Stellung beziehen in der Kunst

Das Kunstfest Weimar im Zeichen politischer Umwälzungen

Stellung beziehen in der Kunst

 Als eines der größten und bekanntesten Festivals zeitgenössischer Kunst, findet das Kunstfest Weimar auch in diesem Jahr wieder statt. Wenngleich die Zukunft des Kunstfestes momentan noch auf der Kippe steht (wir berichteten bereits online darüber) und erst im Herbst wieder darüber getagt wird, lassen wir es uns natürlich trotzdem nicht nehmen, über das aktuelle Festivalprogramm zu berichten.

In diesem Jahr werden den Besuchern an 17 Festivaltagen vom 19. August bis 4. September 28 Produktionen und Projekte präsentiert. Themengebend für den Veranstaltungskanon anlässlich des 100. Geburtstag von Peter Weiss ist die Frage nach den Aufgaben der Kunst in der heutigen Zeit. Aktueller denn je geht es dabei um ein Europa in der Krise. Der Brexit sitzt den meisten von uns noch immer in den Knochen. Der Migrationsstrom wurde zwar scheinbar gestoppt, in seinen Ursachen aber nicht behoben, sondern bestenfalls verschoben. Welche Stellung können KünstlerInnen angesichts dieser politischen und sozialen Umwälzungsprozesse beziehen, sollte Kunst den Anspruch haben einen Diskurs anregen, ja, wenn nicht sogar etwas verändern zu wollen?

Mit eben diesen Fragestellungen und vor dem historischen Hintergrund des antifaschistischen Widerstands, beschäftigt sich der drei Bände und 1000 Seiten umfassende experimentelle Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Ulrich Weiss. Der deutsch-schwedische Künstler war Maler, Grafiker, Experimentalfilmer, Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur und einer der wichtigsten Fürsprecher einer sozial und politisch engagierten Kunst. Im Herbst wäre er 100 Jahre alt geworden. Ihm zu Ehren finden deshalb im Rahmen des Weimarer Kunstfestes sieben Lesungen statt, die sich mit Auszügen seines epochalen Werks befassen. Bei dieser Gelegenheit geben sich die Schauspieler Thomas und Arthur Thieme die Ehre, aber auch Mitglieder des Schauspielensembles des Deutschen Nationaltheaters (DNT) lesen Ausschnitte des Romans. Das Besondere: Die Lesungen finden an immer unterschiedlichen Orten in Weimar statt und wir verraten nicht zu viel, wenn wir Ihnen empfehlen, mit festem Schuhwerk zu erscheinen.

Am 29. August schließlich findet im E-Werk eine Gesprächsrunde unter dem Titel „Let’s Talk About Sex & Politics: Widerstand“ statt. In einer Mischung aus Vorführung, Podiumsdiskussion und Publikumsgespräch soll im Hinblick auf „Die Ästhetik des Widerstands“ erörtert werden, wie (politischer) Widerstand aussehen kann, und ganz wichtig: ob es ihn überhaupt noch gibt oder ob er nicht inzwischen zu einer aussterbenden Gattung gezählt werden muss. Und wieder die Frage: Welche Rolle kann oder muss Kunst dabei spielen. Spielt sie überhaupt eine oder ist ein künstlerisches Aufbegehren ohnehin vergebene Liebesmüh? Interessante Fragen, gestellt in einem Deutschland, das immer politikverdrossener zu werden scheint und dessen mitunter blinde Wut offenbar erst so lange schwelen musste, bis sie sich bei den sogenannten Protestparteien entladen hat (und immer noch entlädt). Paradoxerweise ist Europa vom antifaschistischen Widerstand so weit entfernt wie die Sonne vom Mond. Oder ist das gar nicht so paradox? Nicht nur die Lesereihe um Weiss beschäftigt sich mit diesen Fragen, auch viele andere Produktionen greifen das Thema auf. So zum Beispiel die Inszenierung „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ des kroatischen Regisseurs Oliver Frljic oder die interaktive Videoproduktion des polnischen Künstlers Krzysztof Wodiczko. Eine Ode an die widerständige Kraft der Literatur ist auch Tiago Rodrigues Produktion „By Heart“, die anlässlich des 400. Todestages William Shakespeares aber auch eine Hommage an den großen Dichter ist.

Das Kunstfest Weimar verheißt zudem einen bunten Mix aus zeitgenössischem Tanz. So untersucht das chinesische Künstlerduo Xiao Ke & Zi Han, was es heißt, wenn sich politisches Zeitgeschehen und kulturelle Erfahrungen des Einzelnen im Umgang mit Gemeinschaft und Tanz ablesen lassen. Unter Anleitung zweier Damas, wie man sie auch auf den Abendtänzen in China findet, und in Zusammenarbeit mit der Tanzwerkstatt Weimar, wird der Theaterplatz kurzerhand zur gemeinschaftlichen Tanzfläche umfunktioniert. Eine Video-Dokumentation über Tänze im Stadtraum und eine Tanzperformance auf der DNT Studiobühne bilden den zweiten und dritten Teil des tänzerischen Programmpunktes „Republic of Dance“. Die Choreografin Lisbeth Gruwez hat gleich zwei Produktionen im Gepäck: ein Solo zur Musik von Bob Dylan und das vielverheißende Stück „We’re Pretty Fuckin‘ Far From Okay“, das sich um irrationale Ängste wie die Angst vor großen Gefühlen dreht.

Auf neues künstlerisches Terrain kann man sich auch während Bernhard Mikeskas szenischer Instellation „GOETHE :: VOM VERSCHWINDEN“ begeben. Es geht um einen verzweifelten Goethe, der zwei Jahre nach seiner Ankunft in Weimar plötzlich aus seiner gewohnten Umgebung flieht. Hier macht man als Zuschauer unter Garantie neue Theatererfahrungen, denn man kommt den Schauspielern ungewohnt nahe.

Das diesjährige Kunstfest Weimar steht also für viel Experimentierfreude, wagt Neues und übt Gesellschaftskritik – das verspricht zumindest das vorliegende Programm. Man darf also neugierig und gespannt sein, was die Weimarer Organisatoren in Zusammenarbeit mit den Künstlern, Tänzern und Schauspielern auf die Beine gestellt haben. Ein Besuch wird es zeigen.

Mehr Infos zum Festivalprogramm unter: www.Kunstfest-weimar.de

 

Copyright Foto:
Teatret Gruppe 38, Keine Angst, Foto © Pressefoto, Kunstfest Weimar

Franziska Gurk
28.07.2016

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