bachwochen und bachfest

thüringen feiert eine musikerfamilie

bachwochen und bachfest

Maurice Steger, Amarcord, Daniel Hope, Martin Stadtfeld, Pieter Wispelwey, Helmuth Rilling – das sind allesamt große, ja eminent wichtige Namen, wenn es um die Pflege von Johann Sebastian Bachs Schaffen geht. Neben etlichen anderen Musikern und Ensembles von ähnlichem Format sind sie bei den Thüringer Bachwochen vom 11. April bis zum 4. Mai zu hören, die dieses Jahr unter dem Motto „300 Jahre Vater & Sohn. Johann Sebastian & Carl Philip Emanuel Bach“ stehen.

 

Mit rund siebzig Konzerten sind die Thüringer Bachwochen das größte Musikfestival des Bundeslandes und machen einem überregionalen Publikum bewusst, wie eng der Name Bach mit Thüringen verbunden ist. Selbstverständlich kommen auch Werke von Komponisten außerhalb der Bach-Familie zur Aufführung. Der phänomenale Schweizer Blockflötist Maurice Steger etwa, dessen Spiel neben einer atemberaubenden Virtuosität eine feinsinnige Musikalität, wie man sie kaum mehr trifft, auszeichnet, hat am Karsamstag auf der Wartburg  Konzerte von Georg Philip Telemann und eine Partita von Heinrich Ignaz Franz Biber im Gepäck, während das Minguet Quartett gemeinsam mit Gästen aus dem Leipziger Gewandhausorchester das Spannungsverhältnis zwischen Bach, spätromantischer und zeitgenössischer Musik auslotet. Am 13. April werden im Erfurter Collegium Maius Gustav Mahler, Richard Strauss und Györgi Ligeti zu hören sein. Spannend und erfrischend anders dürfte der Gründonnerstagabend im Südthüringischen Staatstheater Meiningen werden. Statt zu Hiphop-Rhythmen werden die Flying Steps – die Gruppe aus Kreuzberg ist mehrfacher Breakdance-Weltmeister – zum „Wohltemperierten Klavier“ tanzen und in der Choreographie von Vartan Bassil eine fesselnde Melange aus Sport, Kunst und Akrobatik auf die Bühne bringen.

 

Auch beim Bachfest der Neuen Bachgesellschaft (in deren Direktorium übrigens ein Bamberger sitzt, der Organist Edgar Krapp) wird, vom 30. April an bis zum 4. Mai, der dreihundertste Geburtstag von Carl Philip Emanuel Bach gefeiert. Obgleich er heute im Schatten seines Vaters steht, hatte der Sohn zu Lebzeiten bedeutende Positionen inne. So war Carl Philip Emanuel beispielsweise Cembalist bei Friedrich dem Großen. (Im „Flötenkonzert“ hat Adolph von Menzel den Monarchen und seinen Hofmusiker auf die Leinwand gebannt.) Den berühmtesten Musikersohn der Stadt Weimar hatte man dort bereits im März mit einem rauschenden Fest als Präludium zum Bachfest gewürdigt. Das Eröffnungskonzert wird die Niederländische Bachvereinigung unter Jos van Veldhoven in der Stadtkirche St. Peter und Paul mit dem Magnificat BWV 243, Auszügen aus dem Osteroratorium sowie mit Werken Carl Philipp Emanuel Bachs gestalten. Das Weimarer Bachfest zeichnet sich (auch) durch ungewöhnliche Aufführungsorte aus. Studierende der Hochschule für Musik bitten beispielsweise zu einem Musik-Tatort Weimar in Bachs Arrestzelle in der Bastille, wo Bach, bevor er nach Köthen ging, in Beugehaft saß. An der Musikhochschule findet zudem ein Symposion zu Carl Philip Emanuel unter dem Titel „Zwischen den Zeiten: Die Weimarer Bachsöhne – Aufbruch in die Moderne“ statt.

 

Das Freiburger Barockorchester wird mit Andreas Staier am Cembalo zu Gast sein, Konrad Junghänel wird mit Solisten, Kammerchor und Orchester der Musikhochschule die h-Moll-Messe einstudieren. Die wahrlich exorbitante Hille Perl wird am 2. Mai im e-Werk zu hören sein, und zwar erstmals auch auf einer verstärkten E-Gambe. An diesem Freitagnachmittag wird darüber hinaus die junge russische Pianistin Anna Gourari im Musikgymnasium Schloss Belvedere neben Bach auch Werke von Sofia Gubaidulina und von Paul Hindemith spielen – ein klug zusammengestelltes Programm. Für das finale Konzert in der Weimarhalle am 4. Mai konnten die zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker gewonnen werden, die unter anderem Werke des Brasilianers Heitor Villa-Lobos interpretieren werden, welche auf Bach Bezug nehmen.

 

Kinder (von sechs bis vierzehn Jahren) kommen bei einer Musik-Bastel-Werkstatt auf ihre Kosten. „Bach tanzt!“ heißt es mit einem selbstbewussten Ausrufezeichen. Schließlich wohnte Bach in Weimar im Hause des Hoftanzmeisters. Unter der Leitung des erfahrenen Tänzers und Pädagogen Bernd Niedecken wird der Nachwuchs Tänze einstudieren. Das in den Workshops Gelernte dürfen die Kinder dann am Sonntag, den 4. Mai, in einem Abschlusskonzert präsentieren, bei welchem sie Masken und bunte Kostüme tragen werden. Das Bachfest geht im Übrigen auch neue Wege: Auf Schloss Ettersburg gastiert am Maifeiertag von 21 Uhr an das Helmut Lörscher Jazztrio und ohrenscheinlich machen, dass vitaler Modern Jazz der Musik Johann Sebastian Bachs so fern gar nicht steht.

 

Copyright Foto: © Alfredo Escobar

Jürgen Gräßer
08.04.2014

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