Nirgendwo strahlt der Himmel so schön grau

Stürmische Naturkatastrophen und schillernde Rockstars in Hamburg

Nirgendwo strahlt der Himmel so schön grau

 Fährt man in diese exzeptionelle Stadt ein, ist bereits ihr nordisches Flair zu spüren, ihre Schönheit, gepaart mit ihrem leicht rauen, ihrem authentischen Charakter. Hamburg tut nicht nur elegant und hübsch, Hamburg ist es.

Aus dem Zug ausgestiegen, weht hier eine leichte Brise und es liegt ein Duft nach Franzbrötchen in der Luft. Vom Bahnhof geht es am besten sogleich zur nächstgelegensten Sehenswürdigkeit: Der Hamburger Kunsthalle. Fußläufig ist das an der Binnenalster gelegene Museum erreicht, das aus der Ferne bereits durch eine imposante Kuppel auf sich aufmerksam macht. Hinter einem neoklassizistisch gehaltenen Bau verbirgt sich noch ein modernes Gebäude aus Beton und Glas in klaren Formen und Farben. Vereint werden beide Bauten durch einen Platz aus rotem Stein, der sich zum Verweilen nutzen lässt, und einen unterirdischen Tunnel, der die Besucher von Werken des Mittelalters bis hin zur Moderne hinübergeleitet in die Gegenwartskunst und zu aktuellen Ausstellungen.

Hier gibt es allerlei zu sehen, eine reiche Sammlung aus acht Jahrhunderten Kunstgeschichte und stets überraschende Expositionen. So wandelt man im Haupthaus zunächst eine Stiege hinauf, umsäumt von Säulen mit goldenen Kapitellen, um im Obergeschoss zu stehen, das die Frage aufwirft: Beginnen wir im Mittelalter oder entgegen der Chronologie mit der Moderne? Eine rückwärtsgewandte Schau kann auch einmal charmant sein, so betreten wir zunächst einen durchweg modernen Raum, in dem ein Geschäftsmann mit charakteristisch weit aufgerissenem Mund Francis Bacons wartet, daneben eine Figur Giacomettis, so erwählt aufeinander abgestimmt, befassten sich doch beide Künstler mit Raum und ließen leeren Raum bisweilen zu ihrem Protagonisten werden.

Auch andere große Namen der Kunstgeschichte sind hier vertreten: Die Brücke-Künstler, zusammengefügt mit pittoresken Landschaften Emil Noldes, natürlich Edvard Munch, dem ein eigener Raum zuteilwird, genau wie Lovis Corinth, diesem Meister der leichthändigen, seichten Malerei, dessen Pinselstriche nur so durch die Kunsthalle zu tanzen scheinen. Und sodann, einige Epochen, einige Jahrzehnte weiter, betritt man einen wahren Raum der Andacht. Die filigranen, aus Holz geschnittenen und vergoldeten Altäre und Andachtsbilder des Mittelalters sind es noch nicht, sondern etwas viel Sakraleres, wenngleich in seiner Darbietung profaner: Caspar David Friedrich, dem die Kunsthalle ebenfalls einen eigenen Raum widmet. Lauter Landschaftsdarstellungen, die mit religiösen Symbolen nur so aufgeladen sind und den Betrachter dazu einladen, in all die Mystik der Natur einzutauchen, alle ihre gut gehüteten Geheimnisse lüften zu wollen. Das Eismeer ist ein solches Bild der Andacht. Mit seinem gekenterten Schiff spricht es von einer Reise vom Leben in den Tod. Wenngleich hier kein Leben zu sehen ist, sondern die Überreste hölzerner Splitter und eine ewige Eiswüste, so rührt dieses Gemälde an und zeigt an seiner Horizontlinie Licht sowie weitere Eisberge, sanfter gemalt, beinahe in impressionistischer Manier, die Hoffnung geben und zu sagen scheinen, dass es immer weiter gehe. Genau wie der Wanderer im Nebelmeer, der bis Mitte September noch in Berlin weilt. Für gewöhnlich schmückt er eine Stirnwand dieses Andachtsraumes und vergewissert den Betrachter, dass der Nebel sich jederzeit lichten kann und dass er bereit ist, zu neuen Ufern aufzubrechen, weil er unendliche Kraft und Hoffnung aus der Natur schöpft.

Mit diesen Werken beherbergt die Kunsthalle einen wahren Schatz, doch damit nicht genug. Auch die Gegenwartskunst nimmt einen besonderen Stellenwert ein. Hier sind unter anderem On Kawara, Bruce Nauman, Rosemarie Trockel und Gerhard Richter vertreten. Ein besonderes Werk stellt die begehbare Installation Ilya Kabakovs dar: Ein Sanatorium, in dem durch Bilder geheilt wird. Knarrende Holzdielen, leicht angelehnte Türen, die einen beiläufigen Blick in Behandlungszimmer erlauben, beruhigende Musik und ein Duft nach Holz, der an alte russische Landhäuser erinnert. Heimeligkeit und Unheimlichkeit in einem.

Überdies bietet die Kunsthalle aktuell hochkarätige Schauen. Einen enormen Höhepunkt bildet dabei die „Entfesselte Natur. Das Bild der Katastrophe seit 1600“. Anhand von 200 Werken aus vier Jahrhunderten wird bis zum 14. Oktober erörtert, wie Künstler unsere Vorstellungen von Naturkatastrophen beeinflussen. Zu sehen ist dabei die gesamte Bandbreite künstlerischen Schaffens von Gemälden über Skulpturen bis hin zu Video-Installationen.

Zeitgenössischer orientiert ist eine weitere Schau mit dem vielversprechenden Titel „Honey, I rearranged the collection. #3 Bouncing in the Corner. Die Vermessung des Raums“. Bis zum 13. Januar ist der dritte und letzte Part eines über drei Jahre angelegten Projektes zu sehen, welches die Präsentationsarten der Gegenwartssammlung hin zu je einem zentralen Erfahrungs- und Erlebnisbereich auslotet. Nach der Beziehung des Menschen zum Ding sowie der Beziehung des Menschen zum Mitmenschen steht nun die Beziehung des Menschen zu dem ihn umgebenden Raum im Mittelpunkt. Ein wahrer Glanzpunkt dieser Exhibition ist eine Installation Rebecca Horns. „Chor der Heuschrecken I“ besteht aus an der Decke kopfüber angebrachten Schreibmaschinen und einem Blindenstock, die sich von Zeit zu Zeit zu bewegen beginnen. In die tot geglaubten Objekte fährt Leben und wie von Geisterhand tönt das Klappern der Schreibmaschinen sowie das Tasten des Blindenstockes durch die Gänge der Kunsthalle. Dem Betrachter bietet sich ein technisch höchst präzises Schauspiel dar.

Des Weiteren bildet die Kunsthalle einen der zahlreichen Ausstellungsorte der Triennale der Photographie, die noch bis September andauert, und setzt sich unter dem Titel „[Control] No control“ mit dem problematischen Verhältnis zwischen Kamera und Kontrolle auseinander. Mithilfe technisch hochspezialisierter Kameras zeigen Künstlerinnen und Künstler unterschiedliche Kontrollmechanismen auf und offenbaren auf diese Weise eine Ästhetik der Überwachung, die verlockend und erschreckend zugleich erscheint.

Die Triennale erstreckt sich weiter bis zu den Deichtorhallen, die zu den größten Häusern Europas für Photographie und Gegenwartskunst zählen und sich am Übergang der Hamburger Kunstmeile zur Hafencity befinden, wobei sie seit kurzem auch mit der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg vertreten sind (dieser Standort hat jedoch nur jeden ersten Sonntag im Monat geöffnet). Sie bestechen mit ihrer Industriearchitektur, die mit Stahlglaskonstruktionen und klaren Formen einhergeht, in denen auch überlebensgroße Werke ihre faszinierende Wirkung entfalten. Im Rahmen der Triennale zeigen die Deichtorhallen aktuell unter dem Titel „Breaking Point/Space. Street. Life. Photography“ Straßenphotographie aus sieben Jahrzehnten. Eines der schillerndsten Sujets innerhalb photographischer Bildwelten sowie eines der vielfältigsten Themen der Photographie des 20. und 21. Jahrhunderts wird dabei von Ikonen der Photographiegeschichte repräsentiert. Vertreten sind dabei unter anderem Diane Arbus, Robert Frank, Lee Friedlander und William Klein, die ergänzt werden durch gegenwärtige internationale Positionen von Ahn Jun, Harri Pälviranta und Maciej Dakowicz. Das Ergebnis ist ein Blick auf mannigfache Inszenierungsmöglichkeiten des öffentlichen Raums, der nicht zuletzt die Perspektive des einen oder anderen Besuchers auf den Kopf stellen wird.

Außerdem sind jeweils bis zum 23. September zwei weitere beachtliche Expositionen mit dem Schwerpunkt Malerei in den Deichtorhallen zu bestaunen.

Zum einen fordert Charline von Heyl in ihrer Schau namens „Snake Eyes“ die Besucher anhand faszinierender Bilder, die zwischen Kunstgeschichte und zeitgenössischen Bildwelten changieren, zum Entdecken auf. Mit bunten Farben und einem Zusammenspiel aus Gegenständlichkeit und Abstraktion erschafft sie eine eigene Formsprache und somit eine eigene Welt, in die sie die Betrachter einlädt, um hier lyrisch und beseelt verführt zu werden und zeitgleich eine durch eine stete Objektivität geschaffene Distanz überwinden zu lernen.

Zum anderen lässt Asger Jorn, der bedeutendste dänische Künstler des 20. Jahrhunderts, alle relevanten Stile der vergangenen 100 Jahre Revue passieren. Bunt, expressiv, harmonisch und dabei immer auf Freiheit bedacht. Eine Gratwanderung zwischen spielerischer Leichtigkeit und seelischen Abgründen. Asger Jorn stand mit führenden Denkern und Künstlern in Kontakt, erarbeitete gemeinsam mit Fernand Léger großformatige Dekorationen für Le Corbusiers Pavillon de Temps Nouveaux und war Gründungsmitglied einer Künstlervereinigung, die sich gegen den kapitalistischen Funktionalismus stellte. Interessant ist an dieser Stelle, dass Jorns Werk bisweilen formale Parallelen zu von Heyls Werk aufzeigt, wodurch die beiden Expositionen sich ergänzen und zum Verständnis der jeweils anderen Schau beitragen.

Bemerkenswert nimmt sich ferner die aktuelle Ausstellung im Bucerius Kunstforum am Rathausmarkt und somit in Jungfernstieg-Nähe aus: „Anton Corbijn: The Living and the Dead“. Bis zum 6. Januar geht das Kunstforum anhand der mitreißenden Werke des niederländischen Photographen der Frage nach, ab welchem Zeitpunkt aus Photographie Kunst werde. Einen Namen machte Corbijn sich zunächst mit Portraits bekannter Musiker wie Joy Division, Depeche Mode, Tom Waits und den Rolling Stones. So sind rund 80 seiner bekanntesten Portraits aus 40 Jahren ein relevanter Teil der Exposition. Jedoch stellen diese Werke zumeist Auftragsarbeiten dar, sodass der Künstler sich seine schöpferische Freiheit erst erarbeiten musste. Den schillernden Portraits stehen somit autobiographische Serien gegenüber: „a.somebody“ aus dem Jahre 2002 zeigt Corbijn selbst, wie er verstorbene Rockstars in der ländlichen Idylle seines Geburts-
ortes verkörpert. Hierzu gehören Inszenierungen von John Lennon, Jimi Hendrix, Kurt Cobain oder auch Janis Joplin. Auch eine wahrlich frühe Werkreihe aus den 80er-Jahren ist im Bucerius Kunstforum vertreten. Unter dem Titel „Cemeteries“ versammelt Anton Corbijn Photographien von Grabmonumenten und lebensgroßen Skulpturen. „Diese sehr persönlichen Inszenierungen spiegeln die geistige Befreiung des Künstlers von seiner provinziell geprägten Kindheit und der religiösen Fixierung seines Elternhauses auf das Leben nach dem Tod wider“, ist in der Beschreibung der Schau zu lesen.

Da immer nur eine Ausstellung gleichzeitig zu sehen ist und es jährlich immer vier an der Zahl zu bestaunen gilt, startet die nächste Exposition erst am 9. Februar. Bis zum 15. Mai ist das Kunstforum dann von Neuer Sachlichkeit geprägt und zeigt Werke von Otto Dix bis hin zu August Sander. Daraufhin folgen ab dem 8. Juni wieder Photographien. „Von Andreas Gursky bis Shirinn Neshat. Here we are today“ befasst sich anhand paradigmatischer Positionen der künstlerischen Auseinandersetzung mit den zentralen Sujets der globalisierten Welt. Während der Laufzeit der Ausstellungen hat das Bucerius Kunstforum anders als andere Museen täglich von 11 bis 19 Uhr, donnerstags gar bis 21 Uhr geöffnet.

Raus aus dem Zentrum der schmucken Hansestadt hinein ins Grüne führt der Weg zu einem beinahe heimelig-idyllischen Museum: dem Ernst-Barlach-Haus. Seit 1962 ist dieses Künstlerhaus nun eingebettet in den malerischen, weitläufigen Landschaftsgarten Jenischpark, der sich nahe des Elbufers befindet. Der klare, lichte Museumsbau mit seiner strahlend weißen, schmucklosen Fassade und den lichtdurchfluteten, klar gegliederten Ausstellungsräumen ist präzise auf das Werk des expressionistischen Bildhauers, Zeichners und Schriftstellers, der im Jahre 1938 verstarb, abgestimmt.

Zu sehen ist hier das Hauptwerk Barlachs. Rund 140 Bildwerke aus Holz, Bronze, Keramik, Porzellan, Terrakotta und Gips, über 400 Zeichnungen, nahezu sämtliche Druckgraphiken, rare Mappenwerke sowie der größte Bestand an Holzskulpturen des Künstlers erwarten die interessierten Besucher. Ergänzt werden Präsentationen aus diesem umfangreichen Sammlungsschatz durch Sonderausstellungen zur Kunst der Klassischen Moderne und Gegenwart. So lockt bis zum 21. Oktober auch die Schau „Josef Scharl. Zwischen den Zeiten“ in den Jenischpark. Der Münchner Maler, der als ein ausnehmend bedeutender Künstler der Weimarer Republik gilt, nimmt sich als Grenzgänger zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit aus. Das Ernst-Barlch-Haus zeigt Arbeiten voller Farbintensität, Kraft, aber auch Momenten des Innehaltens, der Besinnung und kaum sichtbarer Emotionalität, die er in die Gesichtszüge seiner Protagonisten legt. Darüber hinaus bietet das Künstlerhaus Veranstaltungen wie Führungen, Lesungen sowie Vorträge an und rief in den 90er-Jahren die Konzertreihe Klang & FORM ins Leben, da Ernst Barlach sich durch die Musik dem Schöpferischen am nächsten fühlte. Im Anschluss an einen Besuch des Ernst-Barlach-Hauses laden sowohl der Jenischpark als auch das Elbufer zu einem ausgedehnten Spaziergang ein. Sie machen sich Gedanken um das nordische Wetter? Dann lassen Sie sich gesagt sein: Regen ist im Norden erst, wenn die Heringe auf Augenhöhe vorbeischwimmen.

 

Fotocredits:

Das Treppenhaus der Kunsthalle, Foto © Regina Littig

Blick auf Rotunde des Neubaus der Kunsthalle, Foto © Hamburger Kunsthalle, Ralf Suerbaum

Ausstellungsansicht Anton Corbijn,The Living and the Dead, Foto © Ulrich Perrey

Oberlicht in der Kunsthalle, Foto © Regina Littig

Regina Littig
02.08.2018

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