Welterbe die Dritte

Lorscher Arzneibuch offiziell in das Register des Weltdokumentenerbes aufgenommen

Welterbe die Dritte

Zusammen mit der Himmelsscheibe von Nebra wurde das „Lorscher Arzneibuch“ der Staatsbibliothek Bamberg vom internationalen Komitee für das UNESCO-Programm „Memory of the World“  auf seiner Tagung am 18. Juni 2013 in Südkorea in das Register des Weltdokumentenerbes aufgenommen.

 

Bereits seit 2003 gehören zwei der Reichenauer Handschriften der Staatsbibliothek Bamberg zum bestehenden Register des Weltgedächtnisses. Ab sofort kann Bamberg mit drei Welterbetiteln glänzen.

 

Das „Lorscher Arzneibuch“ ist das älteste medizinische Buch des abendländischen Mittelalters. Es entstand Ende des 8. Jahrhunderts in der südhessischen Benediktinerabtei Lorsch (seit 1991 UNESCO-Weltkulturerbe) und ist heute Teil der Handschriftensammlung der Staatsbibliothek Bamberg.
Die Handschrift stellt einen Meilenstein in der Medizingeschichte dar, ein einzigartiges Zeugnis für die Neubewertung der antiken Medizin im Zuge der karolingischen Renaissance unter Karl dem Großen. Es verbindet erstmals die Erkenntnisse der antik-heidnischen Medizin mit christlichen Glaubensinhalten.

 

Seither galt die Behandlung Kranker nicht mehr als unstatthafter Eingriff des Menschen in den Heilsplan Gottes, sondern als Akt christlich gebotener Nächstenliebe. Das „Lorscher Arzneibuch“ ist als Nachschlagewerk und einführendes Lehrbuch angelegt. Es versammelt auf 150 Seiten verschiedenartige medizintheoretische und medizinpraktische Schriften in lateinischer Sprache. Der Hauptteil besteht aus 482 Arzneimittelrezepten. Nachträge und althochdeutsche Randbemerkungen zeugen von intensiver Benutzung im 9. und 10. Jahrhundert.

 

Das „Lorscher Arzneibuch“ ergänzt das Ensemble herausragender medizinischer und pharmazeutischer Schriften verschiedener Epochen und Kulturkreise, die schon früher in das UNESCO-Dokumentenerbe „Memory of the World“ aufgenommen wurden, darunter Dokumente aus Indien, der Türkei, Aserbaidschan, Korea und China. Vor 1000 Jahren gelangte es durch Kaiser Heinrich II. nach Bamberg. Es ist als Volldigitalisat online zugänglich, ab Herbst 2013 auch mit einer deutschen Übersetzung. Der Text des Arzneibuches ist außerordentlich sorgfältig in karolingischer Minuskel geschrieben. Herausragende Bedeutung kommt dem Vorwort zu: Es bietet das umfangreichste argumentative Textzeugnis zur karolingischen Antikenrezeption und stellt dieses Werk programmatisch in einen für die europäische Geistes- und Kulturgeschichte höchst bedeutsamen Zusammenhang. Es lässt sowohl die Prämissen und Hürden der gedanklichen Ausgangslage erkennen als auch die Möglichkeiten einer theologischen und somit systemimmanenten Erörterung. Die Lösung solcher Streitfragen besteht nicht etwa in der Ablehnung christlich-fundamentalistischer Glaubensinhalte und in einer bedingungslosen Annahme des aus antik-heidnischer Tradition Überlieferten, sondern in einer Verbindung beider Gedankensysteme innerhalb christlicher Grundüberzeugungen. Das für die karolingische Antikenrezeption zentrale Prinzip der Nützlichkeit verbindet sich mit dem spezifisch christlichen Anliegen der aktiven Nächstenliebe zu einem starken Fundament der Mönchsmedizin bzw. Mönchspharmazie, welche lange Zeit die einzige, auf Schriftlichkeit gründende Form der gelehrten Medizin im Abendland darstellte. Speziell für die Medizin wurden so die Weichen gestellt, die bis heute fortwirken: die Verbindung von säkularer Wissenschaft und einer Ethik des Helfens. Auch für diese aus dem Mönchtum stammende Innovation steht die Bamberger Handschrift. Das Buch gewinnt dadurch an zusätzlicher Bedeutung, dass es das einzige bekannte (Teil-)Verzeichnis einer kaiserlichen Bibliothek des Frühmittelalters enthält, niedergeschrieben durch Leo von Vercelli (gest. 1026), den Lehrer und Vertrauten Kaiser Ottos III. Diese Bücherliste erlaubt es auch, die Geschichte des „Lorscher Arzneibuches“ weitgehend zu rekonstruieren: Nach dem frühen Tod Kaiser Ottos III. im Jahre 1002 kam die Handschrift in den Besitz seines Nachfolgers Kaiser Heinrich II., der sie der Dombibliothek des von ihm im Jahr 1007 gegründeten Bistums Bamberg schenkte. Von dort gelangte sie im Zuge der Säkularisation 1802/03 in die Kurfürstliche Bibliothek Bamberg, die heutige Staatsbibliothek Bamberg.

Foto © Staatsbibliothek Bamberg - Fotos: Gerald Raab
01.07.2013

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