Weißer Rauch und ein Tempel aus Büchern – von Athen gelernt?

Die documenta 14

Weißer Rauch und ein Tempel aus Büchern – von Athen gelernt?

 In Kassel brennt es. Weißer Rauch steigt aus dem Schornstein des Fridericianums. Doch statt auf ein Feuer im Museum oder eine erfolgte Papstwahl hinzuweisen, verkündet er: Habemus documentam. Zum ersten Mal in der Geschichte der bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst wurde die documenta dieses Jahr nicht in Kassel, sondern am 8. April zunächst in Athen eröffnet. Um auf diesen historischen Moment hinzuweisen, installierte Daniel Knorr unter dem Titel „Expiration Movement“ fünf Nebelmaschinen im Fridericianum, einem der Hauptausstellungsorte Kassels. Denn am 10. Juni öffnet das Museum der 100 Tage ebenfalls in der Heimatstadt der documenta.

1955 rief der Kasseler Künstler Arnold Bode die Schau ins Leben und zeigte als „entartet“ verfemte Kunst des 20. Jahrhunderts, um Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg wieder in das internationale Kunstgeschehen einzubeziehen. Zunächst in einem vierjährigen Turnus geplant, findet die documenta nun alle fünf Jahre statt. Seit 1972 beruft eine internationale Jury jeweils einen neuen künstlerischen Leiter, was in Kuratorenkreisen einem Ritterschlag gleicht.

Diese Ehre wird nun Adam Szymczyk, einem der präzisesten Denker unserer Zeit zuteil. Und obgleich bereits die d13 u.a. Kabul und Banff als weitere Spielorte mit einbezog, nimmt Szymczyk sich als wahrhaftiger Pionier aus, die d14 nach Athen zu verlegen und die griechische Hauptstadt als gleichberechtigten Schauplatz zu küren. Die Entscheidung dafür sei aus dem Gefühl der Notwendigkeit heraus entstanden, in Echtzeit und in der echten Welt zu agieren, die nicht länger ausschließlich aus Kassel heraus erklärt und nachvollzogen werden könne, eine rein west- und nordeuropäische Perspektive einnehmend. Umdenken ist heute gefragt: Raus aus der verwöhnten Kunst-Komfortzone Mitteleuropas und hin zum krisenerprobten Rand unseres Kontinents, um von diesem zu lernen. Und so lautet auch das Motto der d14: „Laerning from Athens“. Doch was lernen wir von der griechischen Stadt? „Verlernen, was wir zu wissen glauben“, lautet die vage Antwort des künstlerischen Leiters. Betrachtet man jedoch die Sujets der ausgestellten Werke, erscheint diese Herangehensweise als eine richtige. Unser Bild der Welt richtet sich an der medialen Berichterstattung aus, unsere Perspektive an den tagesaktuellen Nachrichten. Die Aufforderung, die Komfortzone zu verlassen, gilt nicht nur Künstlern, die bequeme Kunst machen, die leicht zu betrachten und leicht wieder zu vergessen ist, sondern auch uns, ihren Rezipienten. Wir meinen, alles über die Krisen der Gegenwart zu wissen, wie wäre es aber, dies alles zu vergessen und uns auf andere Perspektiven einzulassen?

160 Künstler greifen aktuelle Themen wie Migration, Flucht und Vertreibung auf, kreieren in Athen einen Kontrast aus Kunst und Zerfall, da die Exponate mitunter in von Krisen gezeichneten Ruinen präsentiert werden. Dabei triumphiert die Kunst nicht über diese Orte, sondern nutzt sie für Ansagen und Verweise, ohne uns eine Meinung aufzudrücken, sondern uns selbst reflektieren und von Athen lernen zu lassen.

Ist die d14 politisch? Ja! Doch ohne in einen gefälligen Monumentalismus zu verfallen. Die Gesamtatmosphäre wird beherrscht von Respekt und Vielstimmigkeit, die präsentierte Kunst von Vielfalt. Trotz eines Performance-Schwerpunktes kommen mannigfache Kunstrichtungen zusammen und bilden eine bunte Symbiose aus Theateraufführungen, Konzerten und Malerei, die sich auf 37 Ausstellungsorte in Athen, zahlreiche Museen Kassels sowie Schauplätze unter freiem Himmel verteilt.

So findet sich auf dem Friedrichsplatz das „Parthenon der Bücher“ Marta Minujíns. Die argentinische Konzeptkünstlerin sucht, den berühmten Tempel der Göttin Athene mit indizierten Büchern in Originalgröße nachzubilden. Das wahrhaftige Riesenprojekt weckt Erinnerungen an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten, die 1933 an ebendiesem Ort stattfand, und setzt ein Zeichen gegen das Verbot von Texten und die Verfolgung ihrer Verfasser. Kritik am status quo übt ebenfalls Wang Bing in einem mitreißenden Film, der die Arbeit in Sweatshops beleuchtet und uns einmal mehr reflektieren lässt, ob dies eine Welt ist, in der wir leben wollen. Eine Welt, die der oben erwähnte Knorr in „Materialization“ zwischen Buchseiten presst. Am Rande Athens sammelte jener allerlei Gegenstände, um einen Berg aus Spielzeug, Revolverhaltern und laminierten Bezugsscheinen, die offenbaren, ob ein Flüchtling seine Ration an Windeln und Zahncreme bereits erhalten hat, aufzutürmen und ausgewählte Fundstücke zu verewigen, mit dem Ziel, die Gewalt darzubieten, die jeder Geschichtsschreibung innewohnt. Weg von Gewalt und hin zu einer Annäherung der beiden so unterschiedlichen Ausstellungsorte bewegen sich die vier Reiter in „The Transit of Hermes“ des schottischen Konzeptkünstlers Ross Birrell. 100 Tage bleiben den Abenteurern für die 3000 km zwischen Athen und Kassel, um zeitig zum Beginn der d14 in deren Geburtsstätte anzukommen und uns schließlich von Athen lernen zu lassen.

 

Fotocredits:
Fridericianum, Kassel, Foto © Mathias Völzke
Marta Minujín, The Parthenon of Books, 2017, Installation, Friedrichsplatz, Kassel, documenta 14, Foto © Rosa Maria Rühling


Regina Littig
02.06.2017

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