Kind, lies doch mal was!

Über aktuelle Jugendliteratur (im Leseherbst) oder: Warum lesen niemals out sein wird

Kind, lies doch mal was!

 Neulich haben wir in der Redaktion darüber sinniert, ob das gute alte Buch über kurz oder lang wirklich zu den Ladenhütern gehören wird bzw. die charmante Buchhandlung von nebenan in der Konsequenz irgendwann ganz und gar aus dem Stadtbild verschwinden wird. Das Ende des gedruckten Wortes wird ja schon seit geraumer Zeit gemeinhin prophezeit. Selbstverständlich herrschte Einigkeit darüber, dass ein solches Szenario verheerend wäre, ganz klar. In der leisen Hoffnung, dass diese Überlegungen vielleicht aber auch alle total unbegründet sind, verbunden mit dem festen Glauben in die Jugend (die es hoffentlich schon richten wird), konnten wir uns zumindest damit beruhigen, dass unsereiner den Niedergang des Buches nicht mehr erleben wird.

Aber richtig: „Und nach uns die Sintflut“ kann nicht ernsthaft das Ergebnis eines Meinungsaustausches über die Zukunft der Druckerzeugnisse sein. Jedenfalls nicht in einer Zeitungsredaktion. Deshalb hier der Aufruf an alle jugendlichen Leser und vor allem (Noch)Nichtleser oder Nichtmehrleser: Lest! Wieder! Mehr! Dieses Massen bewegende Spiel, bei dem man wie ferngesteuert durch die Stadt rennt und immer Gefahr läuft, vom nächsten Auto erfasst zu werden, nur um irgendwelche imaginären Monster zu fangen (für alle Uneingeweihten: hier ist die Rede von Pokémon Go!, der neuen Smartphone-Spieleinvasion), weckt vielleicht Kindheitserinnerungen, aber 1. liegen die ja wohl noch nicht so weit zurück, dass man sich umständlich daran erinnern müsste und 2. ist das Spiel mit ziemlicher Sicherheit eh bald wieder out, weswegen man es 3. von vornherein direkt links liegen lassen kann. Lesen hingegen wird niemals out sein. Niemals nicht!

Wir sind zugebenermaßen leidenschaftlich unterwegs, wenn es um die Verteidigung des Buches geht, wollen aber nicht nur leere Versprechungen machen oder Phrasen dreschen. Im Gegenteil, wir sind auf sieben aktuelle Jugendbücher gestoßen, die jeden Anflug von Langeweile im Nu vergessen lassen. Das alles bestimmende Thema ist das Erwachsenwerden mit sämtlichen Schwierigkeiten, die in dieser Phase auftreten können. Aber auch die (alltäglichen) Abenteuer kommen nicht zu kurz. Obwohl sich das Themenspektrum im Jugendbuch oft ähnelt und man denken könnte, dass es sich deshalb schnell erschöpft, gleicht keiner „unserer“ Protagonisten dem anderen. Ihre Geschichten sind so unterschiedlich wie sie selbst, dabei schlägt die ein oder andere mitunter auch ernste Töne an. Drei der ausgewählten Schmöker sind für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert, der im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wird.

„Die kleinen Schwestern, sie leben hoch.“

Den Anfang der Vorstellungsrunde soll eine der Buchpreisnominierungen machen. Das schmale, unscheinbare Buch mit pechschwarzem Cover hat reichlich Eindruck bei uns hinterlassen. Eigentlich lesen wir sämtliche Rezensionsexemplare in den heimischen vier Wänden, dieses hier wechselte allerdings noch in der Redaktion seinen Besitzer. Mit „Das hier ist kein Tagebuch“ feierte die niederländische Schriftstellerin Erna Sassen bereits 2009 ihr Jugendbuchdebüt. Erst im vergangenen Jahr erschien das Buch als deutsche Erstausgabe im Verlag Freies Geistesleben.

Der sechszehnjährige Boudewjin liebt seine kleine Schwester über alles. Das ist schön, aber für einen Teenager tendenziell eher ungewöhnlich. Ebenfalls ungewöhnlich sind die Forderungen des Vaters, der Sohn solle regelmäßig Tagebuch führen und jeden Abend eine von Papas Klassik-CDs hören (wobei sich Boudewjin immer öfter für Pergolesis Stabat Mater entscheidet). Alles höchst eigenartig, welcher halbwüchsige Junge schreibt schon gerne Tagebuch und hört klassische Musik?! Boudewjin folgt den Anweisungen des Vaters auch nur, weil ihm sonst Konsequenzen drohen würden. Aber irgendwie scheint das seltsame Beschäftigungsprogramm des Vaters etwas in Boudewjin, der in seinem Leben schon einiges hat verkraften müssen, zu bewirken.

Tod, Verlust und Trauer – das sind die Themen, derer sich Erna Sassen in „Das hier ist kein Tagebuch“ annimmt. Schwer verdaulich und nichts für Jugendliche, könnte man jetzt sagen. Das sieht Erna Sassen anders. Gott sei Dank. Weil sie Boudewjin stellvertretend für viele andere Kinder und Jugendliche eine Stimme gibt; eine die zwar bitter, zynisch und höchst zerbrechlich ist, aber gleichsam auch voller Witz, Wärme und Scharfsinn. Es gibt keine Seite in diesem Buch, bei der man nicht entweder schlucken oder schmunzeln muss. Mit ihrem Erstlingswerk ist der Schriftstellerin eines jener seltenen Bücher gelungen, die genau den Nerv treffen und die man so schnell nicht vergisst – auch für Erwachsene durchaus zu empfehlen.

Erna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch, Freies Geistesleben, Deutsch, 183 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3-7725-2861-3

Altersempfehlung: ab 14 Jahren

 

Ohne jegliche Provokation

„Ohne jegliche Provokation“ findet so ziemlich jeder Faustkampf statt, in den der Schüler Dane Washington verwickelt ist. Das befindet jedenfalls Direktor Davis, wenn der Junge mal wieder bei ihm im Disziplinarbüro sitzt und ein Schuldiger für die letzte Schulschlägerei gefunden werden muss. Dane sieht das naturgemäß anders, denn wenn seine Handflächen anfangen zu jucken – so wie er es ausdrücken würde – dann hat das auch einen Grund und sein Gegenüber in aller Regel eine aufs freche Mundwerk verdient. So will es sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit. Gepaart mit schneller Reizbarkeit, ergibt das keine gute Mischung. Klar, Gewalt ist keine Lösung, das weiß Dane selbst, aber lieber ist er Täter als Opfer, und er ist ja aus den richtigen Gründen Täter, findet er. Alles ändert sich, als Billy D., ein Junge mit Down-Syndrom im Haus nebenan einzieht und Dane ab sofort ungefragt auf seinem täglichen Schulweg begleitet.

„Halbe Helden“ von der in Arizona lebenden Journalistin und Schriftstellerin Erin Jade Lange ist ebenfalls für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert, und das zurecht. Die Konversation zwischen den beiden Jungen ist ungeschönt und herrlich verschroben. Als Leser merkt man relativ schnell, dass Dane so gar kein Schlägertyp ist und Billy alles andere als ein Dummkopf. Hier fordern sich zwei Jugendliche gegenseitig dazu heraus, gehört und geliebt zu werden – jeder auf seine Art. Am Ende ihres gemeinsamen Abenteuers haben sie nicht nur einen Freund dazugewonnen, sondern sind auch um einige wertvolle Erfahrungen reicher.

Erin Jade Lange: Halbe Helden, Magellan, Deutsch, 336 Seiten, 16,95 Euro, ISBN: 978-3-7348-5010-3

Altersempfehlung: ab 14 Jahren

 

Kann die Wahrheit verloren gehen?

Ja, sie kann. Ganze Identitäten können verschüttgehen. So geschehen zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Süddeutschland, als am Pfingstmontag des Jahres 1828 das Auftauchen eines unbekannten Knaben in Nürnberg deutschlandweit für Furore sorgte. Der Junge, den niemand kannte und der noch nicht einmal selbst wusste, wer er war, sollte als Kasper Hauser in die Geschichte eingehen. Jahrelang wurde er in einem finsteren Keller gefangen gehalten und lediglich mit dem Nötigsten versorgt. Laufen und sprechen erlernte er erst in Nürnberg. Warum nur, fragt man sich. Bis heute bleibt das Rätsel um Kasper Hausers Herkunft ungelöst. Aber es gibt viele Theorien um den geheimnisvollen Jungen, dessen Leben im Dezember 1833 – so viel kann man schon vorwegnehmen – ein jähes Ende fand.

Die Niederländerin Kristien Dieltiens hat sich der rätselhaften Ereignisse um Kasper Hauser angenommen und erzählt seine Geschichte in ihrem Roman „Kellerkind“ ganz neu. Dabei bedient sie sich vieler Fakten und verwebt sie mit dem fiktiven Charakter des Michael Ostheim, Kasper Hausers vermeintlichen Vater, der aufgrund seines Äußeren ein Leben in Einsamkeit führte und zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt war. Der Autorin ist damit nicht nur eine spannende Neuversion des Kasper-Hauser-Motivs gelungen, die nun auch in deutscher Erstauflage erschienen ist, sondern auch eine brillante Persönlichkeitsstudie zweier isolierter Jungen. Auch hier gilt die Leseempfehlung nicht nur für Jugendliche.

Kristien Dieltiens: Kellerkind, Urachhaus, Deutsch, 416 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-8251-7970-0

Altersempfehlung: ab 12 Jahren

 

Ein (aus-)gezeichneter Sommer

In zarten, monochromen Bildern und einer stimmigen Sprache erzählt die Graphik Novel „Ein Sommer am See“ die Geschichte von Rose – einem Mädchen, die ihre Ferien zusammen mit ihren Eltern wie jedes Jahr in einem Haus am See verbringt. Natürlich ist diese Zeit immer etwas ganz Besonderes. Kein Gedanke wird mehr an die Schule oder andere Probleme verschwendet, es zählt nur noch, was Spaß macht. Außerdem sieht Rose endlich ihre Freundin Windy wieder, die ihren Sommer ebenfalls in Awago verbringt. Gemeinsam haben die beiden Mädchen schon viele Sommerabenteuer erlebt, doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Eltern haben nur noch Streit und Rose merkt, dass auch sie sich verändert hat. Ihre Interessen sind nicht mehr die gleichen wie früher. Spielen am Strand? Kann man schon mal machen, aber die Jugendlichen drüben in der Videothek sind irgendwie viel cooler und interessanter.

Mehr Graphik Novels braucht die Welt! Zu dieser Ansicht gelangt man allerspätestens nach der Lektüre dieses 320 Seiten starken Comic-Meisterwerks der Kanadierinnen Mariko und Jillian Tamaki – der dritte für den Deutschen Jugendbuchpreis nominierte Schmöker, den wir hier vorstellen möchten. Grund dafür ist der besondere Ton der Bildergeschichte, die das Thema Erwachsenwerden auf eine ganz eigene Art angeht. Den beiden Cousinen ist es gelungen, eine feinsinnige Sommergeschichte aufs Papier zu zaubern, die auch im Herbst noch ihre Wirkung entfaltet.

Jillian Tamaki, Mariko Tamaki: Ein Sommer am See, Reprodukt, Deutsch, 320 Seiten, 29,00 Euro, ISBN: 978-3-95640-025-4

Altersempfehlung: ab 12 Jahren

 

Den Rucksack packen und abhauen

Den Rucksack packen und abhauen? – nicht unbedingt der wahrgewordene Elterntraum. Jedenfalls nicht fürs eigene Kind. Keine Angst, liebe Eltern, „Granatapfeltage“ von Karolin Kolbe ist auch kein Aufruf zum Abhauen, sondern der „erste eigene Anfang“ der 18-jährigen Greta aus Berlin. Mit dem Abi in der Tasche will sie vor allem eines: erstmal alles hinter sich lassen und Abstand gewinnen. Zugegeben, auch von den Eltern – die haben nämlich schon sehr genaue Vorstellungen, was die Zukunft ihrer Tochter angeht. Deshalb fasst Greta einen ehrgeizigen Beschluss: Sie will mit dem Fahrrad nach Spanien fahren, um, dort angekommen, durchs Land zu reisen. So richtig durchdacht ist die ganze Aktion nicht, das merken Greta und ihre Reisebegleitung Artjom noch im Brandenburger Umland. Aber Pläne sind ja dazu da, um sie über den Haufen zu werfen.

„Granatapfeltage“ ist das perfekte Buch für verregnete (oder auch nichtverregnete) Sonntage und liest sich in einem Rutsch weg. Das Beste: Man reist nach Spanien, ohne sich vom Sofa erheben zu müssen. Auf jeder der 176 Seiten wird deutlich, dass hier eine sehr junge Autorin am Werk war. Der Schreibstil der Anfang 20-jähigen Karolin Kolbe ist authentisch und frisch. Ihr neu erschienenes Buch greift Trendthemen wie Backpacking und Couchsurfing auf und spiegelt den aktuellen Zeitgeist wider. Gemeinsam mit Greta begibt man sich auf Abenteuerreise, liebt und leidet mit ihr mit und lernt obendrein noch etwas über südländische Gepflogenheiten.

Karolin Kolbe: Granatapfeltage – Mein Roadtrip quer durch Spanien, Planet!, Deutsch, 176 Seiten, 9,95 Euro, ISBN: 978-3-522-50511-6

Altersempfehlung: ab 12 Jahren

 

y = 1 – a (xa)² oder: die Formel des Verlassenwerdens

Man kann die Menschen – und damit die Welt – in zwei Kategorien einteilen: in Sitzenlasser und Sitzengelassene. In der Folge eine universelle Formel fürs Verlassenwerden aufzustellen, erfordert aber schon einen gewissen Hang zur Schrulligkeit. Gleichermaßen auch sehr viel Sachverstand. Außerdem jede Menge Verzweiflung. Damit ist Colin, seines Zeichens hochbegabt (≠ Genie!), knapp, aber treffend beschrieben. Als Hochbegabter ist er natürlich sehr viel komplexer, darauf würde er wohl bestehen, aber sein Freund Hassan – nicht hochbegabt und trotzdem schlau – bringt ihn immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Das scheint auch nötig, denn Colins bisherige Liebeserfahrungen basieren ausschließlich auf Beziehungen mit Katherines. Noch so eine seltsame Schrulle. Nun ist auch Katherine XIX. Geschichte und Colin am Rande der Verzweiflung. Da hilft auch kein Anagrammebilden oder Sanskritlernen weiter – richtige Ablenkung muss her! Also begeben sich Colin und Hassan auf eine Reise quer durch Amerika, auf der Colin sein Liebestheorem unter Beweis stellen kann.

„Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)“ von Bestsellerautor John Green („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, „Eine wie Alaska“) ist das, was der Titel verspricht: eine ungewöhnliche und hochgradig witzige Liebesgeschichte. Und nicht nur das, sondern auch ein Roadmovie und ein glorreiches Lehrstück über Freundschaft. Man müsste meinen, dass alles geht gar nicht in ein Buch. John Green – einer der herausragendsten amerikanischen Autoren der Gegenwart – kriegt das hin. Fein pointiert und mit jeder Menge Fußnoten versehen, wurde „Die erste Liebe“ nun noch einmal neu verlegt. Auch acht Jahre nach Erscheinen der deutschen Erstausgabe hat diese Geschichte kein bisschen an Zeitlosigkeit, Cleverness und Witz verloren.

John Green: Die erste Liebe (Nach 19 vergeblichen Versuchen), Hanser Verlag, Deutsch, 288 Seiten, 18,00 Euro, ISBN: 978-3-446-25313-1

Altersempfehlung: ab 13 Jahren

 

Wie ein Gedicht

Gedichtmonologe müssen nicht zwingend langweilig und verstaubt sein. Dass es auch anders geht, beweist der australische Autor Steven Herrick in seinem jüngst erschienenen Jugendroman „WIR BEIDE WUSSTEN, ES WAR WAS PASSIERT“. Die Besonderheit dieses Buchs liegt, neben der Geschichte, auf die wir gleich noch zu sprechen kommen, in der sich darbietenden Textform. Hierbei handelt es sich um aneinandergereihte epische Kurzepisoden, die sich in Gedichtform präsentieren und aus Sicht der drei Hauptprotagonisten erzählt werden.

Da wäre zum einen Billy – ein Junge, den zu Hause nichts mehr hält und der als Landstreicher im westaustralischen, verschlafenen Bendarat strandet; zum anderen ist da Old Bill – eine scheinbar verlorene Seele, die Billys neuer Nachbar wird. Die dritte im Bunde ist Caitlin – eine Schönheit aus reichem Elternhaus, die freiwillig bei McDonald‘s arbeitet. Klingt alles reichlich seltsam und wenig homogen. Steven Herrick beweist aber, dass auch diese Konträren durchaus miteinander verstrickt sein können. Neue Freunde findet man manchmal eben im Güterwagen nebenan und die erste große Liebe wischt unter Umständen den klebrigen Boden eines Schnellrestaurants. So spielt das Leben. „WIR BEIDE WUSSTEN, ES WAR WAS PASSIERT“ sucht das wirklich Bedeutsame in den kleinen Dingen und liegt damit goldrichtig.

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war was passiert, Thienemann Verlag, Deutsch, 208 Seiten, ISBN: 978-3-522-20219-0

Altersempfehlung: ab 13 Jahren

 

 

Franziska Gurk
30.09.2016

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