Ein Stadtteil wird zur Bühne

Das Theater im Gärtnerviertel bespielt ungewöhnliche Orte

Ein Stadtteil wird zur Bühne

Seit Jahren wohnen sie beide – Nina Lorenz und Stephan Bach – im Bamberger Gärtnerviertel zwischen Memmelsdorfer Straße und Theuerstadt. Der Schauspieler und Sprecher hat oft schon mit der (nach wie vor lebendigen) Theaterwerkstatt Haßfurt zusammengearbeitet, die Lorenz gründete und noch immer leitet. Doch Lorenz, die Regisseurin, hatte auch Lust auf Neues und so kam ihr die Idee, das Theater in ihr Wohnviertel zu holen und den Stadtteil zur Bühne werden zu lassen. Das freie Theater im Gärtnerviertel (kurz: TiG), das auch in die Stadt und das Umland hinausstrahlen soll, war geboren.

 

„Unsere Gegend ist kulturell ambitioniert, und so fühlten wir uns als Theaterschaffende doch bemüßigt, hier etwas zu machen“, erzählt Bach. „Unsere Nische“, ergänzt Lorenz, „ist die, dass wir sagen: Wir haben keinen festen Spielort. Gemeinsam mit den Anwohnern versuchen wir, Spielorte zu finden.“ In Kooperationen wird versucht, im Viertel das Theater auf die Beine zu stellen. „Wir haben ein Stück und suchen dafür die passende Bühne, oder umgekehrt, wir haben einen Spielort und suchen das passende Stück“, sagt Lorenz. Sie denkt an Innenhöfe, an Geschäfte, Dachböden, Wirtshäuser und – naturgemäß – an Gärten.

 

Das Theater im Gärtnerviertel eröffnet mit der flotten Boulevardkomödie „Dreier“ (2002) von Jens Roselt. Ein Doppelbett, das sich eine Frau und zwei Männer (ihr Ehemann, ihr Liebhaber) teilen, wird hier zur Bühne. Ein Lustspiel, ein Spiel mit der Lust? Der Ort der Premiere am 2. Oktober jedenfalls, Betten Friedrich, Obere Königstraße 43, scheint sehr treffend gewählt für diese Bettenschlacht, in welcher die Liebe als letzter Hoffnungsschimmer bleibt. Im November zieht man wenige Häuser weiter und spielt den „Dreier“ weitere vier Male im Morph Club. Neben Stephan Bach wird Benjamin Bochmann agieren, den man beispielsweise vom Kindertheater Chapeau Claque kennt. Geliebte und Ehefrau ist die gebürtige Bambergerin Ursula Gumbsch.

 

Lorenz & Co. versprechen „aktuelle, lustige, brisante, anspruchsvolle und experimentelle Stücke für Erwachsene und Jugendliche“. Diese Mehrgleisigkeit ist der Regisseurin ganz wichtig. Klassiker sollen gespielt, zeitgenössische Dramatik aufgeführt, Volkstheater gemacht werden. Mit Letzterem will man im Viertel durchaus so etwas wie Identität stiften und Leute ins Theater locken, die sonst den manchen heiligen Hallen eher fernbleiben. Zudem soll gerade die Jugend angesprochen werden. So hat man sich die Aktion jugendTiG ausgedacht, um den Austausch zwischen Schule und Theater zu befruchten.

 

Diese Aktion startet mit der Uraufführung von „multiple choice“ im Morphclub am 16. Oktober, einer gemeinsam im Ensemble entwickelten Produktion, die von der Schwierigkeit handelt, Entscheidungen zu treffen: sich für eine Partnerin zu entscheiden, für einen Beruf, eine Aufgabe, für das Anderssein. Das an Witz und an Dramatik reiche Stück erzählt von vier Jugendlichen, die sich über die Seite www.waswärewenn.de kennengelernt haben. Mit dieser in Zusammenarbeit mit der Theaterwerkstatt Haßfurt entstandenen Inszenierung geht das Theater im Gärtnerviertel im Oktober und November in die Schulen.

 

Das Theater will so auch außerhalb des Gärtnerviertels auf seinen angestammten Stadtteil aufmerksam machen, von dessen spannender Mischung aus Kulturschaffenden (wie beispielsweise die Bildhauerin Rosa Brunner und die Objektkünstlerin Judith Siedersberger vom Kunstraum bluemerant in der Siechenstraße), aus Studenten, alteingesessenen Einheimischen und Gärtnern Nina Lorenz sehr angetan ist. Deren Interesse an der kulturellen Entwicklung ihres Lebensumfeldes möchte das Theater im Gärtnerviertel mit den Mitteln des Theaters unterstützen und die unterschiedlichen Publikums- und Anwohnerschichten noch näher zusammenführen, als sie es ohnehin schon sind. Ein dringendes Desiderat hat Lorenz noch: „Wir suchen dringend einen festen Proberaum.“ Bis man den gefunden hat, dient ein Keller in der Äußeren Löwenstraße als Provisorium.

 

Das Ensemble um Bach, Bochmann und Gumbsch komplettieren Heidi Lehnert (Chapeau Claque, Brentano Theater, Sprecherin beim Bayerischen Rundfunk), Olga Seehafer, die die bildende und die Schauspielkunst zu verbinden weiß, und Martin Habermeyer, der, wie Seehafer, der französischen Theatergruppe TUBA angehört und darüber hinaus in der Theaterwerkstatt Haßfurt spielt.

 

Wer im Gärtnerviertel zuhause ist und einen interessanten Spielort im Angebot hat oder gar einen Proberaum, möge sich bitte melden unter der Rufnummer 0151/18 17 70 28 oder via E-Mail bei kontakt@tig-bamberg.de. Weitere Informationen im Netz unter www.tig-bamberg.de.

 

Copyright Fotos: © Werner Lorenz

Jürgen Gräßer
04.08.2014

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