Körperstaub und Harfenwald mit Eisblumenblau

Die 53. Fürther Kirchenmusiktage wagen einen orientalischen Einschlag

Körperstaub und Harfenwald mit Eisblumenblau

 Wer von einer Veranstaltungsreihe unter dem Motto „Poesie zwischen Himmel und Erde“ liest, mag wohl eher an ein Literaturfestival denken als an Kirchenmusiktage. Um letztere handelt es sich aber, wenn in Fürth unter besagter Leitidee das längst zur Tradition gewordene Fest sakraler Musik zum 53. Male stattfindet. Der Untertitel des diesjährigen Programms gibt einen weiteren Hinweis auf den inhaltlichen Fokus der Veranstaltungsreihe, die vom 11. bis 27. November in fünf Innenstadtkirchen sowie an verschiedenen anderen Orten stattfindet. Die künstlerischen Leiterinnen, Ingeborg Schilffarth und Sirka Schwartz-Uppendieck, haben sich nicht nur am Themenjahr „Luther und die Eine Welt“ orientiert, sondern ebenso an der aus aktuellen Gründen wieder ins Bewusstsein getretenen Berührung mit der orientalischen Welt. Insofern muss man es als eine glückliche Fügung begreifen, dass heuer mit dem 150. Todestag Friedrich Rückerts eine Persönlichkeit wieder ins Blickfeld gerät, die wie kaum eine andere für die Wertschätzung des nahöstlichen Kulturkreises steht.

Der lokale Bezug drängt sich im Übrigen schon deshalb auf, weil Rückert bekanntlich an der benachbarten Erlanger Universität lehrte. Gleich die zweite Veranstaltung der Kirchenmusiktage am 12. November ist diesem Thema unter der Überschrift „Friedrich Rückert: Orientalischer Poet und poetischer Orientalist“ gewidmet. Ein Vortrag des heutigen Orientalistik-Lehrstuhlinhabers Georges Tamer im Gemeindehaus St. Michael verbindet sich musikalisch mit Rückert-Vertonungen von Johannes Brahms, Gustav Mahler und Robert Schumann. Die Zusammenarbeit mit der Flüchtlingshilfe Fürth soll hier wie bei den anderen Veranstaltungen mit „orientalischem“ Einschlag helfen, dass eine wirkliche Begegnung der Kulturen stattfindet, so wie deren Austausch ja schon – nicht erst seit Goethe – eine lange Tradition hat.

Auch das Auftaktkonzert tags zuvor steht unter einem Motto, das sich unschwer zuordnen lässt: „Rainer & Maria“. Es geht nämlich in diesem Orgelkonzert des Hamburger Dom-organisten Eberhard Lauer in der Auferstehungskirche um Marienvertonungen u.a. von J.S. Bach, Marcel Dupré und Olivier Messiaen sowie um Improvisationen über Gedichte aus Rainer Maria Rilkes „Marienleben“. Ein weiteres Orgelkonzert am 18. November mit dem „Lokalmatador“ Andreas König ist „Mit Flügeln unterwegs“ überschrieben und schließt auch ein monumentales Werk des diesjährigen Jubilars Max Reger ein. Wer sich zu den Nachtschwärmern zählt, kann anschließend noch im Stadttheater unter dem Motto „Glaube, Liebe, Sehnsucht“ französische Chansons und Klavierminiaturen erleben.

Abermals orientalische Anmutung besitzt das Konzert am 15.11. in der Michaelskirche, wenn unter dem Titel „Körperstaub und Seelenantlitz“ Gedichte von Hafis im Original und in Rückert-Übersetzungen sowie Psalmen und Hoheslied ebenfalls im Original und in der Luther-Übersetzung geboten werden. Dazu soll iranische Musik auf Originalinstrumenten erklingen. Friedrich Rückert wird am 19.11. ein weiteres Mal im Mittelpunkt stehen, wenn Vertonungen seiner Texte durch Gustav Mahler („Kindertotenlieder“) durch gewichtige Werke von Johannes Brahms und Leonard Bernstein ergänzt werden. „Poesie – Psalm – Paraphrase“ lautet diesmal das Motto.

Fortgesetzt wird das Festival am 20.11. in St. Paul mit dem ebenfalls sehr aktuell klingenden Projekt „Protestleute gegen den Tod“. Werke von Frank Martin, Samuel Barber und Hugo Distler stehen neben neueren Kompositionen auf dem Programm. Mit einem Kinderkonzert und einem Marcel Duprés „Chemin de la croix“ gewidmeten Konzert in Fürths Kirche „Zu Unserer Lieben Frau“ neigen sich die Kirchenmusiktage ihrem Ende zu. Am 26.11. ist noch ein Konzert für Orgel und Schlagzeug unter dem Motto „Toccata und Offbeat“ in St. Paul zu hören, während sich am folgenden Tag zum Finale ein ganzer „Harfenwald“ auftut. Bei diesem Abschlusskonzert der 53. Fürther Kirchenmusiktage in der Auferstehungskirche gibt es unter der Devise „Himmlische Saitenspiele“ Klavier- und Harfenmusik zu hören, ergänzt um die Kunstaktion „Eisblumenblau“. Dass bei einem Gottesdienst in St. Heinrich, in dem u.a. Mozarts „Spatzenmesse“ erklingen wird, auch dem ökumenischen Anliegen die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet werden soll, ist im Übrigen in Fürth längst eine Selbstverständlichkeit.

 

Copyright Fotos:
Solgerd Isalv, Foto © Franziska Noack
Fränkische Kantorei, Foto © Harald Nagy
Eberhard Lauer an der Orgel, Foto © privat

 

 

 

Martin Köhl
13.10.2016

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