Mehr als nur den Ton angeben

Bart Vandenbogaerde im Portrait

Mehr als nur den Ton angeben

 Ganz vorne zur Linken sitzt, in großen Ensembles und in Symphonieorchestern, auf dem ersten Stuhl am allerersten (Noten-)Pult der Erste [sic; mit großen „E“] Konzertmeister. Er hat eine ungemein herausfordernde und verantwortungsvolle Aufgabe. Es geht dabei um weit mehr, als lediglich den richtigen Ton zu treffen. Bis so eine Stelle (wieder) besetzt wird, ziehen für gemeinhin etliche Probespiele ins Symphoniker-Land. Seit April vergangenen Jahres ist Bart Vandenbogaerde ganz offiziell Erster Konzertmeister der Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie.

Damit folgte der Belgier, dessen Landsmann Eugène Ysaye (1858 bis 1931) zu den wichtigsten Ahnen des Violinspiels zählt, Ya’akov Rubinstein nach. Der Israeli saß von 1995 bis Ende 2009 im Joseph-Keilberth-Saal am ersten Pult. Zuvor war Vandenbogaerde Konzertmeister in Antwerpen, einer alten Stadt, die ihn ein wenig an Bamberg erinnert, nämlich beim Flämischen Königlichen Orchester (wo auch die Laufbahn von Máté Szücs begann, dem ehemaligen Solo-Bratscher des Bamberger Hochglanzklangkörpers, der inzwischen diese Position bei den Berliner Philharmonikern innehat) und Stellvertretender Konzertmeister beim Philharmonischen Orchester in Rotterdam. Eine steile und schnelle Karriere!

Dabei hat er seine musikalischen Erfahrungen nicht nur auf der Violine gesammelt, sondern zeitweilig auch auf der Posaune. Und als Posaunist hat er naturgemäß Bekanntschaft gemacht mit dem Violinvirtuosen Ferdinand David. Wie das? Nun, aus der Feder von David, den Felix Mendelssohn Bartholdy 1836 als Konzertmeister an das Gewandhausorchester Leipzig holte, stammt das Posaunenkonzert schlechthin, das Concertino op. 4 für Posaune und Orchester.

Vandenbogaerdes Elternhaus war nicht unbedingt ein hochmusikalisches Nest. Es dürfte sein Großvater gewesen sein, dem der locker-sympathische junge Mann sein stupendes Talent verdankt, denn der war Tenor und außerdem Intendant des Theaters in Kortrijk, einer Stadt von der Größe Bambergs, gelegen in der Provinz Westflandern, keine zehn Kilometer von der belgisch-französischen Grenze entfernt. Schon als kleines Kind besuchte Vandenbogaerde dort Woche für Woche Vorstellungen. Im Alter von etwa drei Jahren stand er, in einer Operette, erstmals auf der Bühne. Wenig später besuchte er eine Musikschule und schloss innige Freundschaft mit der Geige. Seine Begabung zeigte sich nicht nur in der Musik. In der Schule befiel ihn oft Langeweile. Er fühlte sich unterfordert und ging dann, mit dem Einverständnis seiner Eltern, die beide Lehrer sind, als Vierzehnjähriger auf ein Internat in Lübeck. Er studierte am angesehenen Konservatorium von Utrecht und spielte bereits als Student im Philharmonischen Orchester von Rotterdam.

Bei seinem ersten Konzert mit den Bamberger Symphonikern, noch als Aushilfe, auf Probe, im Dezember 2011, stand das Schlagzeugkonzert des Wieners Friedrich Cerha auf dem Programm (phänomenaler Solist war damals Martin Grubinger) und Alexander von Zemlinksys Fantasie für Orchester, „Die Seejungfrau“. Die sei, erinnert sich Vandenbogaerde, „voller Soli“ für ihn gewesen. Im vergangenen März hat er sich mit seinem Orchester auch als hochvirtuoser Solist vorgestellt. Er spielte das aberwitzig schwierige Violinkonzert in D-Dur op. 35 von Erich Wolfgang Korngold. Die Leitung hatte Jonathan Nott.

„Ich finde es toll, wie er arbeitet“, sagt der Konzertmeister über seinen britischen Chef, der sehr schnell denke. Gemeinsam arbeiteten sie an der Interpretation. Vandenbogaerde ist es ein Anliegen, mit den Streichern, die er anführt, Notts Vorstellungen praktisch umzusetzen. Als einen Höhepunkt seiner bisherigen Zeit mit den Bambergern führt der Flame das Gastspiel Mitte Juli des zurückliegenden Jahres bei den Proms in der Londoner Royal Albert Hall an. Auf dem Notenpult lag Helmut Lachenmanns Tanzsuite mit Deutschlandlied von 1979/1980, die ihre britische Erstaufführung erlebte, sowie Gustav Mahlers Fünfte Symphonie. In deren intimen Adagietto (es ist eine in Töne gesetzte Liebeserklärung an seine Frau Alma) schlägt die große Stunde – genauer sind es, je nach Tempo, um die elf, zwölf Minuten – der Streicher, denn außer diesen ist in dem langsamen Satz nur noch die Harfe besetzt, die restlichen Instrumente haben zu schweigen.

Nicht weniger begeistert als von seinem Chefdirigenten ist Vandenbogaerde auch von den Bamberger Symphonikern selbst. „Es ist eine Ehre, mit solch wunderbaren Kollegen musizieren zu dürfen“, stellt er klar. Und fügt an: „Das sind hundert Leute, die wahnsinnig viel Talent haben.“ Er mag die Mentalität des Orchesters, dem ein lebendiges, musikalisches Miteinander-Reden zu eigen ist, er mag die Offenheit, er mag den Klang. Vandenbogaerde ist sehr am Klang interessiert, an der Klanggestaltung. Er sei wichtiger als alles andere. Dieser typische Bamberger Klang – oft wird auch vom böhmischen gesprochen, denn viele der Gründungsmitglieder von 1948 stammten ja aus Prag – leuchtet und glüht, er schimmert in vielen Facetten. Seine Grundlage ist eine dunkel eingefärbte, sonore Tiefe, wie man sie beispielhaft auf den Aufnahmen der Symphonien von Schubert und Mahler hören kann.

Schon auf die Proben, und nicht erst auf die Aufführungen, bereitet sich Vandenbogaerde, dem ja als Konzertmeister eine immense Verantwortung zukommt, intensiv vor. Er setzt sich mit den anstehenden Werken auseinander. Dies tut er keinesfalls nur anhand der eigenen Geigenstimme. Vielmehr studiert er die Partitur und besorgt sich zudem Hintergrundinformationen zu den Komponisten und dem, was sie geschaffen haben. „Die Musik ist immer da, auch außerhalb des Dienstes. Ich habe nicht viel Freizeit“, sagt Vandenbogaerde.

Wenn er sie dann aber einmal hat, so verbringt er sie mit seiner Liebsten, einer Berliner Sängerin, die er beim Bamberger Wagner-Zyklus kennenlernte. Im Fall der beiden gibt also Musik, wie es bei Shakespeare heißt, tatsächlich der Liebe Nahrung. Gern lädt Vandenbogaerde auch Freunde ein, bekocht sie oder grillt für sie, mixt Caipirinhas (es muss ja nicht immer belgisches Bier sein) und legt Samba-Platten auf.

Sein liebstes Hobby ist das Reiten. Jeden Tag versucht er, wenigstens einige Zeit mit seinem Pferd zu verbringen. Im Reiten findet Vandenbogaerde den körperlichen und mentalen Ausgleich. Es tut seiner Schulter gut, die sich beim Geigenspiel oft in schiefer Lage befindet. Beim Reiten hingegen sitzt er aufrecht. Auch hat er dabei vieles gelernt, was er auf die Musik übertragen kann. Dem Pferd müsse man klar machen, was man wolle. Ähnlich verhält es sich mit den musikalischen Vorstellungen, die er den Kollegen im Orchester vermittelt. Wichtig ist der Kontakt zum Pferd, wichtig ist der Kontakt zu den Mitmusikern. Der Konzertmeister vertritt die alte Schule der Reitkunst. Er hat großen Respekt vor dem Pferd und dessen Natur.

Wer Bart Vandenbogaerde, der von sich sagt, alles, was er mache, habe mit Kunst zu tun, im Konzert erleben möchte, kann dies am 29. Juli um 17 Uhr innerhalb der Reihe „Musik in fränkischen Schlössern“ in Rentweinsdorf tun. Das Trio Fanconia, in dem neben dem Belgier dessen Symphonikerkollege Matthias Ranft Violoncello sowie Tomoko Ogasawara Klavier spielen, wird Klaviertrios von Joseph Haydn, von Robert Schumann und Antonin Dvorák geben. Außerdem ist der Geiger in der Spielzeit 2014/2015 mit seinem Orchester zweimal solistisch im Joseph-Keilberth-Saal zu hören. Am 8. Oktober (und tags drauf) macht er zusammen mit Ulrich Witteler, der seit 2013 Solocellist der Bayerischen Staatsphilharmonie ist, und mit der Münchner Pianistin Margarita Höhenrieder Ludwig van Beethovens Tripelkonzert für Violine, Violoncello, Klavier und Orchester in C-Dur op. 56. Nach der Pause folgt der 1. Aufzug von Richard Wagners „Walküre“, konzertant. Am Pult wird Jonathan Nott stehen. Und wer am 10. Januar zufällig in Madrid sein sollte, kann die Bamberger Symphoniker mit diesem Programm im dortigen Auditorio Nacional de Música – Konzertbeginn ist, nota bene, um 22.30 Uhr – erleben.

Am Rande sei noch vermerkt, dass Vandenbogaerde, dem man anfangs Juni zu seinem zweiunddreißigsten Geburtstag gratulieren darf, sich seinen Vornamen als Bamberger Autokennzeichen leisten kann. Und auf „Bart“ kommt man auch, wenn man dem Namen dieses Lieferanten für Kunst und Kultur ein B voranstellt. Nichts anderes machte Vandenboagaerde, als wir ihn zu einem Gespräch im Café trafen. Der Mann hat Humor. Musikalisches Talent sowieso.

 

Copyright Fotos: © Peter Eberts / Bamberger Symphoniker

Jürgen Gräßer
24.06.2014

Eure Meinung? Leserbrief verfassen