Preiverleihung des Förderkreises der kunst galerie fürth

Künstlerin Ursula Kreutz gewinnt

Preiverleihung des Förderkreises der kunst galerie fürth

 Zum 10jährigen Jubiläum macht unser Förderkreis mit einem gewissen Stolz auf sich selbst aufmerksam: Zehn Jahre, in denen die Mitgliederzahl kontinuierlich gewachsen ist, zehn Jahre, in denen der Förderkreis die städtische Galerie und dadurch mittelbar die Stadt gestärkt hat.
Dass die Förderung keine selbstbezogene war und ist, dass hier nicht Honoratioren sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, das soll die Ausstellung anschaulich machen, die - wohl ziemlich einmalig für den Kunstbetrieb - mehrheitsdemokratisch zustande gekommen ist, zu diesem Zweck hat der Förderkreis den Katalog finanziert, und dazu dient die einmalige Vergabe eines Preises innerhalb der Ausstellung, dessen Höhe sich bewusst an der Höhe der städtischen Förderpreise für Kunst und Kultur orientiert.
Die Jury aus Vorstand und Beirat des Förderkreises der kunst galerie fürth hat die Künstlerin Ursula Kreutz ausgewählt, die mit zwei Arbeiten in der Ausstellung vertreten ist.


Ursula Kreutz wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Familiär ist sie künstlerisch stark vorbelastet. Zwar wurde sie erst kurz vor dem Tod ihres Urgroßvaters Anton Räderscheidt, eines bekannten Malers der Neuen Sachlichkeit, geboren, aber von seinem aufregenden Leben als Avantgardist nach dem 1.WK und als verfemter Maler im Exil nach 1933 hat sie viele Geschichten gehört, ebenso wie von ihrer heute zwar weniger berühmten Urgroßmutter, der Malerin Marta Hegemann, die als Dadaistin nichtsdestotrotz in der ersten Hälfte der 1920er Jahren in der Kölner Szene wirklich prominent war. Die früh verstorbene Mutter von Ursula Kreutz war Werkkunstlehrerin, also ebenfalls kunstaffin. Die Berichte ihrer Tante MAF (Martha Angelika Felicitas) Räderscheidt, schillernde Figur der Kölner Kunstszene der 1970er und 1980er Jahre, und der Großtante Barbara Räderscheidt, auch sie bildende Künstlerin, werden ein Übriges dazu beigetragen haben, dass der Entschluss, selbst Künstlerin zu werden, ein naheliegender war.

Ursula Kreutz studierte ab 1995 an der Münchner Kunstakademie bei dem Maler Ben Willikens, 1997 wechselte sie an die AdBK Nürnberg zu Hanns Herpich und in die, damals noch bestehende, sehr experimentell ausgerichtete Klasse für textiles Gestalten. Sie belegte zudem den Studiengang Kunst und öffentlicher Raum, war 2000 und 2003 Gaststudentin an der Accademia di Belle Arti in Palermo, und beendete ihr Studium schließlich als Meisterschülerin bei Ottmar Hörl. Sie hat u.a. den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg erhalten und den Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis des Bezirks Mittelfranken.

In einem Gespräch, das in ihrem Katalog von 2013 nachzulesen ist, sagt Ursula Kreutz:
„Selbstempfindung (ist) mein Urmotor und erscheint mir weit wichtiger als ein bestimmtes Rollenbild.“
Sie ist eine Konzeptkünstlerin, die Rauminstallationen und Raumkonzepte entwickelt. Natürlich hat sie Arbeiten für den quasi normalen Sammler, aber wenn sie die Chance sieht, tendiert sie zum großen Format, zur Ausstellungskunst mit dem Anspruch auf eine semi-museale Präsentation. Sie tut das bevorzugt mit fotografischen Mitteln und dem Einsatz von bedruckten Stoffen, die Bearbeitung der Fotografien und die Planung für die Stoffdrucke finden am Computer statt. Außerdem arbeitet sie performativ - entweder live vor Publikum, oder wie in der Arbeit für die Ausstellung „10=10“ als Moment einer Arbeit (Film als Bestandteil von „Critical Mass X“).

Die Inhalte findet Ursula Kreutz in ihrer je aktuellen Lebenssituation und der zitierten „Selbstempfindung“. Sie kombiniert Ich-Geschichten gelegentlich mit Versatzstücken aus und Anspielungen auf antike Mythen. Für die Mechanismen und das Phänomen des Erinnerns sucht sie eine Entsprechung in Unschärfe-Effekten, genauer dem Moiré-Effekt von Überlagerungen ein und desselben oder gar von verschiedenen fotografischen Bildern. Am Computer plant sie dazu den Druck von transparenten Chiffonstoffen, die sie vorzugsweise auf Forex- oder auch Aluminiumplatten klebt, während in einem gewissen geringen Abstand dasselbe Motiv (…) darüber gespannt wird. Motive werden verräumlicht, so dass sich die Grenzen von … Bild und Skulptur oder Objekt auflösen. (…)

Der Kunstphilosoph Wolfgang Ullrich hat in einem Text aus dem Jahre 2003 mit dem Titel „Geschlechtsumwandlung. Wird die Kunst weiblich?“  einige Parameter eines weiblichen Kunstbegriffs aufgezählt, die seiner Meinung nach bereits zu Beginn der Nuller-Jahre zu erkennen waren: Im Gegensatz zum auratischen männlichen Kunstbegriff seien weibliche Arbeiten eher introvertiert und auf Reflexion angelegt, sie wollen nicht überwältigen, und im Mittelpunkt steht „oft die eigene Person, Biografie oder Geschlechtlichkeit, eine Psychologisierung der Kunst ist unübersehbar.“ (W.U.)
Eine Zahl an Merkmalen, wie sie auch das Ergebnis der Beschäftigung mit den Arbeiten von Ursula Kreutz sein könnte.

In unserer Gruppenausstellung „10=10“ mit illustren Kolleginnen und Kollegen aus Fürth, die sämtlich neue Arbeiten zeigen, ist Ursula Kreutz mit zwei bemerkenswerten Arbeiten vertreten:

„Critical Mass X“ ist eine Wandinstallation, in der sich der beschriebene Moiré-Effekt einer sich drehenden Scheibe verbindet mit der Projektion eines Loops, in dem die Künstlerin selbst auftritt. Die Scheibe dreht sich vor und der Filmloop wird zudem projiziert auf ein auf die Wand tapeziertes Motiv einer Abbruchsituation. Es fällt auf, dass der Filmloop als Form tendenziell unendlicher Wiederholung gewissermaßen ebenso rund ist wie eine Scheibe. Und runde oder elliptische Formen nutzt Ursula Kreutz extrem häufig. Der Erinnerungsarbeit entspricht das Runde oder Elliptische als Form wohl am besten.

Im Letzten ist ihr Tun eine Analyse von Zeitgeschichte an der Nahtstelle des Kampfes zwischen dem Alten und dem Neuen, den Betrachtern bietet sie einen emotionalen Zugang über die Mitteilung der Selbstempfindung oder Selbstbeobachtung. Sie hat als Person einen klaren Standpunkt in gesellschaftspolitischen Fragen, aber in ihrer Kunst kleidet sie ihre Analysen in Unschärfe, auf dass die Betrachter den erwähnten emotionalen Zugang zu den von ihr aufgeworfenen Fragestellungen bekommen. In einem Ausstellungskonzept formulierte sie es im Jahr 2014 so:
„Der Übergang zwischen dem Auflösen vorhandener Strukturen und dem Punkt, bevor sich Neues abbildet, interessiert mich. Dies wird für mich deutlich im Prozess des Abriss spürbar. Wenn die Geschichte sich für einen Moment skel¬ettiert.“ (unveröffentlichtes Manuskript U.K.)

Drei Bildebenen werden bei „Critical Mass X“ aufeinander gelegt. Die Zerstörung ist klar erkennbar, die Heilung oder zumindest der Versuch davon werden ebenso klar evoziert, wenn die Künstlerin wie beschwörend mit ausgestreckten Armen vor der Ruine steht oder mit schwingenden, sanften Bewegungen sozusagen über die Zerstörung und den Zerfall hinwegschreitet. (…)
Das X-Chromosom also verstanden als die titelgebende kritische Masse: „Critical Mass X“.

Die zweite Arbeit, „orchideenblüte“, ist eine große Wandzeichnung, die ein Motiv aus dem Skizzenbuch von 2013, wie es sich im damals erschienenen Katalog findet, aufgreift. (…) Auch, wenn das Papierklebeband nur millimeterdick ist, so spürt der Betrachter doch dessen Materialität. Selbst bei der Zeichnung findet somit die eingangs genannte Verräumlichung der Motive statt. (…)  
 

Copyright Foto:
Ursula Kreutz bei der Preisverleihung, Foto © kunst galerie fürth

Hans-Peter Miksch
13.06.2016

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