Shakespeare und kein Ende

Leseempfehlungen zum Jubiläum, zweiter Aufzug

Shakespeare und kein Ende

Seit bald anderthalb Dekaden erscheint im ars vivendi Verlag im mittelfränkischen Cadolzburg eine auf neununddreißig Bände angelegte Shakespeare-Gesamtausgabe. Das Besondere daran: Für die Übersetzung zeichnet ein einziger Mann verantwortlich – der 1947 in Freiburg geborene und auf dem Land im Badischen lebende Frank Günther, der als ehemaliger Regieassistent in Wiesbaden, Bochum und London sowie durch seine Kontakte zum britischen off-off-Theater im Dunstkreis von Peter Brook reiche Bühnenerfahrung hat sammeln können. In Mainz und in Bochum hat er Germanistik, Anglistik (unter anderem bei Ulrich Suerbaum) und Theaterwissenschaft studiert.

 

Günther legt mit seiner Übertragung die mittlerweile im deutschen Sprachraum meistgespielte Textvorlage vor. Groß ist die Runde derer, die Shakespeare ins Deutsche gebracht haben; darunter sind nur wenige Autorinnen und zahlreiche Schriftsteller, Ulrike Draesner beispielsweise, Otto Julius Bierbaum, Claus Bremer, Thomas Brasch, Gottfried August Bürger, Paul Celan und Stefan George, Ferdinand Freiligrath, Erich Fried, Peter Handke, Gerhart Hauptmann, Karl Kraus, Heiner Müller, Klaus Reichert und Christoph Martin Wieland. Frank Günther möchte mit seiner Übersetzung so viel wie nur irgend möglich ins Hier und Jetzt herüberretten von der „unglaublichen Buntheit des sprachlustigen, sprachfanatischen Originals, die unserem traditionellen Shakespeare-Verständnis fremd ist“, wie er selbst schreibt. – Klassikervermittlung nicht als blasser Ahnenkult, sondern als wortgewaltige Neubelebung für Auge, Ohr und Hirn zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

 

Gerade dadurch, dass Frank Günther den Reichtum an Redeweisen, Tonlagen, Gesten, Bildern, Anspielungen der englischen Vorlage einem heutigen Publikum in einer heutigen Sprache begreiflich zu machen versucht, ist sein Shakespeare ein ganz besonders authentischer. Das hat ihm viel Lob eingebracht. Die Neue Zürcher Zeitung brachte es in einer Rezension auf den Punkt: „Shakespeare for our time.“

 

In diesem Oktober wird als zweiunddreißigster Band der Gesamtausgabe Günthers Übertragung von „König Heinrich VIII“ herauskommen, versehen mit einem Essay des Münchner Anglisten und Präsidenten der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, Tobias Döring. Im April 2016 sollen endlich die Sonette folgen, im Oktober 2016, also wenige Monate nach dem 400. Todestag des Barden, als finaler Band die nichtdramatischen Dichtungen, darunter „Venus und Adonis“. Den Essay wird die Bamberger Anglistin Christa Jansohn beisteuern, von der sich bereits in „Was ihr wollt“ von 2001 eine Abhandlung findet.

 

Zuletzt erschienen ist im vergangenen Dezember Shakespeares vermutlich letzte Tragödie, „The Tragedy of Coriolanus“, entstanden 1608. Der „Coriolan“ wird, wie der Berliner Emeritus in seinem Nachwortessay schreibt, „zwar geschätzt, geliebt aber wird er nicht“. In Shakespeares Kanon gehöre er zu dem, was der Ire George Bernard Shaw im eigenen seine „Plays Unpleasant“ genannt habe, also die „unangenehmen, die unerfreulichen Stücke“. Einige Popularität verschaffte der Tragödie um den Tribun von Rom die Verfilmung durch Ralph Fiennes anno 2011 und, naturgemäß, Ludwig van Beethovens Coriolan-Ouvertüre von 1807. Diese allerdings wurde nicht zu Shakespeares Stück komponiert, sondern zur „Coriolan“-Tragödie von Heinrich von Collin. Hinlänglich bekannt ist zudem Cole Porters Musical „Kiss me, Kate“ (New York, 1949). In dem Lied „Brush Up Your Shakespeare“ (Schlag’ nach bei Shakespeare) wird aus Shakespeares Helden ein arg obszöner „Coriol-anus“: „If she says your behaviour is heinous“ – also schrecklich, abscheulich, auch verrucht – „Kick her right in the Coriolanus“.

 

Die zweisprachig gehaltenen Einzelbände sind überaus luxuriös ausgestattet und handwerklich hervorragend gemacht. Gebunden sind sie in feines, silbergraues Leinen, mit Folienprägung, bedrucktem Vorsatzpapier, je zwei farbigen Lesebändchen und Folienschutzumschlag. Ein Essay von so renommierten Shakespeare-Forschern wie Ulrich Suerbaum, Dieter Mehl oder Manfred Pfister sowie Anmerken und Gedanken aus der Übersetzer-Werkstatt von Frank Günther runden die Bände ab. Eine Großtat, auf die sich Günther und Norbert Treuheit, sein Verleger, da eingelassen haben. Sie ist nur zu begrüßen.

 

Apropos Dieter Mehl: Auf Einladung seiner Schülerin Christa Jansohn wird Dieter Mehl, der sich 1966 beim unvergessenen Wolfgang Clemen in München habilitiert und von 1968 bis 1998 den Lehrstuhl für Englische Philologie an der Universität Bonn inne hatte, einen Vortrag zum Thema „Shakespeare unter uns“ halten. Im Mittelpunkt sollen die lebendige Gegenwart des Dichters und Dramatikers sowie seine internationale Wirkung, sein literarisches Werk, keinesfalls aber seine Biographie oder Fragen der Autorschaft stehen (Beginn 18 Uhr, An der Universität 5, Raum 01.22).

 

William Shakespeare, Coriolan. Zweisprachige Ausgabe. Neu übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Frank Günther. Mit einem Essay und Literaturhinweisen von Manfred Pfister. Cadolzburg: ars vivendi, 2013. 336 Seiten. 33 Euro.

 

Fotocopyright: Gerald Raab, Staatsbibliothek Bamberg

Jürgen Gräßer
24.04.2014

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