MPS - Reforest the legend?

Das kultigste deutsche Jazz-Label bekommt ein neues Gesicht

MPS - Reforest the legend?

 Musik Produktion Schwarzwald - Jazzin the black forest 1968. Fast 50 Jahre ist es her, als das magischste Kapitel deutscher Jazzlabelgeschichte begann. Nein, nicht in den Metropolen des Landes. Im kleinen Villingen-Schwennigen, im Süden der Nation, genauer im Schwarzwald gelegen, folgt der gleichermaßen technik- wie musikbegeisterte Hans Georg Brunner-Schwer, genannt HGBS, Beispiel gebend seinen Leidenschaften. Er holt den Jazz in den Schwarzwald und verbreitet von dort aus brilliante Aufnahmen davon in einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Das SABA-Tonband-Abspielgerät und die dazu gehörigen Musikkasetten waren damals die neue Hardware aus der eigenen Firma. Die Software dazu liefern, war der Ansporn von Hans Georg Brunner-Schwer. Folgerichtig nahm er das Aufnehmen von Musik selbst in die Hand. Und sein klanglicher Anspruch wurde zum Geheimrezept des MPS-Erfolgs. Mit seinem „Most Perfect Sound“ setzte er neue Maßstäbe in der Aufnahmetechnik und begeisterte zuvorderst große Pianisten, insbesondere Oscar Peterson, aber ebenso Monty Alexander, Count Basie, Milt Buckner, Jacki Byard, Eugen Cicero, Wolfgang Dauner, George Duke, Duke Ellington, Bill Evans, Erroll Garner, Earl Hines, Alexander von Schlippenbach, George Shearing, Martial Solal und Mary Lou Williams, um nur einige zu nennen. Ende 1968 wurden unter dem Label MPS bereits 142 Langspielplatten veröffentlicht, darunter die ersten vier Alben der Oscar-Peterson-Serie “Exclusively For My Friends”, die schnell zum Bestseller wurden und großes Lob aus den Reihen der Jazzkritiker auslöste. Zahlreiche Jazz-Preise und Auszeichnungen für das Label bestätigten diesen Kurs regelmäßig.

Fortan machte er den Schwarzwald zur temporären Heimat vieler Jazz-Größen der 60er und 70er-Jahre und wirkte auch weit über das Genre hinaus. Er arbeitete mit Stephane Grappelli, Rolf und Joachim Kühn, Albert Mangelsdorff, Hans Koller, Wolfgang Dauner, Dave Pike und Volker Kriegel sowie die Kenny Clarke-Francy Boland Big Band. Insgesamt 1.000 Aufnahmen sollen zunächst unter SABA und ab 1968 dann unter MPS entstanden sein. Auch Volkmusik, Unterhaltungsmusik und Tanzmusik (u. a. die Orchester von Kurt Edelhagen, Eddie Sauter, Rolf Hans Müller, Horst Jankowski oder Gustav Brom) sowie Heimatklänge und Klassik. Allen voran die Klavieraufnahmen von Friedrich Gulda. Der Jazz allerdings stand immer im Vordergrund. Das Repertoire des Kataloges war erstklassig. Stilistisch standen alle Schubladen offen: Dixieland bis Avantgarde (u. a. Gunter Hampel, Hans Koller, Albert Mangelsdorff, Manfred Schoof, Archie Shepp, Cecil Taylor), Ragtime bis Jazzrock, Bebop bis Bossa. Große amerikanische Namen führen die Veröffentlichungsliste an. Dazu gesellte sich das Who`s Who der deutschen und europäischen Jazzszene (u. a. der Schweizer George Grunt, der Franzose Martial Solal, Barney Wilen und Jasper van’ t Hof aus Holland, die Engländer John Taylor und Mike Nock sowie der Pole Michail Urbaniak). MPS war nicht nur eine Zentrale für Jazz in Deutschland und Europa geworden, sondern auch Motor für die Künstler, mit denen es gearbeitet hat. Nicht zuletzt punktet HGBS mit den „Singers Unlimited“-Aufnahmen im Bereich Vokal-Jazz und schließt damit den Kreis gut sortierter Jazz-Aufnahmen mit Klavier, Gesang und instrumentalen Größen des Genres.

MPS - Reforest the legend?

Anfang der 80er Jahre dann wird MPS verkauft. Der Backkatalog wanderte über Phillips an Polydor und über Polygram an Motor Music und landete 1999 schließlich bei Universal. Letztere gaben zunächst noch MPS-Aufnahmen im CD-Format heraus. Ebenfalls 1999 erschien das Buch zur Labelgeschichte. Speakers Corner Records legte dann ab 2000 Vinyl-Wiederveröffentlichungen mit Original-Cover nach. Danach fiel MPS in seinen Dornröschenschlaf. Auch die MPS-Film-Dokumentation in 2006 löste keine Wiedergeburt aus, sondern schien das Buch SABA/MPS mit Zeitzeugenbeiträgen und einer wunderbaren Erzählung zu schließen. Erst 2014 kam dann wieder Bewegung in die Labelgeschichte, als im Januar die Edel AG den MPS-Katalog von Universal kaufen konnte und das Thema mit neuer Motivation anpackt. Seitdem arbeitet Edel Kultur am neuen MPS-Gesicht und fügt der hiesigen Jazzlandschaft neben den deutschen Zeitgenossen ACT und ECM eine neue, dritte Schwergewichtsfacette hinzu.

Mit Lisa Bassenge, Rolf Kühn, Barbara Dennerlein, Hamilton de Holanda, Django Deluxe, Malakoff Kowalski, China Moses, Malia, Gilles Peterson, KhalifeSchumacherTristano und Mari Boine sind inzwischen ein knappes Dutzend Künstler neu oder zum wiederholten Male auf MPS veröffentlicht worden. Jüngster Neuzugang ist der junge deutsche Jazz-Sänger Erik Leuthäuser, der aktuell an seinem ersten MPS-Album arbeitet. Parallel dazu wird der Bestand digital aufbereitet und in Vinyl- und auch Tonbandeditionen neu aufgelegt. Das Aufforsten des Schwarzwald-Labels ist in vollem Gange – MPS bekommt ein neues Gesicht. Ein guter Zeitpunkt, um sich mit dem neuen Labelvater Christian Kellersmann über den Spagat zwischen Rückblick, Wiederaufbau und dem Fortschreiben des legendären MPS-Profils zu unterhalten.

INTERVIEW:


ART. 5|III: Herr Kellersmann, wie das MPS-Repertoire, das sie nun betreuen, wechselten auch Sie von Universal zu Edel. Sahen Sie die Chance eines MPS-Katalogs im Wechsel zur Edel AG, nachdem eine Wiedergeburt des deutschen Labels unter amerikanischer Führung nicht gelang? Worin lag die lange MPS-Flaute begründet, wo sich eine Revitalisierung doch seit vielen Jahren aufdrängen musste?

Christian Kellersmann: MPS ruhte einige Jahre bei Universal. Dort lag und liegt der Schwerpunkt auf den eigenen starken Jazzmarken wie Blue Note oder Verve. Für die Neuauflage von MPS gab es dort keine Not. Das drängte sich aus amerikanischer Perspektive also gar nicht so sehr auf. Als sich dann eher unerwartet die Option bot, dass Universal sich von den Rechten trennt, was erst durch die große Fusion des Konzerns mit EMI aufkam, für dessen Realisierung sich Universal von einigem Repertoire gelöst hat, ergriff Edel diese Chance. Unter neuem Dach ist das jetzt eine andere Situation. MPS ist der einzige Jazz-Brand bei Edel.
In meiner Position bei Universal war ich ein Ansprechpartner bei diesem Thema. In die Verhandlungen war ich nicht direkt involviert. Michael Haentjes kontaktierte mich, als ich gerade ein Sabbatical in Rio machte. Ich gab ihm den Hinweis zu prüfen, ob der Katalog schon verkauft worden sei. War er nicht und Haentjes griff zu. Und kurz danach stieg ich bei Edel ein.

 


ART. 5|III: Mit dem Hause Edel gibt es jetzt einen Neuanfang, der über die bisherige Wiederauflage-Philosophie hinausreicht. Nun scheinen Anspruch und Möglichkeit einer Reaktivierung zusammenzukommen. Was ist der Masterplan? Wo geht die Reise hin? Und wie wird man dem großartigen Erbe des Labels dabei gerecht, das ja sehr um die Gelegenheiten der treibenden Person Brunner-Schwer formierte?

Christian Kellersmann: Das musikalische Spektrum bei MPS war immer sehr vielfältig. Es gab unterschiedliche Produzenten mit oft divergierenden Ideen. Allein der Blick auf Namen wie z. B. Sun Ra, Art van Damme, The Singers Unlimited, Oscar Peterson, Baden Powell, Jean-Luc Ponty, Bolland/Clarke Big Band, Friedrich Gulda, Willy Stech zeigt die Bandbreite. HGBS hat diesen und vielen anderen Musikern Träume erfüllt. Er war von Musik besessen und nicht alles musste geschmacklich von ihm persönlich „unterschrieben“ sein. Das macht den Umgang und die Fortführung ja so angenehm. Deshalb halten wir die Augen auf verschiedenen Feldern auf.

 


ART. 5|III: Aktuell gibt es sicherlich noch viel Arbeit mit dem MPS-Backkatalog selbst.
Erste Reissues sind veröffentlicht, der Katalog wird digital verfügbar gemacht. Gleichzeitig entsteht ein neues Gesicht für MPS. Wie kam es zur Auswahl der aktuellen MPS-Künstler? Steht hierbei die Künstlerauswahl im Vordergrund oder geht der Blick gezielt auf mögliche Produktionen?

Christian Kellersmann: Unser Ziel ist es, einzigartige Produktionen zu veröffentlichen, die natürlich auch verkauft werden sollen. Die Ausrichtung ist hierbei offen.
Der Künstler steht mit seinen Ideen bei uns im Mittelpunkt. Wir stehen ihm beratend zur Seite.
So gibt es Produktionen, die uns bereits fertig produziert angeboten werden. Z. B. von China Moses oder Mari Boine. Oder dem brasilianischen Superstar Hamilton de Holanda.
Anders bei Barbara Dennerlein. Hier stand die Idee einer Weihnachtsplatte im Raum. Sie wünschte einen Produzenten und Arrangeur. Ich schlug Nicola Conte als Producer und Conte Magnus Lindgren als Arrangeur vor. Das Resultat ist Barbara‘s beste Platte. Zumindest aus meiner Sicht (lächelt).
Bei Lisa Bassenge war das Ziel, sie mit einem internationalen Top-Producer zusammenzubringen. Wir konnten Larry Klein gewinnen, der bereits mit Joni Mitchell, Madeleine Peyroux oder Melody Gardot zusammengearbeitet hat. Ein tolles Album, ein teurer Spaß und leider nicht der Erfolg, den ich erhofft hatte. Auch mit Rolf Kühn stehen wir in regem Austausch, wie sich die nächsten Alben gestalten werden.

 


ART. 5|III: Die aktuellen Veröffentlichungen, wie auch einige der bisherigen, sind zum großen Teil dem Vokal-Jazz zuzuschreiben. Zufall?

Christian Kellersmann: Ja, das ist in der Tat Zufall. Und der Tatsache geschuldet, dass viele Instrumentalisten bei ACT oder ECM unter Vertrag sind.
MPS orientiert sich entsprechend offener und weniger aus Produzentensicht, die einen Labelsound per se im Hinterkopf hat. Malakoff Kowalski beispielsweise ist keinerlei Jazz-Tradition verpflichtet und steht nicht als virtuoser Instrumentalist im Rampenlicht, sondern vereint ganz andere Qualitäten, die in Summe für eine Zusammenarbeit mit MPS standen.

 


ART. 5|III: Dann lässt sich aktuell nur schwerlich eine Idee davon vermitteln, wo MPS in drei, fünf oder acht Jahren steht?

Christian Kellersmann: Ich habe schon eine Idee, wo wir stehen können. Ich würde mich jetzt aber ungern festlegen wollen. Denn die Rahmenbedingungen verschieben sich rasant. Allein die Vertriebswege und deren Vermarktung sind einem ständigen Wandel unterworfen. Plötzlich ist Streaming das zentrale Medium. Damit verändert sich auch die Bedeutung des „Albums“, wie wir es seit Ende der 60er-Jahre kennen. Jetzt denkt man wieder im „Single“-Format. Inwieweit das auch für Jazz und Klassik relevant wird, wird sich zeigen.

 

 

Fotocredits:

Bild 1-12: Eine Auswahl an CDs und Platten die unter dem Label erschienen sind, Foto © MPS edel

Christian Kellersmann, Foto © Pressefoto

Oliver Will
30.03.2017

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