Schweizer Literatur ist um eine ihrer interessantesten Stimmen ärmer

Zum Tode von Urs Widmer

Schweizer Literatur ist um eine ihrer interessantesten Stimmen ärmer

 Nun wird er doch nicht, Urs Widmer, dem Festakt am 18. Mai im Stadttheater beiwohnen können, um Fürths höchste kulturelle Auszeichnung entgegenzunehmen, den ihm zugedachten Jakob-Wassermann-Literaturpreis 2014. Es ist ihm nämlich eines seiner „existentiellen Themen“ dazwischengekommen, mit welchem die Jury ihre Entscheidung begründete – die „Grenzgänge zwischen Leben und Tod“, von welchen Widmers Prosa immer wieder handelt. Am Mittwoch vergangener Woche ist Urs Widmer nach schwerer Krankheit im Alter von fünfundsiebzig Jahren in Zürich gestorben.

 

Mit ihm hat die Schweiz eine ihrer profiliertesten literarischen Stimmen der Generation nach Max Frisch und  Friedrich Dürrenmatt verloren. Aufgewachsen ist Widmer, geboren am 21. Mai 1938 in Basel, in einem der Literatur verfallenen Haushalt, in welchem Heinrich Böll oft zu Gast war, wo Alfred Andersch und Wolfgang Hildesheimer vorbeischauten. Sein Vater war Literaturkritiker und Übersetzer (etwa von François Villon, von Stendhal und Flaubert, von Denis Diderot und Honoré de Balzac). Widmer père unterrichtete am Realgymnasium Basel, wo er die Literarischen Abende begründete, an welchen beispielsweise Ilse Aichinger, Walter Jens, Günter Grass, Erich Kästner und Hans Magnus Enzensberger teilnahmen.

 

Widmers Mutter hatte einen berühmten Geliebten: Paul Sacher, den Dirigenten (ein Schüler von Felix Weingartner), Musikwissenschaftler und Gründer des Basler Kammerorchesters sowie der Schola Cantorum Basiliensis. Sacher heiratete dann allerdings die Erbin des Chemieunternehmens Hoffman La Roche. Dies erlaubte es ihm, über Auftragswerke Komponisten wie Anton Webern, Béla Bartók, Igor Strawinsky, Frank Martin, Paul Hindemith, Michael Tippett und Wolfgang Rihm finanziell unter die Arme zu greifen. Von dieser (nicht oder nur kurz erwiderten, einseitigen) Liebe, die die Frau am Ende in den Tod aus freien Stücken trieb, handelt der Roman „Der Geliebte der Mutter“, herausgekommen, wie alles von Widmer, bei Diogenes, und zwar im Spätsommer 2000, also knapp fünfzehn Monate nach Paul Sachers Tod. Mit diesem Schlüsselroman gelang Widmer der große Durchbruch. Er lässt sich als Pendant zu Peter Handkes „Wunschloses Unglück“ (1972) lesen. Vier Jahre später erschien mit dem „Buch des Vaters“ Widmers Replik auf den „Geliebten“.

 

Erst in seiner Heimatstadt, dann in Montpellier und später in Paris studierte Widmer Germanistik, Romanistik sowie Geschichte. Seine Promotion galt der deutschsprachigen Prosa nach dem Zweiten Weltkrieg. Einige derer Autoren kannte er ja aus dem Elternhaus. Es folgten Stationen als Verlagslektor bei Walter in Olten und bei Suhrkamp in Frankfurt am Main. Gemeinsam mit Schriftstellerkollegen und ehemaligen Suhrkamp-Mitarbeitern, die sich in einem Aufstand der Lektoren gegen Siegfried Unseld aufgelehnt hatten, gründete er 1969 den enorm wichtigen Verlag der Autoren, dem führenden Forum für neues Theater hierzulande. Rainer Werner Fassbinder,  Martin Sperr, Gert Jonke und Kerstin Specht, aber auch Jean Genet, Susan Sontag und Dario Fo wurden oder werden noch immer von ihm vertreten. Weiters erscheinen in dem in der Frankfurter Taunusstraße gelegenen Haus Klassiker in frischen Übersetzungen, etwa Dramen von Shakespeare, von Aristophanes, August Strindberg und Oscar Wilde.

 

Nun muss der Verlag der Autoren also ohne Widmer auskommen, ohne den Mitbegründer, der „ihm bis zuletzt ein hochgeschätzter Ratgeber, neugieriger Begleiter und sanfter Kritiker war“, wie es aus Frankfurt heißt. Für den 18. Juni, zwei Tage nach dem (gerade auch für Zürich enorm wichtigen, denn dort, und in Triest und in Paris, ist der „Ulysses“ ja geschrieben worden) Bloomsday, ist am Zürcher Theater Rigiblick in der Regie von Peter Schweiger die Uraufführung von Widmers finalem Theaterstück „König der Bücher“ angesetzt. Es ist ein Stück des Abschieds, des Abschieds von einem Verlag und einer Verlegerpersönlichkeit („Dr. Göschen“ geheißen), und dennoch eine Komödie. Wäre schön, könnte Widmer, der auch für seinen Humor bekannt war und darob von seine Freunden und Kollegen geschätzt wurde, im Himmel oder wo immer auch darüber lachen.

 

Wie sein Vater hat Widmer, allerdings selten, übersetzt, beispielsweise Joseph Conrads Klassiker „Heart of Darkness“. Zuletzt erschienen ist von ihm, der mit einer Psychoanalytikerin verheiratet und Vater einer Tochter war, die Autobiographie „Reise an den Rand des Universums“ (2013). Sie setzt – und darin ist sie „Tristram Shandy“ (1759ff.) von Laurence Sterne ähnlich – quasi ab ovo ein, nämlich mit der Zeugung des Autors in einem Holzhaus im verlassenen Lötschental unterhalb des Bietschenhorns, jenes „furchterregenden Viertausenders, dessen Erstbesteiger der Vater Virginia Woolfs gewesen war“, also der Historiker, Biograph, Essayist und bedeutende Alpenpionier Sir Leslie Stephen. Dieser Beschreibung der Zeugung während der im oberen Wallis verbrachten Ferien voraus bringt Widmer lediglich vier knappe Absätze, deren erster so anhebt (und endet): „KEIN Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie. Denn eine Autobiographie ist das letzte Buch. Hinter der Autobiographie ist nichts. Alles Material verbraucht. Kein Erinnerungsrätsel mehr.“

 

Nun ist die „Reise an den Rand des Universums“ tatsächlich zu Widmers letzter geworden. Ein Verlust. Nicht nur für die eidgenössische Literatur.

 

Fotocopyright: Mosimann Diogenes Verlag

Jürgen Gräßer
08.04.2014

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