„Ist das Syrien im Jahr 2016? Oder Deutschland im Jahr 1619?“

Die Calderón-Festspiele 2016 und „Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“

„Ist das Syrien im Jahr 2016? Oder Deutschland im Jahr 1619?“

 Seit 1973 gibt es sie nun schon – die Calderón-Festspiele in Bamberg. Inspiriert vom spanischen Dichter Pedro Calderón de la Barca, kamen sie zu ihrem Namen und sind jedes Jahr wieder ein besonderes Highlight, weil sie unter freiem Himmel stattfinden. Nicht einfach irgendwo unter freiem Himmel, sondern in der Atmosphäre ausstrahlenden Alten Hofhaltung direkt neben dem – im wahrsten Sinne des Wortes – Bamberger Urgestein, dem Bamberger Dom. Zwar ist man hier auf dem Berg den Launen der Natur ausgesetzt und ein bisschen Glück gehört wettertechnisch wohl dazu, aber den hartgesottenen Theateraffinen dürfte das nicht weiter stören, im Gegenteil: an der frischen Luft umweht das Theater doch gleich noch mal ein ganz anderes Flair.

Doch was wird in diesem Jahr an den zwei Spieltagen im Juli inhaltlich geboten? Vielleicht erinnern sie sich noch schemenhaft an den mit Teufelsmaske entstellten und zum Narren gehaltenen Viehhirten aus dem Spessart, wenn Sie an den Deutschunterricht in ihrer Schulzeit – und genauer – an „Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ zurückdenken? Dann erinnern Sie sich richtig.

„Der Abenteuerliche Simplicissimus Teuscht“ von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen gilt als eines der wichtigsten literarischen Werke des Barock. Erzählt wird die bewegte Geschichte eines im Dreißigjährigen Krieg verwaisten und fast schon unerschütterlichen Bauernjungen ohne Namen, der nach der Ermordung seiner vermeintlichen Eltern durch plündernde Soldaten von einem Einsiedler erzogen wird und aufgrund seiner einfachen Natur fortan den Namen Simplicissimus trägt. Vom Leben gezeichnet und dem Tod mehrfach ins Auge blickend, wird er schließlich an den Hof des Gouverneurs verschleppt und zum Narren gemacht. Mehrfach gerät er in Gefangenschaft, kommt jedoch immer wieder frei. Seine Wege verschlagen ihn u. a. nach Magdeburg, Paris, Moskau und Japan, bevor er ein Leben als Einsiedler führt. Doch die stete Rastlosigkeit hat ihre Spuren hinterlassen.

Unter der Leitung des Berliner Regisseurs Tobias Goldfarb wird diesem Schelmenroman der Weltliteratur nun wieder neues Leben eingehaucht. Wir haben ihn gefragt, was ihn zur Inszenierung des traditionsreichen, aber immer noch topaktuellen Stoffes bewegt hat. Es sei der „nicht endende Bürgerkrieg. Fanatiker, die gegeneinander in den heiligen Krieg gehen, obwohl sie an denselben Gott glauben. Marodeure, die durch das Land ziehen und nehmen, was sie erbeuten können. Menschen, die sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf eine gefährliche Reise begeben. Ist das Syrien im Jahr 2016? Oder Deutschland im Jahr 1619? Die Parallelen sind erstaunlich und erschreckend. In einer Welt aus Tod und Zerstörung versucht unser Held Simplicissimus das Leben am Schopfe zu packen.“

Eine besondere Herausforderung sei laut Goldfarb vor allem die Länge der Vorlage, hunderte Figuren auf tausend Seiten Buch – das ist eine Menge Inhalt für insgesamt nur acht Schauspieler und zwei Stunden Bühnenpräsenz. Diese immense stoffliche Dimension möglichst optimal und effektvolle auf das Wesentliche zusammenzukürzen, scheint beinah ein Ding der Unmöglichkeit. Und dabei immer auch im Blick zu behalten, dass es an den beiden Spieltagen durchaus auch regnen oder stürmen könnte, kommt wohl noch erschwerend hinzu. Das und die fantastische Spielstätte machten es aber für das Team ganz besonders spannend, wie uns der Regisseur verriet.

Allein verantwortlich ist Tobias Goldfarb für das baldige Spektakel (wir gehen stark davon aus, dass es eines geben wird) aber nicht. Zusammen mit Ehefrau Laura Goldfarb und deren Zwillingsschwester Lisa Quarg steckt Tobias Goldfarb gerade noch mitten in den Vorbereitungen zur bevorstehenden Bühnenadaption des Romans. Die Regiearbeit im Team ist am Theater auch eher ungewöhnlich, dadurch ergeben sich aber vor allem neue, interessante Herangehensweisen und Perspektiven. So arbeiteten die beiden Frauen und Schwestern auf der Bühne sehr körperbetont. Ihr Hauptaugenmerk liege auf den Elementen Tanz und Slapstick. Und Goldfarb selbst? Für ihn steht laut eigener Aussage vor allem die Sprache im Vordergrund: „So versuchen wir sowohl rasantes als auch poetisches Theater zu machen.“

Das klingt nach einer gut funktionierenden Mischung und verspricht schon jetzt spannend zu werden. Der Juli kann also kommen.

Nähere Informationen zu Terminen und Tickets finden Sie unter: www.vhs-bamberg-land.de.

 

Copyright Foto:

ETA, Simplicissimus, Foto © Martin Kaufhold

 

Franziska Gurk
31.05.2016

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