Vielsprachig und beredt

Harald Hartungs „Zungenkunst“ der Lyrikkritik

Vielsprachig und beredt

Dieser Mann ist eine Koryphäe, eine Institution. Den Namen Harald Hartung kann man getrost als Synonym für kompetente, anspruchsvolle und doch überaus lesbare Lyrikkritiken erachten. Nun liegen die gesammelten Besprechungen des FAZ-Rezensenten zur deutschen und internationalen Lyrik aus den letzten drei Dekaden in einem schönen Band vor. Niemand sonst hat sich hierzulande so intensiv dem Gedicht zugewandt wie der 1932 im westfälischen Herne geborene, in Berlin als Kritiker und Essayist lebende Hartung. Und dass er auch selbst Gedichte schreibt, dass er bedeutsame Anthologien herausgegeben hat, schlägt sich gleichfalls positiv in Hartungs Besprechungen nieder. Der Band setzt ein mit einem Gruß: „Guten Tag: Gedicht“, und einem zweiten: „Guten Tag: Kritik.“ Schließlich gilt es ja nach Brechts „Vergnügungen“ unter anderem auch freundlich zu sein. Kenntnisreich vorgestellt werden fünf 1986 noch junge Lyriker, Peter Waterhouse, Barbara Maria Kloos, Sabine Techel, Hans-Ulrich Treichel, Richard Wagner. Am Ende stehen Gedanken zu dem aus Schwabach gebürtigen Gerhard Falkner, zu Luc Bondy, zu Herta Müller von 2012. Und dazwischen beispielsweise ein funkelnder Essay zur großen „kleinen Dame in Weiß“, zu Emily Dickinson. Mit das Beste an Hartungs Kritiken ist, dass sie mit nahezu jedem Satz Lust darauf machen, auch zu den besprochenen Bänden selbst zu greifen.

 

Harald Hartung, Die Launen der Poesie. Deutsche und international Lyrik seit 1980. Göttingen: Wallstein, 2014. 376 Seiten, 24,90 Euro.

 

 

Jürgen Gräßer
04.08.2014

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