Als Washington brannte

Hard Revolution

Als Washington brannte

 Aus rätselhaften Gründen hat es der amerikanische Krimiautor George Pelecanos bisher nicht geschafft, in Deutschland literarisch Fuß zu fassen. Nach seinem eben in deutscher Sprache erschienenem Roman „Hard Revolution“ ist das umso unverständlicher. Vielleicht kommt das Thema Rassentrennung gerade zur rechten Zeit, um neuen Aufwind zu bekommen. Aber „Hard Revolution“ ist nicht irgendein Kriminalroman, eigentlich ist die Krimiverpackung nur Zierde eines meisterhaft erzählten Gesellschafts-porträts, Stimmungsbildes und Zeitberichtes.

Dreh- und Angelpunkt ist der Afroamerikaner Derek Strange, der im Washington D.C. der 1950er-Jahre aufwächst und für den die Anfeindungen weißer Mitbürger zum Alltag gehören. Gut und Böse, das ist etwas, was er glaubt, sehr leicht auseinanderhalten zu können. Und er gehört zu den Guten. Das weiß er spätestens seit dem Tag, an dem er sich zum Klauen hat anstiften lassen, erwischt und wieder laufen gelassen wurde – weil er eben nicht so ist wie andere Diebe. Er will Polizist werden und findet sich einige Jahre später an der Seite eines weißen Officers wieder. 1968 ist Washington ein Schmelztiegel zum Teil hausgemachter Probleme. Der Vietnamkrieg hat seine Spuren hinterlassen, die Schere zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß scheint unaufhaltsam größer zu werden, der Rassismus beherrscht die Straßen. All das ruft Bürgerrechtler auf den Plan, allen voran Martin Luther King, der zivilen Ungehorsam propagiert, bis er bei einem Attentat in Memphis den Märtyrertod stirbt. Wut und Hass entladen sich auch in Washington, ein Banküberfall sorgt für Unruhen und Derek Stranges Bruder Dennis wird ermordet. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

Auf 399 Seiten verwebt der Autor zahlreiche Charaktere und Biographien miteinander, die sich im Laufe der Zeit immer wieder begegnen. „Hard Revolution“ setzt auf Atmosphäre, die sich mithilfe unterschiedlichster Sichtweisen aufbaut. Die Handlung könnte schnell erzählt sein, aber Pelecanos, der auch als Drehbuchautor bekannt ist, versteht sich aufs Detail, das das große Ganze bestimmt, aber stets wohl pointiert ist und sich nie im Klein-Klein verliert. In analytischer Präzision arbeitet er Stimmungen, gar ein ganzes Gesellschaftsporträt heraus, das man auf der Leinwand nicht besser erzählen könnte.

 

George Pelecanos: Hard Revolution, Ars Vivendi, Deutsch, 399 Seiten, 24,00 €, ISBN: 978-3-86913-766-7

Franziska Krause-Gurk
06.10.2017

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