Nach Norden!

Ein wunderlicher Roman

Nach Norden!

Acht Tage lang begibt sich Wunderlich – man beachte den sprechenden Namen, es ist nicht der einzige in diesem Buch – auf eine Reise in den Norden des Ostens der Republik. Dass er dort nie wirklich ankommt, wenn wundert’s. Es ist eine höchst sonderbare Fahrt, die der Titel-Antiheld macht, mit der Bahn beispielsweise, um an Bahnhöfen auszusteigen, die es de facto gar nicht gibt, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Dem Hutmann, wie Wunderlich nach seiner permanenten Kopfbedeckung auch gerufen wird, widerfahren kuriose Geschichten. Das fängt schon bei seinem ständigen (und noch dazu gesprächigen) Begleiter an: einem wahrlich neunmalklugen Mobiltelefon, das zu allem und jedem seinen Saft geben muss. Und nur dann schweigt, wenn Wunderlich-Hutmann unbedingt dessen Rat braucht. Ist dieses Wunderlich-Leben ein Traum oder doch ein Trauma? Denn „Wunderlich war der unglücklichste Mensch“, so hebt diese Liebeserklärung an die wunderlichen Augenblicke des Lebens an. Der „unglücklichste Mensch“ also. Allerdings nur, so endet der Satz, den er selbst, Wunderlich, kannte. Marion Braschs zweiten Roman nach ihrem Debut „Ab jetzt ist Ruhe“ von 2012 (er galt „meiner fabelhaften Familie“, zu der auch ihr Bruder, der 2001 verstorbene Dramatiker, Lyriker und Übersetzer Thomas gehörte) hat man schnell gelesen. So bald vergessen wird man ihn hingegen nicht.

 

Marion Brasch, Wunderlich fährt nach Norden. Roman. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014. 288 Seiten, 19,99 Euro.

Jürgen Gräßer
01.10.2014

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