„200 Jahre Porzellan der bayerischen Fabriken”

Sonderausstellung im Porzellanikon Selb/Hohenberg

„200 Jahre Porzellan der bayerischen Fabriken”

 Es gibt wohl kaum eine berühmte Persönlichkeit auf der Welt, die nicht schon mindestens ein Mal von Porzellan aus bayerischen Fabriken gespeist hätte. Trotz der teilweise extremen wirtschaftlichen Einschnitte in den letzten Jahrzehnten behauptet der Freistaat unter den bedeutenden Porzellanregionen Europas immer noch eine herausragende Position.

Im Porzellanikon, dem Staatlichen Museum für Porzellan, das zum 01. Januar dieses Jahres in den Rang eines Landesmuseums erhoben wurde, wird nun erstmal mit einer Ausstellung versucht, einen umfassenden Einblick in die Geschichte der bayerischen Porzellanfabrikation, die vor 200 Jahren in Hohenberg ihren Anfang nahm, zu geben. Auf 1.700 Quadratmetern geben 2.000 Ausstellungsstücke, ausgewählt aus einem Gesamtbestand der 200.000 Exponate umfasst, einen tiefen Einblick in die Porzellangeschichte. Die Besonderheit dabei: Die Ausstellung ist, analog zu den örtlichen Gegebenheiten, zweigeteilt. Die räumliche Trennung des Porzellanikons in die Standorte Selb (ehemaliges Rosenthal Produktionsgelände) und Hohenberg (ehemalige Direktorenvilla des Familienunternehmens Hutschenreuther) haben die Kuratoren auch zu einer sachlichen/zeitlichen Teilung der Ausstellung genutzt.

Museumsbesucher können im Porzellanikon Hohenberg eine Zeitreise von der Gründung der ersten Manufaktur im frühen 19. Jahrhundert bis zum Mauerfall 1989 antreten und dabei unter anderem erfahren, warum sich ausgerechnet der Norden Bayerns zu einem Zentrum der Porzellanfabrikation entwickelte, welche Firmen sich ansiedelten, wie sich die Produktion des Porzellans veränderte und wie sich die Geschmäcker im Laufe der Zeit wandelten. Historische Gegebenheiten, die sich auf die Branche auswirkten, wie zum Beispiel die Zeit des NS-Regimes, werden hierbei nicht ausgespart. Die Ausstellungsstücke stammen allesamt aus berühmten Häusern wie Hutschenreuther, Rosenthal, Seltmann, Heinrich oder auch Bauscher, Firmen deren Namen zumindest den älteren Museumsbesuchern sicherlich noch ein Begriff sind. Wer hat nicht schon einmal die Kaffeetasse oder -kanne umgedreht um nachzusehen, welcher berühmte Name sich möglicherweise darunter befindet.

Im Porzellanikon-Standort Selb dagegen zeigt man Produktionsergebnisse der letzten 25 Jahre, prämierte Designerstücke, aktuelle Trends und weitere Ausblicke zum Thema Porzellan. Diese Epoche eignet sich gerade deshalb besonders für einen thematischen Schwerpunkt, weil einerseits internationale Designer für Markenunternehmen der Porzellanindustrie faszinierende Formen und Dekore entwickelten und angesagte Trends auf internationalen Messen und Ausstellungen präsentierten, andererseits in diesem Zeitabschnitt zahlreiche große und kleine Fabriken ihre Tore schließen mussten. Porzellan scheint, trotz aller vorab genannten Aktionen, in die Jahre gekommen und damit für den Konsumenten uninteressant geworden zu sein. Viel zu selbstverständlich trinken wir unseren Kaffee aus der Industrietasse, die man zu verschwindend geringen Preisen im Möbelhaus um die Ecke kaufen kann. Oder aber es ist so wie mit vielen Dingen des täglichen Gebrauchs, die scheinbar ihre Wertigkeit verloren haben. Oftmals ist es dem Konsumenten nicht klar, wie viel Arbeit hinter dem einzelnen Produkt steht und/oder er ist nicht bereit, einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen. Gerade abseits des zur Zeit oftmals zu findenden Industrieproduktes steckt hinter hochwertigem Porzellan viel Aufwand, Wissen und Erfahrung. Selb veranschaulicht mit vielen Inszenierungen und Videoinstallationen die Porzellangeschichte ab 1989 und verschafft gleichzeitig einen Überblick über prägende Trends, Moden und Lifestyle-Richtungen in der Porzellanbranche.

Wie wichtig Design als Motor für Innovationen ist, beweist die Tatsache, dass eine Fachjury die 50 besten Designprodukte der letzten 25 Jahre bayerischer Porzellanproduktion ausgewählt hat und dem Publikum präsentiert. Hier ist für jeden Besucher etwas dabei, formschöne Produkte ebenso wie funktionale Designs, sowohl Gebrauchs-, als auch Repräsentationsartikel. Dabei kann man auch einen Einblick in Themen wie Ökologie und Wirtschaftlichkeit gewinnen, Aufgabenstellungen die die Porzellanherstellung gerade in den letzten Jahren sehr stark geprägt haben.

Copyright Foto: © Porzellanikon, Staatliches Museum für Porzellan, Hohenberg a. d. Eger Selb

Ludwig Märthesheimer
23.06.2014

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