Kunstfest Weimar gerettet

Mit neuem Programm geht es in die nächste Runde

Kunstfest Weimar gerettet

 Seit Mitte Mai 2017 gibt es in Sachen Kunstfest nun Sicherheit: Die finanzielle Beteiligung der Stadt Weimar am jährlich stattfindenden Kunstfest in Höhe von 250.000 Euro ist bis 2019 gesichert. Seit dem Frühjahr 2016 bangten die Macher des Festivals, allen voran der künstlerische Leiter Christian Holtzhauer, um dessen Zukunft, denn der Wegfall des städtischen Zuschusses hätte auch die Streichung der 650.000 Euro schweren Zuschüsse des Landes Thüringen bedeutet. Medienberichten zufolge führte zu dieser Entscheidung auch das für Weimar so wichtige Jubiläumsjahr 2019, in dem sich die Gründung der Weimarer Republik und des Bauhauses zum 100. Mal jähren.

Man darf also zunächst aufatmen und sich auf das vom 17. August bis 2. September stattfindende Kunstfest vorbereiten und freuen. Das Fest steht für den gelungenen Mix und das Zusammenspiel von etablierter und alternativer Kunst und hat obendrein immer den hohen Anspruch, ein Stück weit politisch zu sein. Dabei steht hintergründig immer die Frage im Raum, inwieweit es Kunst schaffen kann, etwas zu bewegen.

In diesem Jahr begibt sich das Kunstfest anlässlich des 100. Jahrestages der russischen Revolution außerdem auf Spurensuche. 100 Jahre Kommunismus – für den Westen wohl bis heute kein Grund zum Feiern. Für Weimar weder das eine noch das andere. Aber hier, wo man mit beiden Systemen vertraut ist, bietet sich die perfekte Bühne, über Bestehendes und Vergangenes nachzudenken. In welcher Gesellschaft wollen wir in Deutschland leben? Auch die soziale Marktwirtschaft scheint in ihrer idealen Reinform, ähnlich wie jener in der Theorie so gerechte Kommunismus, eine Utopie. Die Vorstellung von der eierlegenden Wollmilchsau ist eine schöne, wenn auch unrealistische. Trotzdem oder gerade deshalb schadet es gerade in Zeiten sozialer und ökonomischer Verwerfungen nicht, die Landes-, Europa- und Weltpolitik kritisch zu hinterfragen und nach neuen, realistischen Antworten zu suchen.

Zum Auftakt des Festivals findet am 17. August eine Vernissage zu der internationalen Gruppenausstellung „A Romance with Revolution“ statt, die die Themen Aufruhr und Revolte ins Zentrum rückt und nach der Faszination um diese Begriffe fragt. Präsentiert werden Werke 19 verschiedener Künstler/-innen aus 11 Ländern. Die Ausstellung, die auch in St. Petersburg gezeigt wird (14.10.-12.11.2017), wird von der Leiterin des „Museums für nonkonformistische Kunst“ im Petersburger Kulturzentrum „Pushkinskaya-10“ kuratiert und läuft in Weimar bis zum 12. November.

Bereits am Ende des Folgetages (18. August) wird wieder einmal klar, welchen besonderen Stellenwert das Kunstfest in der Festivalszene einnimmt. Das Kunstfest ist anders: anders als andere Veranstaltungen und auch in sich anders. „Ein Gespenst geht um…“ ist in diesem Jahr Titel der Stadtrundgänge, die zum einen auf eigene Faust unternommen werden können und durch ein Tondokument, das man sich aufs eigene Handy laden kann, oder mithilfe eines ausleihbaren Audioguides (erhältlich im Festivalzentrum auf dem Theaterplatz) unterstützt werden. Des Weiteren werden auch geführte Stadtrundgänge (19.8., 26.8. und 2.9. jeweils 16 Uhr) sowie Rundfahrten ins Umland angeboten (18.8.-20.8., 26.8., 27.8., 1.9.-3.9. jeweils 15 Uhr). Treffpunkt ist das Festivalzentrum auf dem Theaterplatz. Ob allein oder in Begleitung, so oder so begibt man sich auf die kommunistischen Spuren der Stadt, die man auch heute noch an vielen Orten finden kann. Dabei geht es nicht nur um (bau-)geschichtliche Hintergründe, sondern auch um das mentale Erbe, das in Teilen bis heute fortlebt. Die Leitung der Rundgänge übernehmen, unter Mitwirken von Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar, wie schon im vergangenen Jahr, Anke Heelemann und Markus Fennert, was die Vermutung zulässt, dass die Stadtrundgänge und „Landpartien“ auch heuer wieder grandios werden.

Neue Formate zu schaffen und alte Gedankenpfade zu verlassen, dafür steht das Kunstfest in Weimar. Auch die Medienkunst „Der Geisterseher“ kann man unter dem Attribut „innovativ“ verbuchen. „Der Geisterseher“ ist eine virtuelle Theaterinszenierung des gleichnamigen Romanfragments von Goethe, das allein aufgrund seiner Handlung spannend ist. Umso interessanter, dass man das Stück ausschließlich allein durch eine VR-Brille erleben kann. Das Einzige, was man tun muss, ist, sich vorher im Festivalzentrum anzumelden. Karten für die Termine (18.8.-20.8., 25.8.-27.8. jeweils 12-19 Uhr) sind ab 16. August im Festivalzentrum erhältlich.

Und noch mehr künstlerische Experimente hält das Festival bereit: Am offiziellen Eröffnungstag, dem 18.8., sorgt die Freiburger Aktionstheatergruppe PAN.OPTIKUM um 21 Uhr mit ihrem Stück „TRANSITion“ auf dem Marktplatz für Furore. Dabei fragen die Performer in spektakulärer Weise nach der Vereinbarkeit von Religionen und Lebensentwürfen.

Was man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, ist die Gesprächs- und Diskussionsreihe „Völker, hört die Sig-
nale!“. In insgesamt fünf Lesungen werden Texte aus den zurückliegenden 100 Jahren gelesen, die im weitesten Sinne die Oktoberrevolution zum Thema haben. Ganze Schriftstellergenerationen setzten sich literarisch sehr individuell mit den Ideen und den Auswirkungen des „real existierenden Kommunismus“ auseinander. Gelesen werden u. a. Texte von Leo Trotzki, Bertold Brecht, George Orwell, Christa Wolf, Erwin Strittmatter, Maxie Wander und Franz Fühmann. Für die Podiumsdiskussion am 18. August um 18 Uhr konnte niemand anderes als Gregor Gysi gewonnen werden.

Wie immer hochkarätig liest sich das gesamte Festivalprogramm, von dem wir hier nur einen Bruchteil vorstellen können. Am besten ist, man macht sich selbst ein Bild, fährt hin (wir legen Ihnen dies wärmstens ans Herz!) und studiert vorher in aller Ruhe das komplette Programm unter www.kunstfest-weimar.de.


Fotocredits:
Allee der Kosmonauten, Ensemble, Foto © Eva Raduenzel

Franziska Krause-Gurk
04.08.2017

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