ein hort für kunst und design!

das neue museum in nürnberg feiert heuer seinen 15. geburtstag

ein hort für kunst und design!

So taufrisch ist es gar nicht mehr, das Neue Museum in Nürnberg. Bereits 1999 eröffnet, sieht sich das Haus selbst als ein Ort der Inspiration, Bildung, Diskussion und des Austauschs. Auf mehr als 3.000 m² zeigt das Staatliches Museum für Kunst und Design, so seine offizielle Bezeichnung, eben dieses, von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart. Exemplarisch für die Qualität und Bandbreite des Museums stellen wir Ihnen zwei aktuelle Projekte vor, die die Besucher in den nächsten Wochen und Monaten in Nürnberg bestaunen können.

 

Mit der Ausstellung „DIE FABELHAFTE WELT DER LAURIE SIMMONS“, die vom 5. April bis 22. Juni 2014 gezeigt wird, würdigt das Neue Museum im Jahr des 175-jährigen Jubiläums der Fotografie die amerikanische Fotokünstlerin Laurie Simmons mit einer umfänglichen Werkschau. Die Ausstellung zeigt Werke aus dem Bestand der Sammlung Goetz, die seit Anfang 2014 im Rah­men von Dauerleihgaben auch dem Neuen Museum zur Verfügung stehen, ergänzt um Leihgaben der Künstlerin selbst.

 

Seit den 1970er Jahren entwickelt die 1949 in Long Island geborene und in New York lebende Laurie Simmons ein fotografisches Werk, das die Inszenierung von Alltagswelten zum Thema hat. Verkleinerte Architekturen und künstliche Räume sind die Bühne für ihre Figuren. Diese werden, von menschlichem Habitus inspiriert, in Rollenspielen und szenischen Sequenzen zum Spiegel unseres Lebens. Nicht selten wirken die Fotografien wie Filmstills, die in ihrer Aneinanderreihung eine Geschichte erzählen. Der Cowboy oder der Tourist sind die Akteure, die Innenräume oder Landschaften beleben. Die weibliche Figur erscheint als Hausfrau, Dame des Hauses oder als sexualisiertes Objekt.

 

Viele der Protagonisten scheinen nur ein Klischee zu leben und sind Gefangene eigener gesellschaftlicher Konventionen. Mit ihren hyperrealen, aber immer eng begrenzten Welten sowie ihren Darstellungen von Prototypen hat Laurie Simmons bereits früh ein sozialkritisches Werk geschaffen, das gerade durch das gewählte Medium der Fotografie die in den Medien vorgestellten Ideale kolportiert.

 

Die Fotografien von In and Around the House (1978/79) scheinen das Tagebuch einer Hausfrau zu visualisieren, die in einem verspielten 1950er-Jahre Interieur weitaus mehr erlebt, als man zunächst vermuten würde. Nach ersten Blicken in ein aufgeräumtes "trautes Heim" verwandelt sich die stille, langweilige Idylle unmittelbar in Chaos.

 

Seit Ende der 1980er Jahre beschäftigt sich Laurie Simmons auch mit dem Motiv des Bauchredners. Dazu wählt sie offizielle Porträts von Bauchrednern, die sich ihren Puppen so liebevoll zuwenden als seien es ihre Partner oder Kinder. Aber auch die Puppen selbst werden zu Akteuren, die verschiedene soziale Rollen spielen.

 

Um 1990 werden die Figuren der Künstlerin immer surrealer. In der Serie der Walking Objects (1987-1991) ersetzen Pistole, Parfüm-Flakon, Haus, Kuchen oder Taschenuhr den Oberkörper. Die Zwitterwesen emanzipieren sich von ihrem Umraum, der zu einer abstrakten Folie wird.

 

Diese Figuren werden dann auch zum Personal von Laurie Simmons erstem filmischen Werk The Music of Regret (2006). Dieser Film ist ein dreiteiliges Musical mit dem Charakter eines Gesamtkunstwerks, in dem das Alter Ego der Künstlerin von Meryl Streep verkörpert wird. Simmons selbst hat sich wie folgt zur Entstehung des Projektes geäußert: "Es war mir schon immer klar, dass ich einen Film drehen wollte. Die Frage war lediglich, auf welchen Bildern der Film basieren sollte, da die meisten meiner Bilder Stimme und Bewegung implizieren. Tatsächlich habe ich häufig über das Potenzial von Figuren gesprochen, die singen und tanzen können, so dass es keine Überraschung war, dass mein erster Film ein Musical geworden ist."

 

Die Serie The Love Doll (2009-2011) zeigt lebensgroße Puppen als Substitut der Frau, die zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Phantasien wird. Diese Werkgruppe verweist auf aktuell entstehende Arbeiten, in denen der Mensch dann selbst als Puppe inszeniert wird.

 

Durch die Ausstellung werden zahlreiche Führungen, u.a. auch eine für Gehörlose, und ein Vortrag angeboten. Genaueres findet sich auf der Internetseite des Museums unter www.nmn.de/ausstellungen.

 

Wer sich intensiver mit dem Schaffen der Künstlerin befassen will, der sollte sich zunächst einmal die  Webseite unter www.lauriesimmons.net ansehen.

 

Um keine klassische Ausstellung im herkömmlichen Sinn handelt es sich bei dem Projekt „UNSCHÄRFE“ von Matthias Loebermann & dem Institut für Architektur und Städtebau / Hochschule Biberach, das vom 11. April bis zum 29. Juni 2014 auf dem Klarissenplatz gezeigt wird.

 

Das Institut für Architektur und Städtebau (IAS) wurde 2004 gegründet, um dem Studiengang Architektur an der Hochschule Biberach eine Forschungsplattform zur Verfügung zu stellen. Schwerpunkt der Arbeit bildet das Experimentelle Bauen. Dabei ist die grundlegende Idee, den planerischen Ansatz so weit zu treiben, dass es möglich wird, Entwürfe nicht nur zu denken und an Modellen darzustellen, sondern auch praktisch umzusetzen bis hin zum realisierten Bauwerk im Maßstab 1:1. Alle Projekte werden im Rahmen der Masterausbildung an der Hochschule mit den Studierenden entwickelt und umgesetzt, wobei nicht immer das ganze Projekt durch die Hochschule realisiert wird, sondern auch durch Beteiligung von Fachfirmen.

 

Das Projekt Unschärfe kann als paradigmatisches Beispiel für das Denken und Arbeiten des Instituts für Architektur und Städtebau verstanden werden. Ein zentrales Thema der Institutsarbeit liegt in der Erforschung räumlich wahrnehmbarer Grenzphänomene. Das Phänomen der Unschärfe ist gestalterisch in der zweidimensionalen Darstellung (z. B. Fotografie und Malerei) durchaus bekannt. Im Projekt soll untersucht werden, ob und wie Unschärfe auch real als dreidimensionales Phänomen der Architektur wahrgenommen werden kann. Räumliche Unschärfe wird anhand eines konkreten, begeh- und erlebbaren Raumes, der in vielerlei Aspekten wahrnehmbar ist, realisiert. Es entstehen bauliche Strukturen, die in der Lage sind, durch ihre konstruktive Fügung und morphologische Gestalt perzeptive Zwei- oder Mehrdeutigkeiten hervorzurufen und dennoch einen Ort zu schaffen, der trotz eindeutiger Unklarheit als positiv gestimmt wahrgenommen werden kann.

 

Auf dem Klarissenplatz, diagonal zur Glasfassade des Neuen Museums, entsteht eine begehbare Rauminstallation mit einer Grundfläche von 18 x 6 Meter und einer Höhe von 6 Metern. Sie besteht vollständig aus geschichteten Betonstahlmatten, die sich über drei Höhenabstufungen verdichten. In Modellstudien wurde die Schichtung der Stahlmatten und die daraus resultierende Raumwirkung entwickelt und geprüft. Das Innere der Rauminstallation besteht aus fünf Teilen: je einem Zu- oder Ausgang, zwei Räumen und einer Verbindung der Räume. Der erste Raum hat ein klares Volumen mit den Abmessungen 6 x 4 x 5 Meter. Der zweite Raum entwickelt sich aus diesem Grundvolumen durch verschiedene Verformungen, die das Phänomen der Unschärfe verstärken werden. Abends wird die Rauminstallation beleuchtet sein.

 

Zu diesem Projekt gibt es ein interessantes Rahmenprogramm mit einer Lesung, Vorträgen, zwei Konzerten und einem Ferienworkshop für Kinder. Details findet man unter www.nmn.de/ausstellungen.

 

Copyright Foto: © Neues Museum Nürnberg


08.04.2014

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