Wechselvolle Familiengeschichte

„Drei Winter“ von Stena Stivicic erlebte am Bamberger ETA-Hoffmann-Theater seine deutschsprachige Erstaufführung

Wechselvolle Familiengeschichte

 Mai 1945, der Krieg ist vorbei, die wechselvolle Geschichte des einstigen Jugoslawiens beginnt, auf den Schultern der Partisanen soll der „dritte Weg“ zum Sozialismus gefunden werden. 45 Jahre später ist Titos Reich zerbrochen, Kroaten, Serben und Bosnier bekriegen sich, und noch einmal 20 Jahre später steht das längst unabhängige Kroatien vor dem EU-Beitritt. Wir schreiben das Jahr 2011 und schauen zurück auf eine wechselvolle Geschichte und nach vorne auf eine ungewisse Zukunft. Die erfolgreiche Theaterautorin Tena Stivicic hat sich aus diesem Stoff eine Familiensaga ausgedacht, um darauf die Ereignisse und Umwälzungen von fast 70 Jahren Nachkriegszeit auf dem Balkan zu projizieren.

Es sind vor allem drei Generationen starker Frauen, die ihr Familienschiff durch vielerlei Fährnisse gesteuert haben, angefangen mit Rose Kaiser, die 1945 als gestandene Kommunistin damit klarkommen muss, dass ihr Mann der Kollaboration verdächtigt wird und Mühe hat, den Ustascha-Makel abzustreifen. Das Stück wechselt nun ständig zwischen drei Zeitstufen, die es erlauben, die jeweils aktuellen Probleme zu fokussieren, sei es in politischer oder persönlicher Hinsicht. Den permanenten Hintergrund bildet dabei das ehemals aristokratische Familienhaus in Zagreb, dessen Bewohner nach dem Krieg vom sozialistischen Jugoslawien über Krieg und Zerfall in der Nachwendezeit bis zum Hier und Heute manche Umwälzungen miterlebt haben.

Stehen bei der Zeitstufe 1990 politische Debatten im Vordergrund, natürlich auch der Konflikt zwischen Serben und Kroaten, so geht es im Jahre 2011 mehr um persönliche Befindlichkeiten, recht offen auch um Eheprobleme. Eine besondere Note erhält das Stück durch das Thema Emigration, denn einige Familienmitglieder haben sich längst ins westliche Ausland aufgemacht, während andere den Faden der Tradition wieder aufzunehmen versuchen. Ein bitterer Zwist entwickelt sich zwischen zwei der Schwestern: Alisa gibt sich prinzipientreu und moralisiert, während Lucija ihren Entschluss verteidigt, einen neureichen Mann geheiratet zu haben. Da dessen Geschäfte wohl etwas dubios sind, hat sie sich vorsichtshalber das Haus überschreiben lassen…

Der familiäre Zusammenhalt bleibt trotzdem halbwegs ungefährdet, sieht man von Schwiegersohn Karl ab, der sich kroatisch-patriotisch gibt und in der Politik Karriere macht. Man bleibt irgendwie zusammen, trinkt und scherzt, erzählt sich alte Geschichten oder enthüllt endlich bislang vorenthaltene Geheimnisse. Am Schluss versammeln sich alle Generationen der Familiensaga und erstarren hinter dem Gaze-Vorhang zu einem Genre-Bild. Vorne setzt Mascha, das Bindeglied des ganzen Clans, zu einem gedankenschweren Epilog an, der sich eine Spur zu tiefgründig gibt. Katharina Brenner personifiziert diese Protagonistin auf ihre unnachahmliche Weise – eine sehr komplette, in jeder Affektlage überragende Schauspielerin!

Vater Vlado wird von Volker Ringe als scheingemütlicher Patriarch gezeichnet, dessen Bonmots lapidar klingen, es bisweilen aber in sich haben. Pina Kühr ist als Lucija mimisch-gestisch sehr vielseitig, aber oft eine Spur zu kess, Iris Hochberger wirkt als Dunja und Karolina gefasster, quasi wie ein Ruhepol, der jedoch in kritischen Situationen explodieren kann. Ronja Losert stattet ihre beiden Rollen (Alisa und Rose) mit scharfen Konturen, aber allzu permanenten Erregungszuständen aus. Schließlich: Dramaturg Remsi Al Khalisi und Intendantin Sibylle Broll-Pape haben eine sehr stimmige Inszenierung dieses Stückes auf die Bamberger Bretter gestellt, ein lohnender Abend!


Fotocredits:

Szenenfotos "Drei Winter", ETA Hoffmann Theater © Martin Kaufhold

 

Martin Köhl
23.05.2017

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