Kurzes Willkommen und baldiger Abschied

E.T.A. Hoffmann in Bamberg

Kurzes Willkommen und baldiger Abschied

Dieser April 1813 ist eine Zeit des Abschieds. Am Ostersonntag geht es ein letztes Mal hinaus nach Bug („Buch“) zum „Abschiedsdiner“, am Ostermontag weilt er zu einem finalen Souper bei seinem Verleger. Bei Carl Friedrich Kunz also, der aber nicht bloß mit Büchern handelt, sondern auch mit Weinen, mit Burgunder und Roussillon, mit Kirschwasser, was dem Schriftsteller, Zeichner, Komponisten, Musikkritiker und Freund alkoholischer Getränke sehr zustatten kommt. Tags drauf dann, wir schreiben den 20. April 1813, ist er abermals bei Kunz. Ein, so hält er im Tagebuch fest, „weinerlicher Abschied“, und: „von der Kunz eine Haarlocke erhalten“. Am Mittwoch macht er sich endlich auf, gen Dresden: „Abreise Früh Morgens um sechs Uhr – Bareuth genachtet“.

 

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann ist es, der der Domstadt adieu sagt, adieu sagen muss. Denn die Liebe zu seiner blutjungen Gesangsschülerin Julia Mark war ihm ins Gehege gekommen, hatte ihn zum Gespött der Leute werden lassen. Julia soll einen Hamburger Kaufmann heiraten, es kommt zu Eifersuchtsszenen und, bei einem Ausflug nach Pommersfelden, zu einem endgültigen Debakel, in dessen Folge sich Hoffmann von Julia, und von Bamberg, lossagt, lossagen muss.

 

Am 1. September 1808 war Hoffmann in Bamberg angekommen, hatte an der jetzigen Nonnenbrücke 10 Wohnung bezogen. Neun Monate später nehmen er und seine Frau Mischa wenige Schritte weiter Logis, im damaligen Zinkenwörth Nr. 50. In der „angenehmen Wohnung […] mit herrlicher Aussicht in Berg und Tal“ ist auch „ein PoetenStübchen dabei!!“, das heute besichtigt werden kann. Es zählt zu den nicht wenigen Schmuckstücken, mit denen das zum Museum mutierte E.T.A.-Hoffmann-Haus aufwarten kann.

 

Das Haus selbst ist ja schon eine Preziose. Betritt man beispielsweise das Spiegelkabinett im Erdgeschoss, so nimmt einen gleich die Musik der „Valses sentimentales et tristes“ (1999) von Horst Lohse gefangen, der sich darin auf musikalische Themen von Hoffmann und von Mozart bezieht. Eingespielt hat sie am Hammerflügel der früh und überraschend verstorbene Egino Klepper. Seinen Namen völlig zu Recht trägt der nach dem Vorbild aus der romantischen Novelle „Der goldne Topf“ vom Bamberger Künstler Wolfgang Clausnitzer konzipierte Zaubergarten. Holunder wächst da, auch ein Bogen aus Knöterich mit einer von der Kulmbacherin Gertrud Murr-Honikel gefertigten Figur „Hommage an ETAH“, während die „Undine“-Skulptur der Werkstatt des Vierether Bildhauers Reinhard Klesse entstammt.

 

Die „Undine“ kann man weiter im zweiten Stockwerk in der Theaterloge bewundern, einschließlich des Bühnenbilds von Karl Friedrich Schinkel. Uraufgeführt 1816 im Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt, ist Hoffmanns „Undine“ die erste deutsche romantische Oper, noch vor Webers „Freischütz“, der fünf Jahre später, ebenfalls am Gendarmenmarkt, Premiere feierte. Überhaupt widmet sich das Wohnhaus und Museum intensiv dem Komponisten Hoffmann, der er ja auch war, selbst wenn seine Werke heute kaum mehr gespielt werden. Das Musikzimmer ziert als Tapete die Partitur der heroischen Oper „Aurora“ (1812), und eine interaktive Musikkommode hält weitere Noten bereit. Wenn man eine der insgesamt acht Schubladen öffnet, erklingt die entsprechende Komposition, etwa das „Miserere“ von 1809 und die beiden Singspiele „Liebe und Eifersucht“ (1807), „Die lustigen Musikanten“ (nach Clemens Brentano, 1804).

 

Ein ganz besonderes Juwel ist das historische Pianoforte im Poetenstübchen aus der Bamberger Manufaktur von Christoph Ehrlich. Damit sich die Besucher ein Bild von dessen Klang machen können, wurde 2011 eine Hörstation eingerichtet, die Werke von Bach, von Hoffmann und von dessen Idol Mozart (der Dichter tauschte 1805 seinen eigentlichen dritten Vornamen, Wilhelm, gegen Amadeus ein) enthält. Eingespielt hat sie auf dem Pianoforte Gerhard Weinzierl. So spannt sich der akustische Bogen bei einer nur zu empfehlenden Besichtigung des Hoffmann-Hauses von Horst Lohses „Valses“ im Erdgeschoss zu Musik von Hoffmann selbst im Poetenstübchen. Hoffmanns Schatten kann man von Tür zu Tür, von Etage zu Etage, folgen. Am Schillerplatz begegnet Hoffmann den Besuchern als Schriftsteller, als Zeichner, als Komponist, mithin als Vielfachbegabung, oder kurz: als Genie.

 

Bernhard Schemmel, seit 1999 Erster Vorsitzender der Hoffmann-Gesellschaft, stellt in seiner jüngsten Veröffentlichung zur Rezeptionsgeschichte („In Hoffmanno!“, 2013) Haus und Gesellschaft kenntnisreich und eindringlich vor. Ein weiteres Plus ist die Bebilderung, überwiegend von Gerald Raab – eine pure Augenweide.

 

Copyright Fotos: 

Poetenstübchen im E.T.A.-Hoffmann-Haus, Foto © Gerald Raab

Impression aus dem E.T.A.-Hoffmann-Haus, Foto © Frank Gundermann

Impression aus dem E.T.A.-Hoffmann-Haus, Foto © Bernhard Schemmel

Jürgen Gräßer
04.08.2014

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