Geld stinkt einseitig

Interview mit Autorin Kathrin Röggla und Regisseur Leopold von Verschuer zur Uraufführung von „Normalverdiener“

Geld stinkt einseitig

 Der Finanzmogul Felsch lädt seine alten Freunde in sein luxuriöses Ferienressort ein Ihnen, den Normalverdienern, bietet sich die einmalige Chance, Einblicke in eine exklusive Welt zu erhalten. Als Angestellte im öffentlichen Dienst oder Selbstständige verfügen sie über eine „Erwerbsbiographie“, auf die sie in bürgerlichen Zeiten noch stolz gewesen wären, im Schatten „seines“ immensen Reichtums aber werden sie bedeutungslos. Felsch seinerseits widmet sich in erster Linie seinen Geschäften und glänzt durch Abwesenheit. Trotzdem drehen sich die Gespräche der Gruppe nur um den Geschäftsmann, womit er zunehmend zu einem Gott unserer Zeit stilisiert wird.  Während am Horizont des Meeres, dort, wo sich sonst immer die Luxusyachten befanden, plötzlich überfüllte Fischerboote auftauchen, offenbaren sich innerhalb der Gruppe zusehends Risse. Dennoch können sie die Ereignisse nicht hinter sich lassen. Wie Gespenster scheinen sie an dem schicksalhaften Ort und in ihrer Zeit gefangen zu sein.

Kathrin Röggla, die diesjährige Bamberger Poetikprofessorin, offenbart in ihrem neuen
Text mit schwarzem Humor die Folgen der westlichen Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse. Die Regie bei dieser Uraufführung übernimmt Leopold von Verschuer. Im Vorfeld der Premiere von "Normalverdiener" am Bamberger ETA Hoffmann Theater (08.10.) nahmen sich die beiden Zeit für ein Gespräch.

Es heißt, die soziale Ungleichheit würde in unserer westlichen Gesellschaft zusehends prägnanter. Sterben die Normalverdiener aus?

Kathrin Röggla: Natürlich sterben sie aus. Das heißt, sie sind schon längst ausgestorben, wir wissen es nur noch nicht. Von der Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann kann man das erfahren, auch dass sich die sogenannten Mittelstandsmenschen in Deutschland für reicher halten als sie sind.

Leopold von Verschuer: Ich würde sagen, sie sterben nicht wirklich aus, aber ihr Boden wankt. Das Feld der sogenannten Mitte der Gesellschaft scheint unerbittlich kleiner zu werden. So blicken sie bang nach zwei Seiten: Hinauf zu den Superreichen, deren Daseinsformen immer unerreichbarer werden, und voller Sorge auf jene, die von Hunger, Armut und Krieg getrieben sich aufmachen, um ihren Anteil an einem würdevollen Auskommen abzukriegen.

Frau Röggla, bevor Sie einen neuen Text schreiben, recherchieren Sie ausgiebig. Wie sind die „Normalverdiener“ entstanden?

K.R.: Die „Normalverdiener“ sind aus einer längeren Auseinandersetzung mit dem Thema Ökonomie entstanden, das sich von meinem Roman von 2004 „wir schlafen nicht“ über das Theaterstück „draußen tobt die dunkelziffer“ bis hin zu eben jenen „Normalverdienern“ erstreckt. Mich hat das Nachdenken über Ökonomie, die Schuldenfrage, die Finanzkrise, manageriale Konzepte und die Auswirkung des Neoliberalismus auf unsere privatesten Lebensentwürfe – die Soziologin Eva Illouz bietet dazu gute Hinweise – immer interessiert. Hier hat es sich mit der Frage der Selbsttäuschung, der Lebenslüge und des Ersatzdiskurses verbunden. Geld stinkt nicht, heißt es, aber es erscheint mir doch so, dass Geld sozusagen einseitig stinkt. Es steht uns auch immer im Weg, z. B. wenn wir über Selbstwert und Nächstenliebe nachdenken wollen.

Alles dreht sich in „Normalverdiener“ um Felsch. Was ist das für eine Figur?

L.V.: Wir erfahren nur seinen Nachnamen. Felsch ist als eigentliche Hauptfigur nicht anwesend. Nur durch die Erzählung der anderen erhalten wir Informationen über ihn. Als Epizentrum der Gespräche wird er zu einer Art göttlichem Wesen stilisiert. Die auf ihn fixierten Normalverdiener ihrerseits stagnieren gespensterhaft in ihrer Situation und Zeit. Der einzige der Gruppe, der ihm kritisch entgegenzutreten wagt, der Hartz-4-Empfänger Johannes, verschwindet gleich zu Beginn auf mysteriöse Weise. Ironischerweise bedeutet Johannes „Gott ist gnädig“.

K.R.: Er ist natürlich eine dämonische Figur, Projektionsfigur, Tatmensch, ein Entrepreneur à la Donald Trump, wenn er auch nicht über dessen Handlungsreichweite und Glamoureffekt verfügt. Eher ein alltäglicher Donald Trump ohne Medieninteresse.

Ist eine Gesellschaft jenseits des ökonomischen Diskurses überhaupt noch denkbar, geschweige denn realisierbar?

K.R.: Jenseits des ökonomischen Diskurses ist sie wohl nicht denkbar, aber wohl jenseits dieses ökonomischen Diskurses.

L.V.: Tatsache ist, dass jedes politische Projekt sich heute erst einmal ökonomisch legitimieren muss. Wir können Europa heute nicht mehr jenseits ökonomischer Maßstäbe zuerst als Friedens- und Freiheitsprojekt denken. Wir berechnen zuerst die Kosten.

Inwiefern trägt jeder einzelne die Verantwortung dafür?

K.R.: Das ist genau die Frage, die im Neoliberalismus als erstes gestellt wird. Wir sind alle verantwortlich für etwas. Vielleicht liegt die Verantwortung darin zu sagen, ich kann nicht für alles verantwortlich sein, hier müssen wir politisch etwas ändern.

Die Figuren in dem Stück scheinen wie Getriebene. Sie würden gerne so reich wie Felsch sein – sind sich dabei wahrscheinlich bewusst, dass ihnen das nicht gelingen wird, weshalb der Neid überhand nimmt – und grenzen sich nach unten von sozial schwachen Menschen ab. Definiert sich die bürgerliche Mitte über Abgrenzungskämpfe oder existieren noch andere Identitätsmuster?

L.V.: Ich glaube nicht, dass die Figuren Neid empfinden. Man beneidet keinen Gott, man betet ihn an. Diese Gläubigen billigen ihrem Idol aufgrund seines wirtschaftlichen Erfolgs Macht über ihr Denken und Fühlen zu. Sie unterwerfen sich seiner Willkür und Unberechenbarkeit und lassen sich in ihrer Entscheidungskraft lähmen. Deshalb gibt es hier weniger einen Abgrenzungskampf nach unten als ein Wegsehen, ein Verlust an Empathie.

K.R.: Ich glaube fest daran, dass sich immer verschiedene Identitätsmuster überlagern. Die Abgrenzung nach unten ist eben die sehr sichtbare Variante. Aber es gibt ja ein immenses Engagement der Zivilgesellschaft in vielen Fragen. Insofern kann ich das wiederum nicht so negativ sehen.

In einer Art Dauerschleife drehen sich die Gespräche der Gruppe um die Ereignisse auf der Insel. Es scheint, als würden sie sich der Wahrheit annähern wollen. Durch den Konjunktiv wird allerdings deutlich, dass sie vielmehr versuchen, die Vergangenheit zu revidieren. Inwiefern kann Wahrheit, auch im Nachhinein, konstruiert werden?

L.V.: Der Konjunktiv ist immer zweierlei: Eine Möglichkeitsform – man könnte! – und eine Unmöglichkeitsform – man hätte, hat aber nicht! In beiden Fällen lenkt er ab von dem, was jetzt ist. Er lähmt gewissermaßen vor- und rückwärts. Und er beschreibt das Wahrgenommene als relativ, gibt eher den Blick, als das Erblickte wieder. Er macht bewusst,  dass Wahrheit immer ein Konstruktionsversuch ist. Er verunsichert.

K.R.: Ja, er verunsichert, aber er schafft auch einen Rückzugsraum, der aber ohnmächtig ist. So eine Art Vorhölle zumindest. Man ist immerhin noch nicht in der Hölle angekommen.

Ist Wahrheit in Ihren Augen eine relevante Kategorie für die Literatur, beziehungsweise das Theater? Weiter stellt sich ja auch die Frage, ob unsere Gesellschaft, so lange das Konto ausgeglichen ist und zumindest im direkten Umfeld Frieden herrscht,  noch an „Wahrheit“ interessiert ist.

K.R.: Wahrheit interessiert mich tatsächlich mehr als ich das vor einem Jahr, vor dem Fake-News-Thema und meiner gegenwärtigen Recherche im Gericht, gedacht habe. Im Grunde brauche ich sie als Idealbild, das sich mit dem Gedanken der universellen Gerechtigkeit verbindet, wie das der Schriftsteller J. M. Coetzee formuliert hat. Das ist im Grunde der Aufklärungsgedanke. Ohne ihn geht es einfach nicht. Ohne Wahrheit und Gerechtigkeit als Referenz können wir gesellschaftlich einpacken. Dazu muss sich nicht nur die Freiheit und die Geschwisterlichkeit gesellen, sondern auch eine Kritik der Dialektik der Aufklärung fortgesetzt werden. Hohe Werte, die man plötzlich wieder im Mund führen muss, was für Schriftsteller etwas mühsam ist. Ich mag es lieber nicht so sonntagsredenhaft, sondern etwas genauer. Erstaunlich eigentlich, dass wir solche Grundvoraussetzungen heute stets benennen müssen. Das ist sicher ein Teil der Problematik.

Vielen Dank!

Das Interview führte Olivier Garofalo


Fotocredits:
Foto © Martin Kaufhold


05.10.2017

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