Jaume Plensa

Acht Poeten in Bamberg

Jaume Plensa

Acht Poeten verspricht der Titel der aktuellen Ausstellung von beleuchteten Figuren, die an anderen Orten bereits unter anderen Namen wirkten: mit dem Titel DRÖM zierten drei „Elemente“ den Vorplatz des Clarion Hotel Post in Göteborg, Schweden; als „Conversation in Nice“ wurden vor wenigen Jahren sieben der heutigen Dichter in Nizza präsentiert, als Konversation von Farben untereinander. Bereits 2003 in Jacksonville, Florida, als „Talking Continents“.

 

Heute kommen sie plötzlich und überraschend als Poeten daher. Ausgerechnet nach Bamberg, wo es Poeten seit vielen Jahren schwer haben, so sie nicht in Mundart dichten. Und es ist nicht gerade das Verfassen sprachlicher Kunstwerke, das die Lichtkörper für sich in Anspruch nehmen könnten. Im Gegenteil – zurückhaltend, introvertiert bis autistisch wirken sie. Und stehen damit im Freien – ganz exhibitionistisch, ohne auch nur ein kunstvolles Wort über die Lippen zu bringen. Die schweigenden Dichter – ruhig und (ver)stumm(t).

 

Parallel zu Plensa im Bamberger Dom, dem Bamberger Reiter „gegenüber“, hat Prof. Dr. Bernd Goldmann, der Kurator von „Acht Poeten In Bamberg“ im Auftrag der Stadt Bamberg den spanischen Künstler auch für den öffentlichen Raum gewonnen. Er hat acht leuchtende Großplastiken an vom Künstler gewählten Orten aufstellen lassen. Seitdem beeinflussen sie Ausstrahlung und Aura der Stadt maßgeblich.

 

Schweigende Poeten und gesprächige Kritiker erleben wir in Bamberg seit Ausstellungsbeginn. Besonders hartnäckige Kritiker sogar, so ganz der fränkischen Natur gemäß. Mit einer erstaunlichen Diskussionsfähigkeit, die bei weitem über das reduzierte Urteilsvermögen hinaus reicht, das der BR in seinem Artikel zur Ausstellung vom 29.08.2012 seinem Leser unterstellt: „Quatsch oder Bereicherung?“ tituliert das regionale, öffentlich-rechtliche Medium seine Internet-Umfrage.

 

Eine lokale Tageszeitung folgt dieser Kleinspurigkeit und wirbt in ähnlicher Manier um die Interaktivität seiner Leser, nachdem in immerhin sieben Artikeln nicht allzu viel zu Form und Inhalt der Werkschau geschrieben wurde. Kein Wunder, dass die Poeten besser auf den kunstvollen Umgang mit Worten verzichten: Reden ist Silber. Schweigen ist Gold.

 

Aber sind die Botschaften des Künstlers überhaupt im öffentlichen Diskurs angekommen?

 

Art5/III-Redakteur Oliver Will und der bildende Künstler und Makler Volker Maisel machen sich auf die Suche nach Tiefe:

 

Hallo Volker! „Acht Poeten in Bamberg”, so der Titel der Ausstellung.

Für Dich irgendwie nachvollziehbar?

 

Volker Maisel:

Grüß Dich Oliver! Der Titel ist in der Tat erklärungsbedürftig. Es ist ja bekannt, dass Plensa sehr gern im religiösen bzw. spirituellen Bereich arbeitet. Und er selbst bezeichnete die ausgestellten Werke in einem Vortrag als Säulenheilige. Das ist eigentlich unmissverständlich. Die Arbeit bezieht sich also direkt auf Mönche, die in der frühen byzantinischen Kirche zum Zeichen ihrer Askese ihr Leben auf dem Kapitell einer Säule verbrachten. Sie sahen sich dort dem Himmel ein Stück näher als diejenigen, die auf dem Irdischen wandeln. Also ich finde Säulenheilige in der Domstadt - das passt inhaltlich sehr gut!

 

Du bist also der Meinung, dass es sich hier um rein religiöse Kunst handelt?

 

Volker Maisel:

Nicht nur. Schon damals in Byzanz war das auch ein politisches Statement. Auf einer Säule hoch über den Dingen zu stehen war keinem geringeren als Kaiser Konstantin selbst - in Form eines Standbildes natürlich - vorbehalten. Wenn nun christliche Mönche aus Fleisch und Blut begannen auf einer Säule zu leben, dann setzten sie damit auch ein Zeichen für die neue Herrschaft Christi im oströmischen Reich. Kaum vorstellbar finde ich, wie hart es gewesen sein muss, für Jahre ungeschützt bei Wind und Wetter auf einer 2x2 Meter großen Platte auf einer Säule zuzubringen. Die meinten es wirklich ernst! Symeon der Ältere war die Attraktion im Umkreis Aleppos, sogar noch populärer als der Türmer unserer Oberen Pfarre, denn der hatte wenigstens ein Dach über dem Kopf!

 

Du siehst also weniger eine poetische Aussage in den Figuren als eine politische?

 

Volker Maisel:

Man kommt nicht umhin. Jaume Plensa zeigt eine klassische Darstellung von Askese mit modernen Mitteln. Säulenheilige stehen für die innere Kraft von Askese.

 

Damit setzen sie ein Zeichen gegen ausufernde Dekadenz. Nur leider findet der Aspekt kaum Beachtung, obwohl viele Bürger heute mehr oder weniger gezwungen sind in Askese zu leben. (Über die Untere Brücke schiebt gerade eine alte Dame ein Fahrrad mit Tüten bepackt um Flaschenpfand zu sammeln.) Man sollte eher nach dem „wie?“ fragen. Wie wird der Säulenheilige hier gezeigt? 

 

Meiner Meinung nach wird die leuchtende Ausstrahlung einer inneren Kraft gezeigt.So wie Mahatma Gandhi sagte: „Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft - vielmehr aus unbeugsamen Willen.“

 

So könnte sich der Kreis zu Plensa in der Tat schließen. Die von ihm geschaffenen Körper sind in ihrer Form stark zurückgenommen, sind reduziert.

Es scheint ihnen dort oben aber auch nicht so schlecht zu gehen.

Die Körper sind ganz gut beieinander und sie erscheinen mir eher zurückhaltend und alles andere als revolutionär anmutend. Das überzeugende Moment der von Dir vermuteten Anklage fehlt also?

 

Volker Maisel:

Absolut! Das Motiv ist überhaupt nicht so drastisch dargestellt, wie man es traditionell von Heiligenbildern kennt. Ein modernes Gegenbeispiel könnte dieser vietnamesische Mönch aus den 60ern sein, der sich in die Hocke setzte, mit Benzin übergoss, um sich dann aus Protest selbst anzuzünden. Plensa macht einen weiten Bogen um solcherlei Selbstkasteiung und Schockästhetik. Dafür gibt‘s hier wechselndes Licht in Wellness-Farben. Ist auch viel gemütlicher und tut keinem weh!

 

Die stubenreine Kunst! Kritisch ja, aber nicht unbedingt und auch nur für denjenigen, der sie so sehen will. Sauber für alle, denen ein kurzer Blick, ein flüchtiger Gedanke genügt und die sich vor klaren Aussagen drücken wollen. Die Aussage liegt folglich im Auge des Betrachters.

 

Volker Maisel:

Das Werk ist allgemein gehalten, von daher in der jeweiligen Zeit mit Inhalten aufladbar. Einen aktuellen Bezug scheint es nicht zu geben. So gesehen sind die Aussagen enorm zurückhaltend und wenig offensiv, wenn man bedenkt wie revolutionär die Styliten ursprünglich waren. So ist es auch legitim etwas Neues daraus zu machen.

 

„8 Poeten für Bamberg“ beispielsweise...

 

Volker Maisel:

Da setzen die Inschriften quer über das Gesicht noch einen oben drauf!

 

Die Worte sind kaum erkennbar:„Religion“, „Country“, „Heaven/Hell/Poetry“, „Sun/Moon/Earth“, „Water/Fire“, „Body/Soul/God“, „Love/Hate/Spirit“. Ich denke in ihnen steckt ein weiterer Denkanstoß, der von einer politischen Aussage allerdings eher ablenkt.

 

Volker Maisel:

Ich finde die Wahl der Begriffe zieht das Ganze ins Esoterische. Und es ist typisch für Plensas Arbeit. Fast alle seiner Werke tragen solche oder ähnliche Schlagworte. Und die Schlichtheit der Begriffe macht‘s auch allgemein zugänglicher.

 

Also besonders profan wirken diese großen Begrifflichkeiten nicht auf mich. Und bei anderen Objekten sind diese auch konkreter und sehr politisch von ihm gewählt worden (Menschenrechte, Texte aus einem Schulbuch für Erdkunde). Seine Arbeit hat sich von bedeutungsschwangeren Worten mit klarer Aussage hin zu kaum deutbaren Begriffen, die ein weites Feld an Interpretation öffnen, entwickelt. In späteren Arbeiten reduziert er komplett auf Buchstaben. Die Aussagen liegen dann nur noch zwischen den Zeilen. Das hat etwas von Dekonstruktion und ließe sich auf sprachphilosophischer Basis enorm weiterspinnen. Zum Beispiel bezogen auf den Differenzbegriff von Derrida. In späteren Arbeiten wird dieser Bezug viel stärker deutlich. Doch bleiben wir bei den acht Stelenpoeten. Sie wirken in diesem Sinne unfertig, wie auch ihre Verarbeitung deutlich Schwächen aufweist. Künstlerische und technische Ausführung scheinen hier zweitrangig zu sein.

 

Volker Maisel:

Das wollte ich nicht unterstellen. Hier ist die anatomisch korrekte Darstellung weniger entscheidend, als der geschlossene Eindruck eines Leuchtkörpers. Plensa hat diesbezüglich gesagt, „dass Bildhauerei für ihn weniger die Auseinandersetzung mit dem Material ist, als die Einstellung, mit der man den inhaltlichen Werkstoffen Licht, Leben, Politik, Elemente, Gesellschaft und insbesondere der Zeit begegnet“.

 

Auf mich wirken die Heiligen eher introvertiert, erschüttert - der eine hält sich die Hände vor die Augen, ein anderer hält die Ohren zu, u.s.w. Insgesamt sind sie sehr zusammengekauert.

 

Volker Maisel:

Nebeneinander aufgestellt, so wie es in Nizza der Fall war, hat man da die berühmten Gesten der drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Das wäre dann die Allegorie für mangelnde Zivilcourage - aber auch diese Interpretation entbehrt einer konsequenten Umsetzung.

 

Da bin ich komplett bei Dir. Alles in allem wirkt seine Arbeit nicht unbedingt zu Ende gedacht. Nehmen wir den Bezug zu den Styliten, der taucht im Bamberger Kontext nicht auf, dabei war er Ausschlag gebend dafür, dass Plensas Plastiken heute auf Stelen sitzen. Oder seine Begrifflichkeiten. Die Auswahl scheint inzwischen zufällig geworden zu sein. 

Eher einer losen Gesamtidee geschuldet als ganz spezifisch mit bestimmten Aussagen verbunden.

Mit den Gesten der Figuren ist das nicht anders. Schließlich bleibt unklar, warum er „Poeten“ nach Bamberg schickt.

 

Volker Maisel:

Dabei passt der öffentliche Raum Bambergs mit dem starken Bezug zu Kirche und Christentum sehr gut zum ursprünglichen Konzept der Säulenheiligen, das Plensa einst verfolgte, und offenbar an irgendeinem Punkt aufgegeben hat. 

 

 


26.09.2012

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