Von Hochstaplern und Seiltänzern – wie das Bauhaus nach Weimar kam

Ein Vorgeschmack auf das 100-jährige Bauhausjubiläum beim Kunstfest Weimar

Von Hochstaplern und Seiltänzern – wie das Bauhaus nach Weimar kam

 Wie vielgestaltig, kompliziert und produktiv das Verhältnis von Kunst, Gesellschaft und Politik ist, zeigt kaum eine Epoche so deutlich wie die kurze Zeit der Weimarer Republik: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs befindet sich Deutschland in einem gewaltigen Umbruch. Die alte Gesellschaftsordnung ist noch nicht vollständig untergegangen, die neue noch nicht ganz da. Im Februar 1919 tritt in Weimar die Nationalversammlung zusammen, um der jungen Republik eine demokratische Verfassung zu geben.

In dieser Zeit der Unordnung und der gesellschaftlichen Ungleichgewichte wird im Frühjahr 1919 ebenfalls in Weimar eine neue Kunstschule gegründet, das Bauhaus. Mit seinem erklärten Ziel, vor dem Hintergrund des Industriezeitalters Handwerk und Kunst miteinander zu versöhnen, begreift es seine Arbeit als ein Ringen um Fortschritt und Modernität – in der Kunst und in der Gesellschaft.

Das Kunstfest Weimar eröffnet bereits in diesem Jahr vom 17.8. bis zum 2.9.2018 den Reigen der Feierlichkeiten zum bevorstehenden 100. Bauhausjubiläum. Als programmatisches Leitmotiv dienen dabei zwei Figuren, die den Zustand der jungen Weimarer Republik auf besondere Weise zum Ausdruck bringen: der Hochstapler und der Seiltänzer. Beide Symbolisieren das Leben in der Moderne zwischen Aufstiegschancen und Abstiegsängsten. Sie sind Produkte und Symbole einer Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Ordnungsprinzipien nicht sicher ist und die verzweifelt um ihr politisches und gesellschaftliches Gleichgewicht ringt.

Unter dem genannten Motto „Von Hochstaplern und Seiltänzern – wie das Bauhaus nach Weimar kam“ zeigt das Kunstfest zeitgenössische künstlerische Arbeiten, die das Bauhaus als Inspirationsquelle für heutige Fragen begreifen oder in der Tradition des Bauhauses stehen. Die meisten der 26 Theaterproduktionen, Gastspiele, Kunstprojekte, Gesprächsreihen und Konzerte mit insgesamt etwa 90 Veranstaltungen wurden eigens für das diesjährige Kunstfest entwickelt.

Im Zentrum des Festivalprogramms steht die von Janek Müller kuratierte und auf drei Orte verteilte Ausstellung „Wie das Bauhaus nach Weimar kam. Ein Archiv von Hitze und Kälte“. Sie zeigt mit zeitgenössischer Kunst und historischen Objekten, wie das Bauhaus in politisch aufgewühlten Zeiten zu einer „Schule des Gleichgewichts“ wurde.

Die bekannte Figurenspielerin Suse Wächter macht den politischen Streit ums Bauhaus im Thüringer Landtag zur Grundlage ihrer Inszenierung „Hört, hört!“. Zu einer Erkundung des jüngst ausgerufenen „Quartiers Weimarer Moderne“ rund um das neue Bauhausmuseum lädt die Weimarer Künstlerin Anke Heelemann ein. Die Reihe „Gespräche in der Bauhausküche“ fragt, was „modern sein“ heute bedeutet, während die von Jenny Brockmann entwickelte Gesprächsreihe „Kollektiver Dialog Gertrud Grunow“ die erste Bauhausmeisterin in den Mittelpunkt stellt. Unter dem Titel „Die Zukunft ermitteln“ werden die filmischen Experimente am Bauhaus vorgestellt und in einem live animierten Film führt die Filmemacherin Katrin Rothe in die Farblehre des Bauhaus-Lehrers Johannes Itten ein.

Hochstapelei in gesteigerter Form, Selbstanmaßung und Selbstüberschätzung sind zentrale Motive in Shakespeares Klassiker „Macbeth“, den Christian Weise als opulente Farce inszeniert. In den Hauptrollen agieren Corinna Harfouch und Susanne Wolff. Sandra Hüller zeigt ihren Monolog „Bilder deiner großen Liebe“, Wolfgang Herrndorfs Geschichte der Traumtänzerin Isa. In einer Lesung werden reale historische und literarische Hochstapler aus der Zeit der Weimarer Republik vorgestellt.

Gleichgewichtssinn ist besonders gefragt in der spektakulären Eröffnungsinszenierung „Mù – Cinématique des fluides“ der französischen Straßentheatergruppe Transe Express, die bekannt ist für ihre in der Luft schwebenden „menschlichen Mobiles“. Mit Seilakrobatik fasziniert die Zirkusvorstellung „Vol d’usage“ der ebenfalls aus Frankreich stammenden Compagnie Quotidienne. Die belgische Künstlerin Miet Warlop macht bildende Kunst mit den Mitteln des Theaters. Ihre fulminante Musikshow „Fruits of Labor“ steht in bester Bauhaus-Tradition – und bildet den Abschluss des diesjährigen Festivalprogramms.

Weitere Informationen sowie das vollständige Programm finden Sie unter www.kunstfest-weimar.de.

 

Information:

Das Kunstfest Weimar ist Thüringens größtes Kulturfestival. Es wird veranstaltet vom Deutschen Nationaltheater Weimar und gefördert durch den Freistaat Thüringen sowie die Stadt Weimar. Der Schwerpunkt zum 100. Bauhausjubiläum wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Zum letzten Mal findet das Kunstfest Weimar heuer unter der Leitung von Christian Holtzhauer statt, bevor er am 1.9.2018 sein neues Amt als Schauspielintendant und Künstlerischer Leiter der „Internationalen Schillertage“ am Nationaltheater Mannheim antritt. Holtzhauer hatte die Leitung des Kunstfestes 2014 übernommen und das Festival stärker international ausgerichtet, gegenüber allen Kunstformen geöffnet und die Stadt Weimar und ihre Geschichte ins Zentrum des Festivals gerückt.
 

 

Fotocredits:

Kunstfest Weimar, Dusage, Foto © Vasil Tasevski

Kunstfest Weimar, Cinematique, Foto © Juan Robert


02.08.2018

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