und gewann in nur wenigen Monaten vier italienische Literaturpreise. Sein Roman „Liebe und andere Versprechen“ erhielt die älteste und renommierteste italienische Auszeichnung, den Bagutta-Preis. Sein jüngstes Buch (2014) gewann vor kurzem den Settembrini-Preis und ist, übersetzt von Pieke Biermann, im dtv-Verlag mit dem Titel „Das Leben hält sich nicht ans Alphabet“ auf dem deutschen Buchmarkt für November 2016 angekündigt.

Tiziano Scarpa (IT) – geboren 1963 in Venedig. Er schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte, Theaterstücke und Essays. Seine Bücher wurden ins Japanische, Chinesische, Koreanische, Russische, Hebräische, Arabische und in viele europäische Sprachen übersetzt. Auf Deutsch publiziert sind folgende Titel (alle aus dem Italienischen von Olaf Matthias Roth und erschienen im Wagenbach Verlag): Amore® (2001), Venedig ist ein Fisch (2002), Was ich von dir will (2004), Körper (2005), Stabat mater (2009).

Nadja Küchenmeister (D) – wurde 1981 in Berlin geboren. Die freiberufliche Schriftstellerin studierte Germanistik und Soziologie an der Technischen Universität Berlin und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Küchenmeister veröffentlichte Gedichte und Prosa in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, lehrte u.a. am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und arbeitet für den Rundfunk, u.a. als Rezensentin sowie als Hörspiel- und Featureautorin. Ihr erster Gedichtband Alle Lichter erschien 2010 bei Schöffling & Co., 2014 folgte Unter dem Wacholder im selben Verlag.

Jan Koneffke (D) – geboren 1960 in Darmstadt, schloß 1987 sein Philosophie- und Germanistikstudium mit seiner Magisterarbeit „Die Schönheit des Vergänglichen“, über Erinnerungen und ästhetische Erfahrung im Werk Eduard Mörikes, ab und erhielt im selben Jahr den Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik. Seitdem arbeitet er als freier Schriftsteller. Seine Romane, Gedichte und Erzählungen werden u.a. im Dumont Buchverlag, bei Galiani Berlin und bei Hanser verlegt, wo Koneffkes neuer Jugendroman erscheinen wird, an dem er gerade arbeitet. Der Autor lebte viele Jahre in Rom, schrieb Reiseberichte aus Italien und übersetzte u.a. aus dem Italienischen. Mit Bamberg verband ihn bereits 2001 seine Poetik-Professur an der Otto-Friedrich-Universität sowie 2005 seine Lesung im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia.
www.literaturport.de/Jan.Koneffke/

MUSIK

Lucia Ronchetti (IT) – geboren 1963 in Rom, studierte Komposition, Computermusik und Philosophie in Rom, Paris und New York. Auszeichnungen als composer in residence führten sie nach Boston, New York, Paris, Zürich, Stuttgart, Freiburg und Berlin. Unter ihren Preisen findet sich z.B. der Heidelberger Künstlerinnenpreis 2014. Neben großen Häusern in Italien, der Schweiz und Frankreich wurden ihre Werke des Musiktheaters vor allem auch in Deutschland produziert, etwa von der Semperoper Dresden, der Staatsoper Unter den Linden Berlin oder der Bayerischen Staatsoper München. Neben CDs, erschienen bei Stradivarius, Parco della Musica Records oder Kairos (2012, u.a. gespielt vom Arditti Quartett), publizierte Nero ein der Komponistin gewidmetes Buch, in dem die Werke Ronchettis portraitiert sind und Helga de la Motte, Hugues Dufourt sowie Rainer Pöllmann Beiträge verfassten. 2016 wird ihre 60minütige Kammeroper Les aventures de Pinocchio von der Philhamonie de Paris erstmalig aufgeführt.

www.luciaronchetti.com

Simone Movio (IT) – geboren 1978, hält seine Treffen mit Beat Furrer für seine Erfahrungen seit seiner Studien, u.a. an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Graz, für fundamental. Auch andere in der Musik große Persönlichkeiten und Ensembles führten Movios Werke auf. Seit 2007 erhielt er für seine Kompositionen zahlreiche Preise in Österreich, der Schweiz und Deutschland, wo er 2014 den Komponisten-Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung entgegen nahm. Das österreichische Label col legno hat 2015 sein erstes CD-Portrait herausgebracht („Tuniche“).

www.simonemovio.webs.com


Mark Andre (D) – geboren 1964 in Paris. Nach seinem Studium in Frankreich fand er in Deutschland eine neue musikalische Heimat. Seine Begegnung mit der Musik von Helmut Lachenmann beschreibt er als Offenbarung. In der Folge absolvierte er ein weiterführendes Kompositionsstudium bei Lachenmann in Stuttgart sowie ein Studium der Musikelektronik bei Andre Richard, und er verlagerte seinen Lebensschwerpunkt nach Deutschland. Hier wurde er mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet, darunter 2002 beispielsweise mit dem Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung, 2007 mit dem Preis des Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg für seine Komposition „…auf…“ bei den Donaueschinger Musiktagen oder 2011 mit dem französischen Orden Chevalier des Arts et des Lettres. 1998-2000 war er Stipendiat der Villa Medici in Rom, 2015/16 der Deutschen Kulturakademie Tarabya in Istanbul. Eine Liste aller Werke von Mark Andre hält die Edition Peters bereit. Mark Andre ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Sächsischen Akademie der Künste sowie der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er lehrt Komposition am Straßburger Konservatorium sowie an der Musikhochschule in Dresden.

http://de.karstenwitt.com/mark-andre

www.edition-peters.de/composer/andre-mark/w00101

Hanna Eimermacher (D) – geboren 1981 in Gelsenkirchen. Ihre Kompositionsstudien absolvierte sie in Bremen, Graz, Frankfurt am Main und Buffalo New York State u.a. bei Younghi Pagh-Paan, Beat Furrer, Mark Andre, Pierluigi Billone und David Felder und nahm an Meisterkursen bei Georges Aperghis, Chaya Czernowin, Rebecca Saunders und Francesco Filidei teil. 2014 erhielt die Komponistin ein Stipendium der Villa Massimo Rom, 2012 den Berlin-Rheinsberger Kompositionspreis. 2016 ist Eimermacher u.a. vom Zentrum für Musik des 21. Jahrhunderts der Universität in Buffalo/USA als Dozentin des June in Festivals eingeladen. Ihre Werke werden international aufgeführt. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin.

www.hannaeimermacher.de


Über die Auswahl und die Namen dieser Stipendiaten informierte das Ministerium mit seiner Pressemitteilung Nr. 105 vom 07.04.2016:

http://www.km.bayern.de/pressemitteilung/10031/nr-105-vom-07-04-2016.html

http://www.km.bayern.de/kunst-und-kultur/meldung/4237/deutsche-und-italienische-kuenstler-erhalten-stipendien.html

 

Copyright Foto:
Stipendiaten 2016, VillaConcordia, Foto © Juergen Schabel
 

Oliver Will
30.05.2016

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