Triumph eines Einspringers

Lohengrin – Bayreuth 2018

Triumph eines Einspringers

Richard Wagners „Lohengrin“ ist gemeinhin eine ziemlich waffenstarrende Oper, in der die Brabanter Mannen als Kulisse für eine befremdliche Auseinandersetzung dienen. Elsa, so die Ausgangslage, soll für das Verschwinden ihres kleinen Bruders Gottfried verantwortlich sein bzw. gemacht werden. Dass sie darob angeklagt wird, ruft einen der Gralsritter auf den Plan, sogar einen sehr prominenten, nämlich Lohengrin, den Sohn Parsifals. Der besiegt den intriganten Bösewicht Telramund, Gatte der noch intriganteren Ortrud, schwört Elsa sogleich ewige Liebe und bringt sie umgehend vor den Traualtar. So schnell kann heiraten gehen… Was sie nicht weiß: der Schwan, der den Nachen zog, auf dem Lohengrin zu den Brabantern kam, ist der verwandelte Gottfried. Diese Zauberei ist Grund genug für Lohengrin, Fragen nach seiner Herkunft strikt abzulehnen. „Nicht sollst Du mich befragen“ ist deshalb der meistzitierte Satz aus dieser Oper. Das Frageverbot ist Teil des Ehegelöbnisses, vergleichbar dem der Euridice auferlegten Verbot, sich auf dem gemeinsamen Weg mit Orpheus aus dem Hades umzudrehen. Hier wie dort geht es jedoch schief, und im Falle der Elsa führt das zu Lohengrins Abschied auf Nimmerwiedersehen.

Das Frageverbot ist natürlich eine typische Männernummer – und zugleich eine typische Wagnernummer, denn seine Vision vom (natürlich männlichen) idealen Künstler lässt keinen Raum für Fragen oder gar Rechtfertigungen, sie kennt nur Unterordnung und sehnendes Verlangen seitens der Frau. Das sieht auch in Yuval Sharons Inszenierung lange so aus, denn Elsa droht gleich eingangs der Scheiterhaufen, und Ortrud wird von ihrem Telramund, diesem Komisskopf, ordentlich kujoniert. Doch auf Dauer nutzt es den männlichen Dominatoren wenig, wenn sie ihre Gemahlinnen Elsa und Ortrud mittels Fesselungen zu bändigen bzw. zu zähmen suchen. Die Inszenierung bekommt allmählich einen immer feministischeren Charakter, und die Frauen mutieren von Angstwesen zu selbstbewussten Menschen, die sich, obwohl doch eigentlich Konkurrentinnen, versöhnlich die Hand geben. Am Ende scheint doch die geradezu konspirative Verbindung von Elsa und Ortrud zu siegen und uns zu bedeuten: alles lässt sich Wagners Frauenwelt nicht von den Männern bieten.
Yuval Sharon hat sich von Neo Rauch und Rosa Loy einen nachtblauen Bühnenhintergrund von faszinierender Wirkung entwerfen lassen, vor dem ein Umspannwerk samt Isolatoren die prägnante Ausstattungsidee abgibt. Elektrizität ist also der Rote Faden, der auch konsequent fortgesponnen wird mit allerlei Leuchtbögen, Funkensprühen und feurigen Rucksäcken. Sogar Lohengrin muss, um Telramund zu besiegen, zu einem Schwert in der Form eines Blitzes greifen. Ein Trafohäuschen birgt im dritten Akt das Hochzeitsbett, alles steht hier unter Strom, und das Drama um die Fragerei nimmt seinen unerbittlichen Lauf. Lohengrin hängt seine Insektenflügel (sie sind von Beginn an die etwas rätselhafte  Kennzeichnung für die Adelsgesellschaft) demonstrativ an der Garderobe auf, versucht aber noch durch Elsas Fesselung das Fatum abzuwenden. Die ist längst in Orange gekleidet, einem schrillen Kontrast zum dunklen Blau, der ihren Sinneswandel zu symbolisieren scheint.

Christian Thielemann sekundiert dieser beeindruckenden Inszenierung, die sehr stark von den Impulsen des Bühnenbildes geprägt ist, mit einem in jeder Beziehung idealen Dirigat, sei es bezüglich der Sängerbegleitung oder der sehr variablen Tempi und der orchestralen Farben. Leider wurde die Besetzung der beiden weiblichen Hauptrollen dem mit diesem Niveau verbundenen Anspruch in stimmlicher Hinsicht nicht gerecht. Am ehesten konnte noch Waltraud Meier trotz unüberhörbarer Defizite als Ortrud überzeugen, zumal aufgrund ihrer noch immer präsenten Ausstrahlung. Darstellerisch ist auch Anja Harteros beeindruckend, doch ihr Sopran flackert im Forte recht unangenehm, zumal in der oberen Mittellage, die in dieser Partie dominiert. Ihr ausgeprägtes Tremolo hat einen chronischen Hang nach oben, wodurch der Eindruck stetiger Hochintonation vorherrscht.

Wurden die beiden Diven hinterher trotzdem vom Publikum gefeiert, so kassierte der Telramund Tomasz Koniecznys einen massiven Buhsturm, und das zu Recht. Sein kehlig-metallisches Organ produziert ein markerschütterndes Röhren bar jeglicher Stimmkultur. Von Textverständlichkeit kann bei Konieczny keine Rede sein, ebenso wenig übrigens wie bei der Harteros. Bleibt der für Roberto Alagna kurzfristig eingesprungene Piotr Beczala: ein Glücksfall! Sein prächtiger Tenor mit Heldenformat sorgte für uneingeschränkte Begeisterung und wurde von einer darstellerischen Glanzleistung komplettiert. Er wird zum Schluss nicht vom Schwan abgeholt, dafür erscheint dessen einstige Personifizierung, also Gottfried, als in giftgrün gekleideter Erwachsener auf der Bühne. Für Elsa ist librettowidrig keine Entseelung angesagt, vielmehr bleibt sie ebenso wie Ortrud stehen. Symbolisieren sie die Zukunft?


Fotocredits:

Festspielhaus Bayreuth © Bayreuth Marketing & Tourismus GmbH

Martin Köhl
02.08.2018

Eure Meinung? Leserbrief verfassen