Spurensuche und Musik zum Anfassen

Suche nach kulturellen Wurzeln

Spurensuche und Musik zum Anfassen

Der Suche nach kulturellen Wurzeln hatten sich die 14. Tage der Neuen Musik angenommen. Kompositionen aus China, aus der Slowakei und eines Memmelsdorfer Jubilars standen im Zentrum. Auch Kinder und Jugendliche hatten die Möglichkeit, sich bei den über eine Woche hinweg verteilten Konzerten mit einzubringen.

 

Leicht hat es zeitgenössische, oder, wie der seit einem Jahrzehnt in Memmelsdorf lebende Komponist Horst Lohse sie gern nennt, der Zeit gemäße Musik nicht. In den Rundfunkanstalten wird sie auf Sendeplätze zu später Nachtstunde verdrängt, in den Programmen der meisten Symphonieorchester darf sie sich, von löblichen Ausnahmen wie denen in Freiburg und in Köln abgesehen, bestenfalls als Quantité négligeable zeigen, außerhalb von ihr gewidmeten Festivals (Darmstadt, Donaueschingen, Metz, Witten) macht sie sich rar.

 

Und selbst, wenn sie gar nicht mehr so neu ist, aber gespielt wird, gehen manche Konzertbesucher gern hinaus ins Offene. Das war soeben im Halbfinale des Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs bei Alban Bergs Lyrischer Suite zu erleben. Die Woche zuvor aber fand zeitgenössische Musik ein zahlreiches Publikum. Alle vier Konzerte der 14. Tage der Neuen Musik in Bamberg waren so gut wie ausverkauft. Auch die beiden Konzerte für Kinder und zwei Auftritte Jugendlicher – Schlagzeugensemble und Streichquartett am stadtbekannten Gabelmann, Musik für Klavier und für Holzblasinstrumente in der Teegießerei – fanden großen Zuspruch.

 

Wie bunt, wie spannend, wie hörenswert Kompositionen von und für heute klingen, führen in der Weltkulturerbestadt alle zwei Jahre diese Tage der Neuen Musik vor Ohren (und Augen, denn zeitgenössische Musik spielt häufig auch mit dem Visuellen). Horst Lohse war es, der eine Idee aus Würzburg, wo er bei Klaus Hinrich Stahmer und Bertold Hummel studierte, aufnahm, 1986 gemeinsam mit anderen den Verein „Neue Musik in Bamberg“ ins Leben rief, der für die Biennale verantwortlich zeichnet. Die Leitung des Vereins hat Lohse, der Mitte März seinen Siebzigsten feiern konnte, seit 2011 an den ehemaligen Villa-Concordia-Stipendiaten Markus Elsner abgegeben.

 

Dem Jubilar galt ein Gesprächskonzert im sehr gut besuchten Grünen Saal der Harmonie. Schülerinnen des Kaiser-Heinrich-Gymnasiums (Musikkurs Johannes Klehr) führten in die Musikwelt Lohses ein. Der unermüdliche Anreger und Bereicherer des kulturellen Lebens in Oberfranken greift in seinen Kompositionen häufig auf Anregungen zurück, die er durch die Literatur und vor allem auch durch die bildende Kunst findet. Mit einer Auswahl aus den Rückert-Liedern von 1987/1988 setzten Monika Teepe (Sopran), Ursula Haegblom), Martin Timphus an der Viola und die Harfenistin Veronika Ponzer einen bezaubernden Schlusspunkt eines Abends, der lange im Gedächtnis bleiben wird.

 

Lohse hatte die Lieder im Auftrag der Stadt Schweinfurt zum Rückert-Jubiläum geschrieben. Einem weiteren Franken verdanken sich die Nachtstücke. Und wie schön, dass der Blick hinaus aus dem Fenster direkt auf das E. T. A.-Hoffmann-Haus fiel, wo die Texte, von welcher diese Werke inspiriert sind, entstanden. Bemerkenswert und treffend hoffmannesk das vielfältige Schlagwerk, hier gespielt von Mathias Lachenmayr und Slawomir Mscisz.

 

Als ein langjähriger Freund und Weggefährte Lohses war der Erlanger Komponist Werner Heider zu Gast. Dessen Lamento Passionato für Streichquartett, im vergangenen Jahr entstanden, ist ein Requiem für einen gemeinsamen Freund der beiden. Konzentriert und leidenschaftlich setzen es die von der Primaria Valerie Rubin angeführten rubin chamber players um. Horst Lohses Musik war bereits tags zuvor am Eröffnungsabend des Festivals zu hören. Valerie Rubin spielte „Die Zeit ist ein uferloser Fluss“ für Violine solo von 1993, das sich auf das gleichnamige Bild von Marc Chagall bezieht. Lohse spielte lange auch mit dem Gedanken, bildender Künstler zu werden. Dann ist es aber doch ein bis heute spannendes Malen mit erfrischenden Tönen geworden. Außerdem kümmert sich Lohse gemeinsam mit seiner Frau um den Nachlass des aus Kulmbach stammenden Phantastischen Realisten Caspar Walter Rauh, sein Schwiegervater.

 

Auf Lohses „Uferlosen Fluss“ folgten vier Tangomutanten von Viera  Janárceková. Die kulturellen Wurzeln der ehemaligen Villa-Concordia-Stipendiatin liegen in der Slowakei, in Mähren und Böhmen. Sie wagt sich aber eben auch, argentinische Musik auf die ihr eigene Art umzusetzen. Am Violoncello war Bianca Breitfeld zu hören, Stefanie Schumacher spielte Akkordeon. Fehlen durfte zum Auftakt auch nicht eine Komposition von Huang Ruo, denn der in New York lebende Chinese war das, was man heute ohne Bindestrich Composer in Residence nennt. Seine „Divergence“ dirigierte er selbst. Mit China ging es weiter bei der Matinee im Lichtspielhaus, und in dem zentralen deutsch-chinesischen Konzert waren dann Werke von Klaus Hinrich Stahmer (also Lohses Lehrer, neben Hummel) zu hören und von Huang Ruo selbst. Viola spielte dabei der Solo-bratscher der Bamberger Symphoniker, Wen Xiao Zheng, und an der chinesischen Mundorgel, der Sheng, zeigte Wu Wei, der bereits mit den Berliner Philharmonikern gespielt hat, sein staunendmachendes Können.

 

Das Münchner Ensemble Musik zum Anfassen brachte auf wunderbare Weise Kindern den Zauber zeitgenössischer Musik bei. Augenbinden führten zu einem genauen Hinhören (und lautstarkem Kichern), ein Würfelspiel machte aktiv für die Kinder Musik erfahrbar.

 

Zum Abschluss stand abermals ein Ortswechsel an, und auch das ist ja das Schöne an den Bamberger Tagen der Neuen Musik, dass man ganz unterschiedliche Räume mit Klang erfüllt. Die Stuhlreihen im Alten E-Werk waren dicht besetzt, angekündigt ein deutsch-slowakisches Konzert. Wieder übernahmen Schüler die Einführung. Die Clavius-Gymnasiasten machten auch anhand von Lichtbildern deutlich, wie genau Viera Janárceková in ihren Partituren arbeitet, wie sie mit eigenen Symbolen eine gewisse Spielweise, einen speziellen Klang vorschreibt.

 

Die Jugendlichen kamen zudem in dem ansprechend gestalteten Programmheft zu Wort. Veit Meier, der am Clavius-Gymnasium unterrichtet, fragte, was Schülern Neue Musik bedeutet. Für Daniel, 16, klingt sie „anspruchsvoller und besser als Kompositionen von Mozart oder Bach“; für die gleichaltrige Jennifer-Tanja hingegen ist sie „nervtötend und hört sich oft langweilig an“; Raphael, 18, meint, Neue Musik sei überflüssig, bedeute ihm nichts und klinge grausam, Florian, 16, hingegen bringt die Sache so auf den Punkt: „Neue Musik... ist interessant. bedeutet mir viel. klingt gut.“ Genau so ist es, wie wieder einmal bei dem diesjährigen Festival zu erleben war. Oder, um mit den hoffnungsvollen Worten der fünfzehnjährigen Laura zu schließen: „Neue Musik ist für mich viel interessanter und besser als Musik aus der Klassik.“
 

Jürgen Gräßer; Foto © Gudrun Schury
01.07.2013

Eure Meinung? Leserbrief verfassen