Blechblasmusik zum Sehen und Riechen

Mnozil Brass kommt in den Keilberth-Saal

Blechblasmusik zum Sehen und Riechen

Im Stadtzentrum von Wien gelegenen Gasthaus Mnozil – von dieser Stammkneipe etlicher Studenten der Musikuniversität rührt auch der Name des Blechbläserseptetts – begann bei einer spontanen Session 1992 seine Karriere. Damals war im längst renovierten und umgebauten Mnozil so wenig Platz, dass Mnozil Brass die ersten Auftritte auf dem Bierkühlschrank absolvieren musste. Zum offiziellen Debüt kam es dann Ende Januar 2013 im kleinen Kreis. Längst füllen die „Glorreichen Sieben“, wie man sie nach John Sturges‘ Western aus dem Jahre 1960 auch nennen kann, große Konzertsäle, etwa das Festspielhaus Baden-Baden und die Münchner Philharmonie im Gasteig. Sie waren beispielsweise bei den Salzburger Festspielen und bei der Ruhrtriennale zu Gast. Und das ist dann doch für ein Blechbläserensemble höchst ungewöhnlich. Im Januar des vergangenen Jahres wurde ihnen die Ehre zuteil, mit „Hojotoho“, einem von Philippe Artaud inszenierten Auftragswerk, das Richard-Wagner-Jahr in Bayreuth eröffnen zu dürfen.

 

Mittlerweile hat Mnozil Brass Konzerte in über zweieinhalb Dutzend Ländern auf vier Kontinenten gegeben. In Bamberg werden sie mit dem Jubiläums-programm „Happy Birthday“ aufspielen. Nicht erst seit gestern hat man ja, siehe oben, mehr als zwanzig ungemein erfolgreiche Jahre hinter sich gebracht. Allerdings darf ein so springlebendiges und hochvirtuoses Ensemble auch schon mal weit über den genauen Tag hinaus Geburtstag feiern, zumal die „Happy Birthday“-Show beim Publikum noch immer Stürme der Begeisterung auslöst. Im Gästebuch von Mnozil meldet sich „Maiserl“ folgendermaßen zu Wort: „Das Konzert heute war unbeschreiblich! Wir lieben Euch heute noch ein Stück mehr! Bitte, bitte, bitte, ab heuer jedes Jahr so ein Geburtstagsfest! Wir kommen auch alle immer wieder, ehrlich! Bussi und gute Nacht!“

 

Tatsächlich geht es bei den Auftritten von Mnozil Brass um weit mehr als die bloße, brillant dargebotene Musik. „Unsere Musik kann man sehen und die Bühnenperformance kann man riechen“, sagen die Sieben, und fügen an: „Wir spielen angewandte Blechmusik, und zwar für alle Lebenslagen. Wir stellen uns jeder Herausforderung, kein Ton ist uns zu hoch, keine Lippe zu heiß und keine Musik zu minder.“ Um ihre auch in Sachen Choreographie innovativen Programme auf den Punkt zu bringen, arbeiten die Instrumentalisten seit über einem Jahrzehnt mit dem Regisseur Bernd Jeschek zusammen. Was dabei herauskommt, kann sich wahrlich sehen und hören lassen. Und eben auch riechen. Man denke nur an ihre Version von Paul Ankas „Lonely Boy“ (Mai 1959).

 

Da nämlich sitzt Leonhard Paul, zuständig für die Basstrompete und neben Gerhard Füßl und Zoltan Kiss auch einer der drei Posaunisten, seelenruhig bis gelangweilt in der Bühnenmitte auf einem Stuhl und zieht sich, angewidert daran schnüffelnd, die Socken aus. Das muss er auch, denn alsbald mutieren baren Fußes die Zehen zu Fingern, mit denen er links den einen, rechts den anderen Posaunenzug führt. Die Trompeten von Thomas Gansch und von Robert Rother bedient er zudem, die Kollegen müssen lediglich die Instrumente halten und das Mundstück ansetzen. Und der Rest ist nicht Schweigen, wie die letzten Worte des im Duell tödlich verwundeten Hamlet lauten, sondern ein atemberaubender „Lonely Boy“, dessen Schlusspointe hier nicht verraten sei.

 

Singen können die Jungs übrigens auch noch. Zu siebt beispielsweise in der „Bohemian Rhapsody“ oder, solo, Thomas Gansch, der überaus vitale Motor von Mnozil Brass, eine melancholische Interpretation von „Killing Me Softly“, die das Herz so mancher Zuhörerin dahinschmelzen lässt. Geboten wird nicht nur (Blechbläser-)Musik auf kaum vorstellbarem Niveau, geboten wird auch ein Bühnenprogramm, das in seiner mal subtilen, mal überschäumenden Komik an Monty Python denken lässt.

 

Heiko Triebener, Tubist bei den Bamberger Symphonikern, mit deren Blechbläserquintett er im September 2013 – darin Mnozil ganz ähnlich – zwanzigjähriges Bestehen feiern konnte, sagt über die österreichischen Kollegen: „Mnozil Brass hat die Blechbläserwelt auf ein neues Niveau gehoben: Eigens komponierte und arrangierte Werke, die so schwer sind, dass jedes andere Ensemble bereits hinter den Notenpulten sitzend schwitzt, spielen die Mitglieder dieser Gruppe mit Leichtigkeit komplett auswendig, und dabei tanzend, schauspielernd, zwischendrin blitzsauber a cappella singend. Die Aufführungen von Mnozil Brass gehören zum gleichzeitig Lustigsten und Beeindruckendsten, was ich je erlebt habe. Ganz große Oper!“ Dem ist weiter nichts hinzuzufügen. Höchstens noch, dass Triebener seit gut einem Jahr bei seinen Diensten in den Reihen der Bayerischen Staatsphilharmonie eine von Wilfried Brandstötter (der als Professor an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz lehrt) neu entwickelte Tuba verwendet. Und naturgemäß der dringliche Rat, das Konzert mit Brandstötter & Co. am 14. September im Joseph-Keilberth-Saal der Bamberger Konzert- und Kongresshalle zu besuchen.

 

Copyright Foto: © Pressefoto Mnozil Brass

Jürgen Gräßer
04.08.2014

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