FEHLANZEIGE KULTURPOLITIK

Zu schön, um wahr zu sein

FEHLANZEIGE KULTURPOLITIK

Kein leichtes Unterfangen, wie sich herausstellt, in Bamberg etwas über Kulturpolitik zu erfahren. Dabei stehen die Sterne für die Weltkulturerbestadt günstig, will man meinen. 

 

„Die sanierte Traumstadt“ schreibt der Schriftsteller Godehard Schramm im Merian der Achtziger. Eine Stadt „…voll Raritäten, wie die Commode meiner alten Großmama, die viel zusammenscharte“ lobhudelt der Lyriker und Dramatiker Karl Immermann gut hundert Jahre vorher. Eine Hauptstadt der Welt gewesen zu sein, wurde ihr hier und da zugestanden. Vom fränkischen Vatikan ist zu lesen. „Bei Gott eine schöne Stadt“ tönt Hans Wollschläger in seiner „zornigen Liebeserklärung“ im gleichen Merian aus 1987. Dieser unterscheidet sich zu seinem Vorgänger aus 1953 eher durch die Autoren und Fürsprecher und weniger die inhaltliche Exegese der Stadt betreffend. Das historische und kulturpolitische Fundament der Stadt also ist alt und tragfähig. Seine Besonderheiten entlang der Zeitachse sind längst erfasst. Große Namen beschrieben diese wieder und immer wieder und liefern verlässliche Urteile. 

 

Doch längst werden nicht alle Pfunde würdig gehegt und gepflegt, wie das politische Marketing uns tagtäglich glauben machen will. Bamberg Welterbestadt. Die Obfrau des Welterbes nahm vor einem knappen Jahr den Hut. Die Vakanz der prominenten Stelle stört scheinbar niemanden!? Museen der Stadt Bamberg – der Masterplan zum Museumsausbau ist alt, gut zehn Jahre alt. Doch mühsam ernährt sich die städtische Museumslandschaft. Von Ausbau kann maximal stüfchenweise die Rede sein, wenn überhaupt. Im Winter schließen die Museumsräume. Heizen ist nicht drin. E.T.A. Hoffmann. Das Universalgenie verbrachte wichtige, markante Lebensjahre in der Stadt. Die E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft kümmert sich rührig um seine angemessene Position in der hiesigen Kulturpolitik. Mit wenig, mit viel zu wenig Unterstützung seitens der städtischen Kulturpolitik. Die stiefmütterliche Behandlung des Enthusiasten bleibt diesem stattdessen erhalten. 

 

Stiefmütterlich – ist das vielleicht auch das richtige Adjektiv für das Dasein der Bamberger Kulturpolitik? Selbst die seit Jahren regierende und den Kulturreferenten stellende Partei, die Christlich Soziale Union, schreibt in einer wenige Wochen alten Einladung zu einem Kulturforum: „…kamen die eigentlichen „Kulturschaffer“ kaum bis gar nicht zu Wort, deren eigene Gesprächsanfragen an die Stadt wurden in den letzten Jahren häufig für nicht notwendig erklärt und abgetan. Kamen sie zustande, wurden Fragekataloge durchgearbeitet und mit unbefriedigenden Pauschalantworten abgefertigt.“ Ein nicht nur stiefmütterliches, sondern tatsächlich armseliges Zeugnis, das die Ton angebende Partei der Stadt ihrem parteieigenen Kulturreferenten und seiner Kulturverwaltung hier ausstellt – ob mit Recht, wäre noch zu prüfen. Aus dem inzwischen stattgefundenen „Kulturforum“ der CSU heraus, entsteht ein Antrag an die Stadtverwaltung mit einigen Einzelpunkten, die sich beinahe ausnahmslos aus dem Gesprächstermin ergeben haben. Der Verwaltungsauftrag mit der Überschrift: „Konzept zu neuen Wegen in der Kulturförderung in Bamberg“ lautet:

 

ZITAT:

zu prüfen, inwieweit Kunstschaffende in die Reihe der „Botschafter Bambergs“ aufgenommen werden können

den Vertrag mit der Deutschen Städte Medien GmbH dahingehend nachzuverhandeln, dass Kulturschaffenden, Bürgervereinen und vergleichbaren Organisationen in Bamberg das Recht eingeräumt wird, eine gewisse Anzahl von Werbeflächen im Stadtgebiet (nach dem Vorbild der Regelung in dem „alten Vertrag“) kostenfrei zu nutzen

in das Rathaus-Journal eine Reihe einzuführen, in der Kulturschaffende in Bamberg einem breiteren Publikum vorgestellt werden

es möglich zu machen, dass die Bamberger Kulturschaffenden in den Räumen des TKS in einem stärkeren Maße als bisher für ihre Veranstaltungen werben können

darauf hinzuwirken, dass das Kulturamt eine Adressdatei aller Kulturschaffenden in Bamberg aufbaut und pflegt

ein Konzept zu erarbeiten, wie im Zuge der Konversion des US-Standortes ein „Haus der Kunst“ mit ausreichenden Flächen für die Arbeit an und die Präsentation von kulturellen Werken geschaffen und unterhalten werden kann

zu prüfen, inwieweit der „Kunstraum Kesselhaus“ als provisorischer Ausstellungsraum für Kulturschaffende in Bamberg erhalten bleiben kann

die finanzielle und personelle Sicherung des Projektes „Kulturklassen“ zu gewährleisten

einen Vorschlag zu unterbreiten, wie ein eigenes ETA-Hoffmann-Kunststipendium eingerichtet werden kann. Dieses soll es – nach dem Vorbild der Förderung von internationalen Stipendiaten des Künstlerhauses Villa Concordia – Bamberger Kulturschaffenden ermöglichen, sich für einen begrenzten Zeitraum finanziell grundgesichert auf eine künstlerische Arbeit zu konzentrieren, die mit dem Leben und dem Werk des in Bamberg wirkenden ETA Hoffmann in einer zeitgenössischen Weise in Beziehung steht. 

ZITAT ENDE

 

Einzig der letzte Punkt entstand nicht aus dem Gespräch heraus. Der muss über Umwege in den aktuellen kulturpolitischen Aktionismus der CSU Bamberg gelangt sein. Und die übrigen Punkte? Schwarzer Peter an die Verwaltung? Die Politik will das ja gerne alles ermöglichen – doch am Ende des Hausaufgaben-Päckchens an die Verwaltung, das hier verteilt wurde, steht im günstigsten Falle ein Vorschlag derselben, der in den meisten Fällen zwangsläufig mit einem Antrag auf Bereitstellung von Finanzmitteln daherkommen wird. Und dann? Schwarzer Peter an die Politik? Denn für alle Wünsche reicht die Geldschatulle nicht. Und ob die Prioritätensetzung die Punkte eines solchen Antrags gebührend berücksichtigen (können) wird, wenn Finanzposten B mit Finanzposten K verglichen wird? Ein für die Politik bequemer Teufelskreis, den die Verwaltung, das ist in Bamberg nicht anders als anderswo, mit einem viel zu schlechten Image auszubaden hat. 

 

Wie machen es die anderen Parteien?

 

Wir fragen zunächst bei der Pressestelle der Stadt Bamberg nach, welche kulturpolitischen Anträge in der auslaufenden Legislaturperiode von welchen Parteien denn eingegangen wären und zu welchen Maßnahmen das schließlich geführt habe. Fehlanzeige! Spontan sieht sich dort niemand in der Lage uns die kulturpolitischen Anliegen der Parteien aus den letzten Jahren vorzulegen, nicht einmal die offiziellen Anträge an die Stadtverwaltung, die ohnehin nicht thematisch sortiert seien. Auch auf den Internetseiten der Stadt Bamberg keinerlei Hinweis auf die Anliegen, die die Parteien in den letzten Jahren schriftlich formuliert als Antrag an die Stadtverwaltung gestellt haben. Andere Städte geben sich hier deutlich transparenter.

 

Nach einigen Tagen werden wir doch noch zur Einsicht einer Übersicht eingeladen. Unsere Mitarbeiterin allerdings wird bei der Durchsicht gut beobachtet, ihre Interessen werden gebändigt. Schließlich wird ihr die weitere Einsicht aus zeitlichen Gründen verwehrt. Ein Kopieren der Unterlagen in größerem Umfang aus Kostengründen. Auch die zugesicherte Kostenübernahme bewirkt nichts. Legt die Stadtverwaltung kein Interesse auf die Anliegen der gewählten Volksvertreter im Stadtrat? Ist es unbequem aufzuzeigen welche Partei sich wofür einsetzt und was daraus geworden ist/wird? Oder ist sich die Verwaltung nur des Teufelskreises bewusst, der hinter dem geschilderten Schwarzer-Peter-Prinzip steckt und versucht zu Recht unsinnige Mehrarbeit zu vermeiden? Vermutlich von allem ein bisschen. Deshalb scheint es dringend angebracht, dass Parteien und Verwaltung das Antragsgebaren ernst nehmen und dem Bürger gegenüber transparent machen, was wer wann zu erreichen sucht und was dabei herausgekommen ist!

 

Auch ein Nachhaken bei den Fraktionen des Stadtrats hat leider nicht zu wirklich befriedigenden Ergebnissen geführt. Antworten kamen lediglich von der SPD und der GAL. Monika Bieber, kulturpolitische Sprecherin der SPD, fasst wie folgt zusammen, wofür sich ihre Partei unter anderem kulturpolitisch eingesetzt habe: Vier Schauspielerstellen am E.T.A.-Hoffmann-Theater, Erhöhung des Globalbetrages der Kulturförderung, Antrag zur Einführung einer Kulturförderabgabe, Anstoß des „Klassen-Los“ Projektes – Schüler bewerben sich als Theatergast, Erstellung einer wiss. Stadtgeschichte, Museen am Domberg mit Einsatz eines Dombergkoordinators, Kesselhaus als Ort für Moderne Kunst – Machbarkeitsstudie beantragt, Einsatz für Bamberg zaubert und Blues- und Jazzfestival in der Innenstadt.

 

Die GAL hat uns eine Linksammlung zu ihrer Homepage geschickt. Dort beschreiben sie ihre kulturpolitischen Anliegen und kommentieren die Kulturpolitik der anderen Parteien. Den Grünen lagen am Herzen: ein Kultur-Sozial-Ticket, das Nutzen von Leerständen für Kunstausstellungen, ein Doku-Zentrum Erinnerungskultur. Des Weiteren macht die GAL Bamberg deutlich, welche Ideen usrpünglich von ihr gekommen seien (z.B. Museumsberg) und was sie von den kulturpolitischen Schritten hält, die im Stadtrat beschlossen wurden. Der Umzug der Musikschule z.B. wird hier als verkehrs- und sozialpolitische verfehlte Premium-Lösung bewertet. Ist es denn nun wichtig, wer die Idee angeblich hatte, oder wer sich für die Umsetzung einsetzt. Und wo ist der Antrag Museumsberg der GAL? Gibt es diesen? Fragen über Fragen und die Antworten bleiben die Parteien und auch ein wenig die Pressestelle der Stadt schuldig. Kultur hat man! scheint der Tenor zu sein. Das braucht keinen professionellen Kümmerer. Die kleinen feinen Ideen schmeißen sich die Parteien schon lieber selbst um die Ohren. Mit Einzelgespinsten im Dunklen stochern und das möglichst toll verkaufen heißt die Devise, wenn sie auf die Kulturpolitik Bambergs angesprochen werden. Das war schon in den Wahlprogrammen der letzten Kommunalwahlen so und es ist zu befürchten, dass auch im Vorfeld der anstehenden Kommunalwahlen niemand wirklich sagt, was er in den nächsten sechs Jahren kulturpolitisch erreichen will und warum und wie die Finanzierung dafür zu sichern ist.

 

Der akute Investitionsstau in die Bamberger Kultur allerdings, kann keine befriedigende Antwort sein. Da nützt auch der vorgehaltene Spiegel der historisch reichen Kulturstadt mit Orchester, Theater und einem Künstlerhaus nichts. Denn kulturpolitisch umfassend ist sein Bild bei weitem nicht und von einer zufrieden stellenden Grundausstattung kann auch nicht die Rede sein. Und auch das „Schwarzer Peter“-Spielen könnten sich die Entscheidungsträger sparen. Es geht um Prioritäten für die Kultur. Diese sind politisch zu äußern und im Idealfall durchzusetzen. Wunschvorstellungen und nicht gehaltene Wahlversprechen verbessern die Situation nicht. Ebenso nicht die vorhandene, intransparente Antragslandschaft, für deren Informationsleistung und Auswirkungen sich scheinbar niemand verantwortlich fühlt.

 

Anträge sind keine Leserbriefe sollte man meinen. Fehlanzeige! Aus einer Ansammlung zusammenhangloser Einzelideen muss ein tragfähiges Gesamtkonzept gebaut werden. Ebenso Fehlanzeige! Gibt es positive Reaktionen auf das, wofür sich die Parteien angeblich stark gemacht haben und machen? Schauen wir auf das Beispiel Kesselhaus, dessen Weiternutzung CSU und SPD explizit geprüft haben wollen, ist der aktuelle Zwischenstand wohl, dass zunächst Teile der Immobilie wegen statischer Bedenken gesperrt wurden und inzwischen von der Stadtverwaltung deutlich gesagt wurde, dass eine Schließung unter den gegebenen Umständen unausweichlich sei. Am liebsten hätten die Verantwortlichen noch vor der letzten Ausstellungseröffnung zugesperrt, obwohl die Werke längst platziert waren, alles vorbereitet und beworben war. Also noch einmal wieder: Fehlanzeige!

Oliver Will
23.09.2013

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