Zeitgenössisches, Klassisches, Brisantes, Komödiantisches

Premierenvorschau: Was Frankens Theater in der Spielzeit 2016/17 zu bieten haben

Zeitgenössisches, Klassisches, Brisantes, Komödiantisches

 Das Theater Amberg wartet in der kommenden Saison wieder mit einer sehr vielfältigen Reihe von Gastspielen auf, die zum Teil mit Euro-Studio Landgraf veranstaltet werden. So beispielsweise, passend zum Reformationsjahr, das Stück Martin Luther & Thomas Müntzer oder Die Einführung der Buchhaltung vom Alten Schauspielhaus Stuttgart, das Singspiel Im weißen Rössl von der Wanderoper Brandenburg oder Neil Simons Komödie Der letzte der feurigen Liebhaber vom Theater im Rathaus Essen. In der Musicalsparte sind zu nennen Andrew Lloyd Webbers Evita und Emmanuel Clark Porters Mahalia, das Musical über das Leben der „Queen of Gospel“ Mahalia Jackson. Im Tanzbereich darf man auf das Gastspiel der Compagnie des Rioult Dance New York gespannt sein, ebenso auf die Limón Dance Company, die Breakdance-Show der Brodas Brothersie und die Stepptanz-Show unter dem Titel Irish Christmas. In der Schauspielsparte überwiegen die Komödien und angesagte Stücke wie Ferdinand von Schirachs Terror oder Yasmina Rezas Kunst. Das Programm des Amberger Theaters umfasst darüber hinaus auch Jazz- und Klassikkonzerte sowie Kabarettveranstaltungen (u.a. mit Gerhard Polt und Eckhard Henscheid).

Am Theater Ansbach steht die zweite Spielzeit der Intendanz von Susanne Scholz an. Sie hat die Saison unter das Motto Gewissen gestellt und lässt sich eine Reihe von Stücken an diesem anspruchsvollen Begriff abarbeiten. Mit Elektra von Hugo von Hofmannsthal beginnt die Premierenreihe, also mit jener antiken Figur, die sich aufgrund der politisch-familiären Vorgänge innerhalb ihres Staates nur noch ihrem Gewissen verpflichtet fühlt und nach Rache schreit. Im Schauspiel Stalin des Altachtundsechzigers Gaston Salvatore werden die gewissenlosen Taten des Diktators in nächtlichen Gesprächen mit einem jüdischen Schauspieler offenbar, dessen Gewissen jedoch ebenfalls nicht rein ist. Von zentraler Bedeutung im Programm ist die Uraufführung von Friederike Köpfs Luther – Das klare Wort, denn der Protagonist des Reformationsjahres berief sich ja auf die Freiheit des Gewissens. Die juristischen Aspekte des Saisonmottos werden durch Ferdinand von Schirachs Stück Terror beleuchtet. Die letzte Premiere der Saison 2016/17 ist einem Klassiker gewidmet: Edmond de Rostands Cyrano.

Das ETA-Hoffmann-Theater Bamberg geht nach einer verheißungsvollen ersten in seine zweite Spielzeit unter der neuen Intendantin Sibylle Broll-Pape. Nach dem Saisonthema „Heimat“ lautet das kommende kurz und bündig „Europa“, ist also wieder brandaktuell – Brexit hin oder her. Zwölf Neuproduktionen stehen auf dem Programm, darunter Klassiker, zwei Schauspiele mit Musik und zwei Uraufführungen. Deren erste bezieht sich unmissverständlich auf das Saisonmotto: Europa verteidigen von Konstantin Küspert, dessen Stück Rechtes Denken schon in der vergangenen Saison beeindruckte. Auch in Joel Pommerats La Révolution#1 – Wir schaffen das schon geht es um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, freilich exemplarisch zurückversetzt in die Zeitumstände der französischen Revolution. Richtig brisant wird es, wenn die Intendantin sich der Dramatisierung von Michel Houllebecqs Roman Unterwerfung annimmt, denn darin geht es ja immerhin um die hypothetische Islamisierung Europas.

Komödiantisches ist in Eugène Labiches Vaudeville-Klassiker Das Sparschwein angesagt, doch Vorsicht, die Komödie ist doppelbödig schaut auch hinter die Fassaden der bürgerlichen Welt! Mit Franz Grillparzers Das goldene Vlies beginnt die Spielzeit am 7. Oktober. Auch hier geht es ja um Migration und das daraus resultierende Fremdsein (der Medea). „Probierst Du die EU für uns durch?“, lässt das Programmheft bezüglich von Tena Stivicics Stück Drei Winter fragen, die von einer wechselvollen Familien-Saga handelt. Zu den Klassikern gehören Brechts Mutter Courage und ihre Kinder, die Antigone des Sophokles und Carlo Goldonis Diener zweier Herren, der zum Beschluss der Spielzeit plein-air bei den Calderón-Spielen auf dem Programm steht.

Am Landestheater Coburg neigt sich die äußerst erfolgreiche Intendanz von Bodo Busse nach der Saison 2016/17 ihrem Ende zu, doch für die kommende Saison wurde wieder ein viel versprechendes Programm vorgestellt, in dem sich das Haus zum klassischen Repertoire bekennt. So sind im Musiktheater u.a. Beethovens Fidelio und Wagners Parsifal Höhepunkte der Spielzeit, im Schauspiel die Antigone des Sophokles und Schillers Wallenstein. Doch das Theater widmet sich auch Werken des 20./21. Jahrhunderts und der Wiederentdeckung vergessener oder selten gespielter Stücke. So feiert die Kammeroper The Raven von Toshio Hosokawa ihre deutsche Erstaufführung, und mit Erich W. Korngolds Operette Die stumme Serenade wird ein nahezu vergessenes Werk des Genres wieder zum Leben erweckt.

Mit Alice in Wonderland hebt die Coburger Tanzcompagnie ein neues Handlungsballett aus der Taufe. Die Schatzinsel, ein Schauspiel mit Musik von Matthias Straub, dürfte ein familärer Blockbuster werden, und zur Weihnachtszeit gibt es dann Hans Chr. Andersens Märchen Die Schneekönigin. Unbedingt erwähnenswert ist im Musiktheaterbereich das neue Schlaue Füchslein von Leos Janacek, Cole Porters Musical Anything Goes, Mozarts Figaros Hochzeit und in der Ballettsparte der Abend Short Stories mit Musik von Sting, Arvo Pärt und anderen. Die Schauspielfreunde dürfen sich noch über Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher freuen.

Das Markgrafentheater Erlangen fragt nach dem Saisonmotto ‚Heimat‘ nun nach der ‚Utopie‘, also danach, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Die Utopie zieht sich durch den Spielplan und kulminiert sogar in einem „UTOPIEN-Fest“, bei dem es um die Entwicklung von Visionen gehen soll. An Premieren werden einerseits bekannte Stücke wie Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch, Angst essen Seele auf von Werner Fassbinder und Klassiker wie Shakespeares Romeo und Julia sowie Die Schutzflehenden des Aischylos geboten, andererseits auch neuere Stücke wie Sibylle Bergs Viel gut essen und Wut von Elfriede Jelinek, die sich bereits auf den Bühnen haben durchsetzen können. Als deutsche Erstaufführung präsentiert das Markgrafentheater Bestätigung von Chris Thorpe, ein Gedankenexperiment, das mit Überzeugungs- und Überredungsstrategien arbeitet. Natürlich gibt es dank diverser Gastspiele auch wieder Kabarett, Tanztheater, Oper und Operette im faszinierenden Ambiente des Erlanger Theaters zu bestaunen.

„Was glaubst denn Du?“ lautet das Motto, mit dem die Spielzeit 2016/17 am Stadttheater Fürth überschrieben ist und natürlich auf sehr aktuelle Bezüge schließen lässt. Im Oktober wird die Saison mit Kristo Sagors Schauspiel Die Jüdin von Toledo (nach dem Roman von Lion Feuchtwanger) eröffnet. Die Handlung spielt im Spanien der Kreuzzugzeit, als der Kampf der religiös definierten Kulturen zwischen Juden, Christen und Moslems auf dem Höhepunkt war. Auch Lot Vekemans Schauspiel Judas bezieht sich auf das Saisonmotto, nicht weniger natürlich das Musical Luther - Rebell Gottes, das ab Januar als passende Einstimmung zum Luther-Jahr geboten wird. Weitere Stücke wie Samuel Becketts Warten auf Godot oder Arthur Millers Ein Blick von der Brücke gehören zu den „Klassikern“. Mit Simplicius Simplicissimus: Der klügste Mensch im Facebook steht ab März eine Theaterperformance mit Texten des syrischen Bloggers Aboud Saeed auf dem Spielplan. Als „Stück der Stunde“ bezeichnete Der Spiegel nach der Uraufführung 2013 in Chicago das Werk Geächtet des Pulitzer-Preisträgers Ayad Akthar. Zahlreiche Projekte und die Gastspiele nationaler und internationaler Bühnen und Ensembles ergänzen das umfangreiche Theaterangebot ebenso wie die hochkarätigen Konzertprogramme im Stadttheater und im Kulturforum Fürth.

Auch das Theater Hof stellt das neue Saisonprogramm unter eine Leitidee. Intendant Reinhardt Freise lässt ab Herbst Arbeiter, Glücksritter und Tyrannen die Themen „Arbeit und Macht“ von vielen Seiten aus beleuchten. In der Opernsparte stehen Neuinszenierungen von Georges Bizets Carmen und Francis Poulencs Die Gespräche der Karmeliterinnen an. Die Operettenfreunde werden mit Eduard Künnekes Der Vetter aus Dingsda und Fred Raymonds Maske in Blau bedient. Das Musicalgenre macht mit Der Ring von Frank Nimsgern und Daniel Call sowie mit Irvin Berlins Klassiker Annie get your gun auf sich aufmerksam – und sorgt wohl auch für viel Stimmung.

Die Ballett- und Tanzabteilung des Dreispartenhauses bittet zu Kurt Schrepfers Tanzstück On the rocks und bietet zum Saisonfinale unter der Überschrift Tango! einen Ballettabend mit Choreographien von Barbara Buser und dem Ensemble an. Im Schauspielbereich sind nicht weniger als elf Stücke präsentiert, darunter Klassiker wie Anton Tschechows Tragikomödie Der Kirschgarten, Samuel Becketts Monolog Das letzte Band oder die mittlerweile auch oft gespielte Groteske Mein Kampf von George Tabori. Three Kingdoms von Simon Stephens verspricht dem Programmtext nach ein Thriller zu werden...

Am Staatstheater Nürnberg, Frankens großem Kulturtanker, hat sich der scheidende Intendant Peter Theiler viel vorgenommen. Es steht nicht nur ein neuer Ring des Nibelungen Richard Wagners an, auch weitere sieben Premieren zählt die Musiktheatersparte. Darunter befinden sich Repertoirewerke wie Rossinis Die Italienerin in Algier, Alban Bergs Wozzeck, Bellinis Norma oder Verdis etwas seltener gespielter Oper Attila. Bachs Matthäus-Passion wird im Rahmen der ION in der Lorenzkirche in Szene gesetzt. Die Musical-Komödie Sugar – Manche mögen‘s heiß wird Billy-Wilder-Fans entzücken. Eröffnet wird die Opernsaison am 1. Oktober mit der Neuinszenierung von Modest Mussorgskys Boris Godunow.

Nachdem sich das Leitthema Über Grenzen sprechen der zurückliegenden Schauspielsaison als geradezu prophetisch erwiesen hat, kann Spartendirektor Klaus Kusenberg mit seinem Mottovorschlag Umbrüche für die kommende Saison wohl kaum falsch liegen. Als „großartiges Stück deutscher Geschichte“ haben Medien Mark Hayhursts Der Prozess des Hans Litten bezeichnet, das nun endlich als Saisonauftakt (8. Oktober) seine deutsche Erstaufführung am Staatstheater Nürnberg erlebt. Klassiker im neuen Programm sind Friedrich Schillers Die Jungfrau von Orléans, Gerhart Hauptmanns Die Ratten, Max Frischs politisch derzeit sehr aktuelles Stück Biedermann und die Brandstifter sowie Tennessee Williams Die Katze auf dem heißen Blechdach. Eine Römische Trilogie nach drei Shakespeare-Dramen von John von Düffel wird als Uraufführung geboten. Einen „absolut verrückten Spaß“ versprechen die Programmverantwortlichen mit der Pension Schöller von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs. Ahnungsvoll wurde Tuksal Moguls nun höchst aktuelles Stück 2023 – Atatürks Erben als Uraufführung angesetzt.

Die Ballettsparte verteilt wie stets ihre drei neuen Choreographien über die ganze Saison und nimmt Kammertanz sowie Cyrano wieder auf. Monade, Don Quijote und Made for us II sind die Uraufführungen überschrieben, unter denen sich auch Choreographien des Ballettdirektors Goyo Montero befinden. Im März veranstalten die Ballettfreunde des Staatstheaters wieder eine Internationale Ballettgala.

Das Theater der Stadt Schweinfurt arbeitet seit Jahrzehnten kontinuierlich mit großstädtischen Theaterensembles und Künstlern von internationalem Renommée zusammen und kommt damit in der Ausrichtung und Dichte einem produzierenden Dreispartenhaus recht nahe. Heuer feiert es mit seiner 50. Spielzeit ein rundes Jubiläum, was den Anlass für ein besonders opulentes Programm bietet. Schon 1946 haben die Bamberger Symphoniker in Schweinfurt konzertiert und wurden ab 1966 zum wichtigsten Partner des Theaters im Konzertbereich. Acht Konzerte pro Saison bedeuten, dass dieses Spitzenorchester in keiner Stadt außerhalb Bambergs öfters spielt als in Schweinfurt. Mit den Herausforderungen unserer Zeit beschäftigt sich schwerpunktmäßig der Themenkreis Heimat – Wer ist Wir?, der sich mit dem „Eigenen im Fremden und dem Fremden im Eigenen“ auseinandersetzt. Gleich drei Mal setzt sich das Theater mit dem Thema „500 Jahre Reformation“ auseinander. Besonders erwähnenswert ist sicherlich die Premiere einer internationalen Tanzgala, die im November unter dem Motto Dance is the key stattfindet und nicht weniger als sechs Compagnien mit ihren jeweiligen Choreographien präsentiert. Selbstverständlich bereichern auch Opern- und Operettengastspiele wieder das Schweinfurter Saisonprogramm.

Beim Rosenthal-Theater Selb lebt die Attraktivität der jeweiligen Spielzeit einmal mehr von der Vielfalt der Genres und der eingeladenen Künstler bzw. Ensembles. Ob Musical, Kabarett, Tanz, Ballett, Volkstheater, Chansonabende, Schauspiel, Oper oder Operette: in Selb ist Facettenreichtum angesagt. Bei den Künstlern darf man beispielsweise die Kabarettisten Richard Rogler, Nessi Tausendschön, Bruno Jonas, Martina Schwarzmann und Bernd Regenauer nennen. Bei den Gastspielen fällt dem Hofer Theater und den Hofer Symphonikern einmal mehr eine besonders wichtige Rolle zu.

Das Mainfranken Theater Würzburg blickt nicht nur einer neuen Intendanz-Ära und den damit verbundenen künstlerischen Akzentwechseln entgegen, sondern auch den Herausforderungen, die mit der geplanten Sanierung des Theaters verbunden sind. Neu-Intendant Markus Trabusch verspricht sowohl neue Künstler wie auch den Bau einer neuen Spielstätte. Vor allem aber stellt er neue Sichtweisen auf die alten Stoffe in Aussicht und fokussiert die neue Spielzeit auf aktuelle Themen, unter denen die Auseinandersetzung mit der zunehmenden religiösen Überformung gesellschaftlicher Probleme oder Sachverhalte Priorität besitzt. Im Musiktheater wie im Schauspiel setzen die ersten Produktionen entsprechende Akzente: Lessings Nathan der Weise (Premiere am 1. Oktober) ebenso wie Giacomo Meyerbeers Die Hugenotten. Von Mozart wird der bereits anlässlich des Mozartfestes vorgestellte Idomeneo ins Programm übernommen und ab Ende November Die Entführung aus dem Serail. Im neuen Jahr kommt Verdis Nabucco heraus, gefolgt von Andrew Lloyd Webbers Musical-Klassiker Jesus Christ Superstar. Auch die Kinder bekommen eine Portion Oper ab mit Leonard Evers phantasievollem Werk Gold. Zeitgenössisches Musiktheater wird am Ende der Saison präsentiert: Alois Bröders Unverhofftes Wiedersehen nach einer Erzählung Johann Peter Hebels als Uraufführung.

Als deutsche Erstaufführung bringt das Mainfranken Theater Ich Zarah oder das wilde Fleisch der letzten Diva von Franz Stefan Griebl (Pseudonym: ‚Franzobel‘), wo es um das Schicksal Zarah Leanders geht. Ferdinand von Schirachs erstes Theaterstück Terror und Juli Zehs Der Kaktus widmen sich Fragen der Zeit, Federico Garcia Lorcas Bluthochzeit archaischen Familienfehden und Lot Vekemans Judas dem Thema ‚Verrat‘. Einsamer Klassiker in diesem ambitionierten Programm ist die Antigone des Sophokles. Die Ballettsparte wartet zunächst mit ihrem neuen Handlungsballett Die Päpstin auf, im Januar findet dann das erfolgreiche Format Laboratorium Tanz eine Neuauflage. Anna Vitas Der Tod und das Mädchen in einer Neufassung und die Choreographie Requiem sind die beiden Teile eines Ballettdoppelabends im April.

 

Copyright Fotos:
Mainfranken Theater Würzburg, Foto © Manger
Stadttheater Fürth, Foto © Stadttheater Fürth
Markgrafentheater Erlangen, Foto © Jochen Quast
Das Theater in Hof bei Nacht, Foto © Theater Hof
ETA Hoffmann Theater, Foto © Thomas Bachmann
Landestheater Coburg - Großes Haus, Foto © Andrea Kremper
Staatstheater Nürnberg, Foto © Staatstheater Nürnberg

 

 

 

Martin Köhl
28.07.2016

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