Im Osten nichts Neues? Von wegen!

Zu Besuch im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst

Im Osten nichts Neues? Von wegen!

 Osteuropa und die Kunst. Erste assoziative Gedanken wandern zu Wassily Kandinsky, Kasimir ­Malewitsch, Alexander ­Rodtschenko. Hinzu kommt Alexej von ­Jawlensky. Und eins wird schnell klar: Denken wir an osteuropäische Kunst, denken wir primär an Russland. Zu ­Osteuropa zählen jedoch noch weitere Länder, Regionen und Kunststile. Beispielweise Polen und vor der Wiedervereinigung Deutschlands auch die DDR. Dieser Kunst wird in unseren Breitengraden verhältnismäßig wenig Beachtung geschenkt und genau dieser Thematik nimmt sich das BLMK, das ­Brandenburgische Landesmuseum für Moderne Kunst, an.

2017 aus dem Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus und dem Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) entstanden, verbindet das Haus beide Standorte miteinander und trumpft mit einer der umfang- und facettenreichsten Sammlungen von DDR-Kunst auf. Durch wechselnde Ausstellungen wird der Bestand stets unterschiedlich kontextualisiert, wodurch sich nicht nur die politische Identität einer Epoche aus der Perspektive einer ästhetischen Reflexion erfahren lässt, auch werden neue Sichtweisen eröffnet sowie Möglichkeiten der Erkenntnis und Blicke über den bekannten Horizont, häufig gen Osten, geboten.

Frankfurt/Oder, das zwei Ausstellungsorte zu der Fusion beiträgt, weist sowohl anhand der Rathaushalle als auch des Packhofes historistische Bauformen auf, die mit der dargebotenen zeitgenössischen Kunst in einen spannungsvollen Dialog treten. Die beiden nur 200 Meter voneinander entfernten Standorte verfügen über eine Sammlung voll differenzierter und hochwertiger Arbeiten mannigfacher Genres aus der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart, mit einem regionalen Augenmerk auf Ostdeutschland. Besonders hervorzuheben ist dabei der sich noch im Aufbau befindliche Bereich mit polnischer Graphik der Gegenwart, der einen signifikanten Schwerpunkt des Museums ausmacht und dezidierte Einblicke in ein hierzulande noch wenig beachtetes Feld zeitgenössischer Kunstgeschichte gewährt. Einen relevanten Stellenwert nimmt überdies der Erwerb von Werken derjenigen Künstler ein, welche die DDR verließen oder verlassen mussten. Repräsentativ weisen sich hierfür A.R. Penck, Hendrik Grimmling wie auch Lutz Dammbeck aus. Außerdem bereichern Namen wie Bernhard Heisig und Werner Tübke die umfassende Sammlung. So finden sich hier neben expressiven und sachlichen Formenfindungen auch postimpressionistische, surrealistische und informelle Werke. Sogar Reflexionen über die Pop-Art wie auch postmoderne Strategien lassen sich in Frankfurt entdecken, die einmal mehr zeigen, dass hier ein überaus repräsentativer Überblick über fünfzig Jahre Kunstentwicklung vorliegt, der diversen Fragestellungen unterworfen werden kann.

Zurzeit wendet sich die Rathaushalle im Rahmen der bis zum 17. Februar laufenden Ausstellung „REAL POP 1960 – 1985. Malerei und Grafik zwischen Agil Pop und Kapitalistischem Realismus“ wahren Rockstars aus der Kunstgeschichte der letzten Jahrzehnte zu. Konrad Klapheck, Konrad Lueg, Sigmar Polke, Wolf Vostell und Gerhard Richter beehren Frankfurt mit ihren einmaligen, provokanten, zur Reflexion anregenden und dabei immer auch ein vollkommenes Kunstwerk unserer Zeit darbietenden Arbeiten zu tagesaktuellen Sujets. In Frage gestellt werden Rollenbilder und Geschlechterklischees, behandelt werden der Staat als Machtapparat sowie die verdrängte Geschichte des Nationalsozialismus. Nicht konkret treten diese Sujets als Bildthemen auf, verstricken sich jedoch untrennbar mit dem Dargestellten und bieten den Betrachtern die Gelegenheit oder fordern sie geradezu auf, innezuhalten und sich selbst ein Bild zu machen. Dabei finden sich jedoch nicht ausschließlich kritische Kommentare zum Status quo, auch heiter-ironische Reflexionen staatlicher Propaganda zieren die Wände der Rathaushalle.

Nebenan zeigt der Packhof bis zum 6. Januar Zeichnungen, Skulpturen, Photographien und Malerei der KunstFörderpreisträger/innen des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg aus den Jahren 2016 und 2017.

Den Blick nach Cottbus gewandt, fällt hier eine andersartige Architektur auf. Das 1977 zunächst als Galerie für Gegenwartskunst gegründete Museum befindet sich heute in einem ehemaligen Dieselkraftwerk. Der von Werner Issel entworfene Klinkerbau bietet ein spätexpressionistisches bis neusachliches Ensemble dar und bettet sich harmonisch in einen kleinen romantisch-verträumten Park ein, der das Haus umsäumt.

Das Innenleben präsentiert vornehmlich einen White-Cube-Charakter mit industriellem Charme. Schlicht und anmutig nimmt sich die farblose Helligkeit aus, nur von stahlblauen Türen durchbrochen, und bildet damit einen Kontrast zu der dunklen Klinkerfassade mit ihren signalroten Fensterrahmen. Graue Aufschriften wie „Schalthaus“ und „Maschinenhaus“ verweisen auf die Geschichte der die Kunst umhüllenden Mauern, welche eine Liaison mit den Werken eingehen; oder vielmehr eine Symbiose, so als könnten die ausgestellten Arbeiten unter anderen Umständen ihre Wirkung kaum so entfalten wie an diesem Ort.

Zu sehen sind bis zum 6. Januar Photographien von Helfried Strauß unter dem Titel „VOM LEBEN.“ Der Name scheint bei dieser Exposition zugleich Programm zu sein, schickt Strauß sich doch bei jedem seiner Bilder dazu an, das alltägliche Leben festzuhalten und eine besondere menschliche Nähe sichtbar zu machen. Eine seiner zentralen Serien, „Die Fähre“ von 1979–1981, zeigt beispielsweise den Alltag einer Fährfamilie und changiert zwischen landschaftlichen, jahreszeitlichen, psychologischen und tätigkeitsbezogenen Aspekten, ohne ein gezwungenes Familienidyll zu kreieren.

Anrührend, ohne verklärend zu wirken, nimmt sich auch die ­Abfolge russischer Friedhöfe aus, in der Strauß sucht, die uns ungewöhnlich erscheinende Verzierung der Grabsteine mit Photographien der Verstorbenen einzufangen.

Insgesamt stellt die Photographie ein bedeutendes Standbein der Sammlung des BLMK am Standort Cottbus dar. Sowohl jüngere photographische Strömungen, angeführt von Andreas Gursky und Veronika Kellndorfer, als auch eher klassisch ausgerichtete Arbeiten von Heinrich Riebesehl und Barbara Klemm bereichern den Bestand. Auch Serien von Evelyn Richter, Christian Borchert und nicht zuletzt Thomas Florschuetz sind hier vertreten. Der Stellenwert dieser Gattung spiegelt sich in einer weiteren aktuellen Schau wider, die dem 2012 verstorbenen Photographen Wolfgang G. Schröter gewidmet ist. „Das Faszinosum live und experimentell“ ist bis zum 10. Februar zu erleben.

Die nächsten aktuellen Expositionen sind einem anderen Genre verschrieben, der Malerei. „Dieter Zimmermann. Die Quadratur des Spreewaldes. Alles fließt …“ zeigt bis zum 13. Januar eine der zahlreichen Serien des Malers. Ineinanderfließende Kleinformate, die die Wände der Ausstellungsräume scheinbar bis ins Unendliche füllen. Detaillierte Naturbeobachtungen treffen auf atmosphärische Naturaufnahmen, Problemfelder auf Lösungen, Grün auf Blau. „Das mutet an wie ein Parforceritt durch die moderne Kunstgeschichte: Impressionistisches neben Pointilistischem, Expressives neben Naivem, Art Brut neben Konkreter Kunst“, konkludiert die Expositionsbeschreibung und weist somit bereits auf den Inhalt der vierten aktuellen Schau voraus: „Die Sehnsucht des Lichts. Malerei des Spätimpressionismus“ führt bis zum 10. Februar selten gezeigte Werke namhafter Künstler in Cottbus zusammen. Die Gruppenausstellung verknüpft Gemälde des französischen Spätimpressionismus mit äquivalenten Position deutscher und russischer Künstler und ruft keine geringeren als Charles Camoin, Jean Puy, Paul Signac, Maurice de Vlaminck wie auch Kasimir Malewitsch auf den Plan. Landschaftsansichten dominieren die Ausstellung, wobei ihnen Interieurs, die durch ihre Fenster einen Blick auf Stadtlandschaften gewähren, und Parks an die Seite gestellt werden.

Landschaft, Raum, Natur und Umwelt erweisen sich nicht nur in dieser Schau als bestimmende Elemente, auch zeichnen sie den roten Faden durch den Sammlungsbereich Malerei, der gleichbedeutend neben der Photographie steht. Primär das Biosphärenreservat Spreewald diente als regionaler Anlass, diesen Schwerpunkt in Cottbus aufzugreifen. Überdies zeigt sich, dass zahlreiche aus Brandenburg stammende Gemälde auffällige Einflüsse der hiesigen Landschaft aufweisen, was sich unter anderem in Werken Walter Leistikows und Friedrich Schinkels widerspiegelt.

Das BLMK widmet sich in Cottbus einem weiteren, bereits in Frankfurt überaus präsenten Thema: Malereien der 1960er- bis 1980er-Jahre aus der DDR. Somit erfolgt auch hier eine breite Auseinandersetzung mit osteuropäischer Kunst, zu der auch die ostdeutsche zählt. Dabei lassen sich die Werke in zwei Gruppen gliedern: Auf der einen Seite steht eine spannungsreiche Vielfalt, die von Künstlern wie Hermann Glöckner, Bernhard Heisig, Wilhelm Lachnit und Max Uhlig vertreten wird. Auf der anderen Seite finden sich wichtige Werkgruppen regionaler Künstler wie Günther Rechn und Dieter Zimmermann. Somit liegt ein breites Spektrum vor, welches sich von einem sozialistisch-realistisch geprägten Stil über einen poetischen Realismus und expressive Figurenbilder bis hin zum Informel erstreckt.

Neben der Photographie und der Malerei gibt es eine dritte entscheidende Abteilung im Sammlungsbestand: diejenige für Plakatkunst, die sich im gesamten Bundesgebiet als einzigartig erweist. Zahlreiche Plakate aus Asien, den USA, Deutschland und anderen Teilen Europas tragen zur Vielfalt dieses Sammlungsschwerpunktes bei und stehen als gleichberechtigte Kunstwerke neben allen Malereien, Photographien und auch Graphiken.

Bei dieser Vielfalt lohnt sich ein Besuch jederzeit, besonders jedoch vor Weihnachten, wenn das BLMK in Cottbus am 8. und 9. Dezember zum pre-schenk, einem Weihnachtsmarkt für Kunsthandwerk und Design einlädt. Den Eintritt zu den aktuellen Ausstellungen bestimmt man an diesem Wochenende selbst und kann hier nicht nur originelle Weihnachtsgeschenke finden, sondern weit mehr osteuropäische Künstler kennenlernen als die eingangs erwähnten.

 

Fotocredits:

Rathaushalle, Frankfurt, Foto © Museum Junge Kunst Frankfurt/Oder

Dieselkraftwerk Cottbus, Foto © Regina Littig

Cottbus, Die Quadratur des Spreewaldes. Alles fließt..., Installation, Foto © Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus

Regina Littig
06.12.2018

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