Baudenkmale können nicht fliehen

Kulturzerstörung als politische Waffe

Baudenkmale können nicht fliehen

 Sie sind in Gefahr durch Krieg und Hass, als Symbole, die aber niemand respektiert: die Baudenkmale. Als Erzeugnisse des Menschen leiden sie das gleiche Schicksal wie die Menschen selbst. Schuld daran ist die zynische Barbarei der Mörder, Räuber und Verbrecher, in rücksichtsloser Machtgier. Wie passt dies alles zusammen mit dem hohen kulturellen und moralischen Impetus der weltweit propagierten Aktion „Weltkulturerbe“ der UNESCO? Oder setzt das eine das andere gar voraus? Ist das eine notwendig, angesichts der Gefahren durch das andere, um überhaupt noch öffentliche Aufmerksamkeit für Bedrohtes zu erreichen? Anlass für das Projekt „Welterbe“ war ja seinerzeit die Rettung wegen Gefährdungen durch den blinden Fortschrittsglauben in der Welt gewesen, erstmals bei den Tempelanlagen von Abu Simbel. Wie aber hat es sich dann entwickelt? Wie soll man das auch heute noch akute, sinnlose Zerstören verstehen? Hat hier Vernunft überhaupt noch eine Chance?

„Weltkulturerbe“, das ist ein heute weltweit äußerst beliebter Titel, gleich einer Nobilitierung, mit dem sich Städte und Regionen gerne schmücken. Die daraus erwachsende Verpflichtung steht dabei leider oft abseits. Wenn man die Liste allein der bisherigen deutschen Anmeldungen durchsieht, und wenn man weiß, dass hiervon höchstens alle zwei Jahre ein neues Objekt ausgewählt wird, kann es noch rund hundert Jahre dauern, bis alle Begehrlichkeiten beantwortet sein werden, geschweige denn erfüllt. Doch immer noch ist die Liste rein eurozentrisch geprägt. Andere Kontinente sind weit weniger vertreten, was die Aussagekraft über das wirkliche Weltkulturerbe als repräsentativer Querschnitt eines größeren Ganzen höchst zweifelhaft erscheinen lässt.

Die Gier nach Titeln und Prädikaten und das bedenkenlose Zerstören gehören letztlich zum gleichen Phänomen, nämlich zum Verachten und Verkennen der eigentlichen Botschaft der Denkmale. Die heute wirklich brennenden Fragen entstehen aus der brennenden Sorge um die Erhaltungsmöglichkeiten vieler Baudenkmale eben dieser Liste der UNESCO, angesichts der weltweit zunehmenden Zerstörungen aus Krieg und Hass oder aus Begehrlichkeit, also aus letztlich absichtlicher Zerstörungswut. Die Nachrichten über die Zerstörungen in Syrien und Irak, mit voller Absicht dort durchgeführt, z. B. in Palmyra, lassen die Weltgemeinschaft ratlos. So war es schon vor 20 Jahren auf dem Balkan gewesen, z. B. bei den absichtlichen Bombardierungen von Dubrovnik und anderen Orten im zerfallenden Jugoslawien. Anläßlich der rumänischen Revolution 1989 etwa verschanzten sich Einheiten der rumänischen Geheimpolizei Securitate zu ihrem Schutz in der Staatsbibliothek der Hauptstadt und schossen von dort. Die Bibliothek ist während der folgenden Kämpfe ausgebrannt, Zerstörung, Raub und Geiselnahme von Kulturgut hielt also unvermindert an. Die Kennzeichnung nach der Haager Konvention gewährte nicht nur keinen Schutz, sondern sie reizte im Gegenteil zu besonders blindwütigen Attacken. Die bekanntesten Opfer sind die beiden einst größten Buddha-Statuen der Welt, die steinernen Standbilder im Tal von Bamiyan. Es war eine besondere, neue Form des kulturellen Genozids.

Man mag meinen, dass angesichts der gleichzeitigen Opfer von Menschenleben die Sorge um die Denkmale letztlich zweitrangig sei. Aber auch Kulturzerstörung ist ein Zeichen für einen Krieg, der gegen Menschen geführt wird. Sie trifft nicht die Menschen allein, sondern ihre Gemeinschaft und deren Werke, damit also langfristig ihre Identität. Sie ist eine besonders perfide Variante des Völkermordes. Auf einen Bericht der Journalistin Ira Mazzoni in der Süddeutschen Zeitung vom 14. April 2003 über die Plünderungen des Nationalmuseums in Bagdad gab es z. B. eine Zuschrift, die vom „Jammern der Ästhetizisten“ sprach. Es ist aber unzulässig, Menschenleben gegen Kunstwerke auszuspielen. Ein solches Alternativdenken verhöhnt den Wert beider. Wer Bücher verbrennt, der mordet schließlich auch ihre Erzeuger, also die Menschen.

Hier sehe ich schließlich einen höchst wichtigen Berührungspunkt zum heute so akuten Thema der sog. ,,Flüchtlingswelle“. Flüchtlingsbewegungen und Kulturzerstörung entspringen der gleichen Quelle. Beide Probleme sind nicht mit Appellen zu lösen, sondern nur an der Quelle des Übels, und die Wurzeln dessen liegen lange zurück. Wer ehrlich ist, muß erkennen, dass Europa und die Welt heute letztlich die bitteren Früchte früheren kolonialistischen Fehlverhaltens als Ernte serviert bekommt. Nur können die Denkmale nun einmal nicht fliehen. Der Begriff „Kulturkriegsverbrechen“ als Definition dieser Art von Zerstörung wird heute viel diskutiert, ist freilich rechtlich schwer zu fassen. Umso schwieriger sind wirksame Gegenmaßnahmen zu finden. Die jüngst publizierte Idee des Louvre-Direktors zu einer „Eingreiftruppe“ kann eigentlich nur scheitern. Auch sein Vorschlag eines staatlich und privat finanzierten Stiftungsfonds zur Restaurierung zerstörter Kulturgüter greift zu kurz. Nur die Rettung vor Zerstörung brächte das einzige und beste Prädikat.
 

Copyrigt Foto:
Die Buddha-Statuen von Bamiyan waren bereits vor ihrer Zerstörung durch die Taliban nicht mehr intakt. Aus religiösen Motiven hatte man den Statuen aus dem 6. Jahrhundert schon früh den Schmuck, die Hände und die Gesichter abgeschlagen, Foto © Süddeutsche Zeitung
 

Prof. Dr. Manfred F. Fische
28.07.2016

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