Eine Schwesternschar dreht auf

„30 Jahre Wellküren“ in der Kulturhalle Grafenrheinfeld

Eine Schwesternschar dreht auf

 Wer erinnert sich nicht an die legendären Biermösl-Blosn? Die Kombo, die einst mit Gerhard Polt an der Seite die Republik - und die Politik - in den Wahnsinn trieben. Die Biermösl Blosn in weiblich? Eigentlich ein undenkbares Ding. Denkste! Schließlich haben Mutter und Vater der Well-Brüder ganze Arbeit geleistet. Gertraud „Traudl“ Well, eine geborene Effinger, zog einst 15 Kinder groß. Drei der Buben gründeten 1976 eben die Biermösl Blosn. Und drei Töchter: Die ließen zehn Jahre später die Wellküren erstmals auf den Bühnen der Region tanzen.

Seit inzwischen 30 Jahren tummeln sich die Well-Schwestern Notburga, Barbara und Monika erfolgreich auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Am 15. Oktober auch in der Kulturhalle in Grafenrheinfeld bei Schweinfurt. Was erwartet das Publikum, wenn drei Schwestern von drei Biermösl-Blosn-Legenden ihr schlicht „30 Jahre Wellküren“ getauftes Jubiläumsprogramm präsentieren? Zu allererst: Eine gehörige Portion traditioneller bayerischer Volksmusik. Weit abseits der von Goiserns und wie sie alle heißen. Einfach nur das, was die Familie einst im heimischen Wohnzimmer perfektionierte. Aber das war bei weitem noch nicht alles. Das spezielle Talent der Wellküren ist es, in harmlos scheinendem traditionellen bayerischem Gesang eine breite und aktuelle Themenpalette, bei manchen Widrigkeiten im Haushalt angefangen, über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, bis hin zu den politischen Zuständen in Bayern, witzig und hintergründig zu verpacken. Sie schrecken dabei auch nicht vor Feldern wie Verhütung oder Gammelfleisch zurück, die in der überlieferten Volksmusik, die sie allerdings ebenso beherrschen, schlecht denkbar sind. Ergo begaben sich die drei Schwestern in musikalische Grenzbereiche, fanden den perfekten Mittelweg zwischen Tradition, scharfer Zunge und modernen musikalischen Elementen. Sie selbst bezeichnen sich als „Wilderinnen“ – den tieferen Sinn darin lassen sie unbeantwortet. Klar ist, dass die Well-Schwestern anders sind als andere. Als sich Vroni 2008 aus der Kabarett-Truppe verabschiedete, riefen Moni und Burgi kurzerhand ein familieninternes Casting aus. Das Rennen machte Barbara. Die hatte jedoch Aufholbedarf: Ein Jahr lang konnte sie sich akribisch auf die Vroni-Nachfolge vorbereiten. Sie musste mit 49 Jahren noch Harfe und Tuba lernen, damit das Konzept auf der Bühne aufging. „Sie ist zwar keine Konzert-Tubistin geworden, aber für das, was wir machen, langt‘s“, lacht Schwester Monika. Eines konnte sie schon vorher: Lästern und sticheln wie die Großen. Schließlich lernt man im Kreise von 14 Geschwistern nahezu automatisch eine gewisse Scharfzüngigkeit. Die brachten die Wellküren irgendwann auch auf die Bühne. Und es läuft. Bis heute. Die Belohnung war einst das Rezept. Nach Auftritten in jungen Jahren gab es Wiener Würstchen statt Griesbrei und Lebertran - wer wäre da nicht gerne freiwillig aufgetreten? Irgendwann änderte sich das. Aus dem Belohnungsantrieb wurde pure Freude am Tun. Wenn die drei Randoberbayerinnen aus Günzlhofen durch die Republik touren, ist der Spaßfaktor hoch. Daran änderte auch der Tod von Mama Traudl nichts. Die starb im letzten Jahr im gesegneten Alter von 95 Jahren, überließ der Menschheit eine Söhne- und Tochterschar, die dank scharfer Zunge, musikalischem Talent und vielen Eingebungen in der Kabarettszene höchsten Stellenwert genießt. Und das nicht nur wegen der legendären Biermösl Blosn. Die Schwestern der Chef-Regime-Kritiker stehen denen in nicht viel nach. Während die Brüder sich allerdings vor einigen Jahren aufgrund verschiedener Meinungen zu der ein oder anderen politischen Entwicklung auflösten, singen die Schwestern noch heute.

 

Copyright Foto: © Christian Kaufmann

Andreas Bär
30.09.2016

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