„Off the Wall!“ – Eine eilige Empfehlung

Bildräume und Raumbilder in der Nürnberger Kunsthalle

„Off the Wall!“ – Eine eilige Empfehlung

 Die Architektur des Raumes beziehen sieben Kunstschaffende in ihre Arbeiten mit ein und schaffen so Bildräume und Raumbilder, wie die noch bis diesen Sonntag in der dem KunstKulturQuartier angegliederten Kunsthalle Nürnberg zu sehen ist. Die vorgestellten Positionen gegenwärtiger Malerei heben die klassische Flachheit des Mediums auf oder stellen sie zumindest infrage. Die Werke von Cornelia Baltes, von Benjamin Houlian, Christine Streuli, Alexander Wolf, von dem Künstlerduo Claudia und Julia Müller sowie von Markus Linnenbrink wurden eigens für die Ausstellung „Off the Wall!“ konzipiert. Sie sprengen den Raum, sie gehen ins Dreidimensionale. Malerei mutiert hier zur Skulptur.

 

In „WASSERSCHEIDE(DESIREALLPUTTOGETHER)“ des 1961 in Dortmund geborenen, längst in Brooklyn, New York, lebenden und arbeitenden Linnenbrink wird der Kunstraum aufs Schönste zur Raumkunst, und das gleich über zwei Ausstellungsflächen hinweg, durch die sich breite, regenbogenbunte Streifen ziehen. Mit seinen auf den Ort zugeschnittenen Wand-, Boden- und Deckenmalereien (hier aus Pigmenten, Acrylbinder und Epoxidharz) erfährt die von Linnebrink selbst gefertigte Farbe eine veritable Emanzipation und steigt vom puren Material und Medium auf zum Hauptdarsteller des Bildsystems.

 

Linnenbrink bricht, wie es im die Ausstellung begleitend erhellenden Faltblatt heißt, die „vorgegebenen räumlichen Fluchten und Perspektiven auf und schafft einen psychedelisch anmutenden Farbraum, in den der Betrachter förmlich hineingespült wird und in dem er sich permanent neu orientieren muss“. Die Grenze zwischen Zwei- und Dreidimensionalität wird zumindest verwischt, wenn nicht vollständig aufgelöst. Auch das „entrée“ (Tapete auf Wand, 2014) zur Ausstellung ist ein Raum der Illusion, eine von der Schweizerin Christine Streuli kreierte Inszenierung, die – einer zweiten Haut gleich – den Ausstellungsort überzieht. Streulis Installation treibt unter Verwendung von Fototapeten und farbintensiven Papierarbeiten ihr Spiel mit Schein und Sein, mit Original und Reproduktion. Die Wand beispielsweise ist keineswegs hölzern, sondern digital zusammengesetzt aus Fotografien eines Dielenbodens.

 

Cornelia Baltes, Jahrgang 1978, hat an der Slade School of Art studiert und ist derzeit –nominiert von der Kunsthalle – Trägerin des mit 20 000 Euro ausgestatteten Marianne-Defet-Malerei-Stipendiums. Ihr sechsteilig ausgefüllter Projektraum „Starry Starry Night“ (Acryl auf Wand und mitteldichter Holzfaserplatte) evoziert über die Farben und über das konturhaft auszumachende Ohr die „Sternennacht“ (1889) und deren suizidären Schöpfer, Vincent van Gogh, sowie, nebenbei, Don McLeans vor allem auf den britischen Inseln populäres Lied „Vincent“, das mit dem Vers „Starry Starry Night“ eröffnet. Baltes‘ Kompositionen sprühen vor Bildwitz, Gesteinsbrocken – womöglich Requisiten zu ihrer filmischen Studie „Kaugummi“ (2012/2013) – scheinen den laufenden Bildern zu folgen und laden zugleich den Zuschauer ein, auf ihnen Platz zu nehmen.

 

Überhaupt ist der Besucher der Gruppenausstellung weit mehr als lediglich ein betrachtendes Vis-à-vis. Erst durch das aktive Begehen der Schauräume, durch das Eintauchen in die Arbeiten werden diese lebendig und erlebbar. Das traditionelle Davorstehen ist hier ad acta zu legen und „Off the Wall!“, der Titel der von Harriet Zilch kuratierten Ausstellung, mehrdeutig zu fassen. Zum einen bedeutet er, wörtlich übertragen, „Weg von der Wand!“, steht aber zugleich für „unorthodox“, für „unkonventionell“. Wie Konventionen zu sprengen sind, ist nur noch am morgigen Sonntag zu erleben. Tja, wer nur hat an der Uhr gedreht?

 

Weitere Informationen:

 

Kunsthalle Nürnberg

Lorenzer Straße 32

Geöffnet von 10 Uhr bis 18 Uhr

 

Fotos Copyright © Katrin Dittmann

Jürgen Gräßer
11.10.2014

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