Gute neue Mär

5 Märchenbücher für Jung und Alt, die die kalten Tage wärmer machen

Gute neue Mär

„Wie jammervoll und nüchtern erscheint mir eine Kinderstube, aus der das Märchen verbannt wurde“, schrieb Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach 1906 in „Meine Kinderjahre“. Ein Kind, das noch nie etwas vom Froschkönig gehört hat? Eine befremdliche Vorstellung, aber gar keine so unwahrscheinliche, glaubt man dem Literaturwissenschaftler Gerhard Oberlin und seinen Ausführungen in „Warum wir uns verführen lassen. Die Botschaft der Märchen“ (Königshausen & Neumann, Würzburg 2017). Er gibt dem Märchen noch zwei Generationen, bis es endgültig in der Versenkung verschwunden ist. Das kann nicht sein, das darf nicht sein, weil nicht sein kann, was nicht sein darf – daher hier ein Plädoyer zum Märchenlesen!

Draußen ist es inzwischen ziemlich kalt, aber drinnen knistert im besten Falle der Kamin, im schlechtesten rauscht die Heizung: Und hier kommt das Märchen ins Spiel. Warum wir Märchen noch immer brauchen, erklärt Oberlin in seinem neu erschienen Buch. Sachkundig analysiert er 12 Märchen der Gebrüder Grimm und ein Märchen von Hans Christian Andersen auf ihr zentrales „Verführungsmoment“. Vorher klärt der Autor den Leser darüber auf, warum die Verführung im Märchen eine so zentrale und immanente Rolle einnimmt, ohne dass sich der Leser dessen bewusst ist. Und damit schlägt er nicht nur einen Bogen zur Rezeptionsgeschichte des literarischen Genres Märchen, sondern auch zur Passivität unserer postmodernen, schnelllebigen Wissensgesellschaft, die zwar „entzaubert“ scheint, aber doch umso krampfhafter nach einer unbestimmten Wahrheit sucht. Gerhard Oberlins Buch ist freilich Erwachsenenliteratur, aber wer glaubt, Märchen seien nur etwas für Kinder, ist auf dem Holzweg. „Warum wir uns verführen lassen“ wird vielleicht den ein oder anderen Erwachsenen, mit zur Hilfenahme weiser Worte von Nietzsche und Co., eines Besseren belehren.

Wer danach auf den Geschmack gekommen ist oder dem Nachwuchs eine Freude machen will, muss sich nicht mit dem uralten Märchenbuch aus der Hausbibliothek begnügen (aber darf das natürlich gerne). Mit Freude haben wir nämlich festgestellt, dass sich auch der Buchmarkt noch nicht vom guten alten (oder auch neuen) Märchen verabschiedet hat. Ein ganz besonders tolles Buch hält man mit „Die Reise ins Schlaraffenland“ in den Händen (Urachhaus, Stuttgart 2017). Das ist nicht irgendein Schlaraffenland, sondern jenes von Kestutis Kasparavicius, Litauens bedeutendstem Illustrator. Frei nach den Gebrüdern Grimm und Ludwig Bechsteins Fassung des Märchens, beschreibt Kasparavicius seine ganz eigene Vorstellung vom Schlaraffenland. Text und Bilder ergeben ein selten schönes und wunderbar-verrücktes Konglomerat, das ein Fehlen im Bücherschrank eigentlich unverzeihlich macht. Bereits 1993 fertigte der Illustrator sämtliche Zeichnungen an, 2017 erschien sein (Kinder)buch im Rahmen der Leipziger Buchmesse, auf der Kestutis Kasparavicius als Ehrengast geladen war, nun erstmals auch auf Deutsch.

Der universelle und global-gültige Wert des Genres wohnt auch dem georgischen „Märchen von Bekna und Thekla“ des Kinderbuchautors Bondo Matsaberidze inne (Drava, Klagenfurt/Celovec 2017). Genau genommen sind es zwei Kunstmärchen: Das Märchen von Bekna erzählt von einem Jungen, der einmal in seinem Leben gegen einen Riesen kämpfen möchte und sich mit seinem Spielzeugpferd aufmacht, große Abenteuer zu erleben; das Märchen von Thekla handelt von einem Mädchen, das von seiner Mutter einen Spiegel geschenkt bekommen hat, der ihr die Welt aus einem ganz anderen Blickwinkel zeigt. Beide Märchen nehmen den Leser mit in die kindliche Gedankenwelt und beweisen, dass Traum und Wirklichkeit nicht immer trennbar sind und das auch gar nicht sein müssen.

Weniger märchenhaft, dafür aber um so sagenhafter lesen sich zwei regionale Titel, die sich mit Sagen aus Franken und dem unweit entfernten Taubertal beschäftigen. „Sagen aus Franken. Von Geistern, Gold und wilden Rittern“ ist ein schöner Band, der eben die bekanntesten fränkischen Sagen kindgerecht aufgearbeitet in einem Buch versammelt (Emons, Köln 2016). In Teilen vielleicht etwas zu kurzweilig gestaltet, hätte der ein oder anderen Sage ein bisschen mehr Erzähllänge gutgetan. Trotzdem bietet das Buch eben vor allem für kleine fränkische und auch nichtfränkische Menschen einen wunderbaren Einstieg in die Welt der Sagen, die der Märchenwelt zwar sehr ähnelt, aber deren Geschichten einen höheren Realitätsanspruch haben und über geographische und historische Bezüge verfügen. Die bunten Illustrationen von Sibylle Vogel zu den Texten von Kinderbuchautorin Susanne Rebscher dürften das Jungvolk erfreuen. Das Glossar erklärt umsichtig alle schwierigen Wörter und rundet das Buch, zusammen mit einigen Ausflugstipps zu den sagenumwobenen Orten, ab.

„Tauberflüstern“, illustriert und herausgegeben von Kurt Neubauer, ähnelt der Emons-Ausgabe in seinem Grundkonzept, richtet sich aber an ältere Heranwachende und Ausgewachsene (Ars Vivendi, Cadolzburg 2015). Neubauer selbst bezeichnet sein Buch als Geschichts- und Geschichtenbuch, was den Kern der Sage im Allgemeinen gut beschreibt. Gerd Berghofer, Anne Hassel, Elmar Tannert, Gerd Scherm und auch Kurt Neubauer erzählen die 24 ausgewählte Sagen neu; und auch, wenn die die Geschichten nicht immer gut ausgehen, hat man als Leser seine Freude daran. Nicht nur wegen des erzählerischen Talents sämtlicher fränkischer Autoren, sondern auch wegen der liebevollen und kunstvollen graphischen Gestaltung des Buches durch den Herausgeber. Vor allem sie machen den Erzählband zu etwas ganz Besonderem. Um zu jeder Sage auch den historischen Bezug herzustellen, gibt es im Anschluss an jede Geschichte die entsprechenden Hintergrundinformationen von Hansotto Neubauer. „Tauberflüstern“ kann nicht nur als unerhört gutes Sagenbuch gelesen werde, sondern auch als Reiseführer für all jene, die sich mit der Region um Rothenburg unkonventionell vertraut machen möchten. Übrigens ist „Tauberflüstern“ das vierte Buch der Reihe sagenhafter Bücher, weitere sind: „Stadtgeheimnisse“ (2007), „Das Wütige Heer am Walberla“ (2009) und „Maingeister“ (2012).

 

Susanne Rebscher: Sagen aus Franken. Von Geistern, Gold und wilden Rittern, Emons, Deutsch, 72 Seiten, 14,95 €, ISBN: 978-3-7408-0103-8, ab 10 Jahren

Kestutis Kasparavicius: Die Reise ins Schlaraffenland, Urachhaus, Deutsch, 56 Seiten, 17,90 €, ISBN: 978-3-8251-5121-8, ab 5 Jahren

Weihnachtsmärchen für Kinder, Foto © Museum für Franken – Staatl. Museum für Kunst- und Kulturgeschichte in Würzburg

Gerhard Oberlin: Warum wir uns verführen lassen. Die Botschaft der Märchen, Königshausen & Neumann, Deutsch, 192 Seiten, 29,80 €, ISBN: 978-3-8260-6346-6

Bondo Matsaberidze: Das Märchen von Bekna und Thekla, Drava, Deutsch, 100 Seiten, 12,95 €, ISBN: 978-3-85435-842-8, bis 6 Jahre

Kurt Neubauer: Tauberflüstern. Sagen aus Rothenburg und dem Taubertal, Ars Vivendi, Deutsch, 152 Seiten, 17,90 €, ISBN: 978-3-86913-587-8

 

 

Franziska Krause-Gurk
08.02.2018

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