Nürnberger (Tanz-)Schule

Goyo Monteros Spitzentanzkunst

Nürnberger (Tanz-)Schule

Sie sieht ja ach so leicht aus, die Kunst des Balletts, und macht doch viel Arbeit, Tag für Tag. Ballett erfordert, neben Begabung, vor allem eines: Leidenschaft, Passion, das Brennen für die Sache. Der Madrilene Montero spricht gern von „pasión“. Denn Goyo Montero, Jahrgang 1975, ist so einer, der für seine Sache brennt, für das Ballett, für den Tanz auf Spitze. Montero ist seit September 2008 Ballettdirektor und Chefchoreograph am Staatstheater Nürnberg. Mit seiner Compagnie, die inzwischen auch im Ausland gern gesehener Gast ist – in Biarritz etwa, in Lausanne, und im Juli folgt mit „Cinderella“ das Internationale Tschechow-Theaterfestival Moskau –, gelingt es ihm ein ums andere Mal, Spitzentanzkunst auf die Bühne zu bringen.

 

Frucht dieser Arbeit ist ein hoher Publikumszuspruch: In sechs Jahren hat sich die Zahl der reinen Tanzabonnements mehr als verfünffacht. Und wenn andernorts die Sparte Ballett zusammen- oder gar komplett gestrichen wird, geht in Nürnberg sogar die Rede von einem regelrechten Tanzboom. Das Ensemble ist von 17 auf 22 feste Tänzer angewachsen, die pro Spielzeit ein gutes halbes Hundert Vorstellungen zeigen.

 

Frucht dieser Arbeit sind zudem hohe Auszeichnungen. Marina Miguélez ist in diesem Herbst schon das insgesamt vierte Compagniemitglied, das für seine exorbitanten Leistungen mit dem Bayerischen Kunstförderpreis bedacht wird. Nicht zuletzt findet Monteros leidenschaftlicher Einsatz für den Tanz in der zumindest zeitweiligen Schwebe ihren Widerhall in einer Würdigung des Ballett-Meisters selbst: Im November wurde dem bald Vierzigjährigen der Kulturpreis Bayern 2014 verliehen.

 

Diese Dekoration wird seit einer Dekade gemeinsam vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst und der Bayernwerk AG vergeben und würdigt herausragende Leistungen im Bereich von Wissenschaft und Kunst. Und, ganz frisch, kommt frohe Kunde vom Tanzmagazin „Dance for You“, das Montero zum „Choreographen des Jahres 2014“ wählte. Die Kritiker-Jury widmet dem Ballettchef diese Auszeichnung für „seine herausragende Kreation ‚Black Bile (Schwarze Galle)‘ über die Facetten der Melancholie“. Die Journalistin Vesna Mlakar dazu weiter: „Ein bild(er)gewaltiges Gesamtkunstwerk, herausgemeißelt aus der Leere des Theaterraums mithilfe von Musik, tänzerischem Einsatz, mobilen Kulissen und einer einzigartig geschmeidigen, klassisch fundierten, athletisch-fließenden Bewegungssprache.”

 

Bei einem offenen Training Mitte Oktober stellte sich die Compagnie vor, gewährte Einblicke in die während Monteros siebter Spielzeit gebotenen Neuproduktionen und Wiederaufnahmen sowie, wie Dramaturgin Sonja Westerbeck, die den Abend moderierte, meinte, „Anregungen für die Morgengymnastik“ zuhause. Seine Tänzer seien allesamt verrückte Leute, die sich mit „großer Leidenschaft für wenig Geld“ ihrer „Berufung“ widmeten. Sie verstehen sich bestens auf die klassische, französisch-italienische Basis, stellen aber zugleich ein hohes Niveau in zeitgenössischer Technik zur Schau. Montero sagt es so: „Ich bin verliebt in meine Compagnie.“ Deren Gros kommt aus Spanien, doch finden sich auch Japan, Schottland, Belgien, Frankreich, Australien, Deutschland und die Schweiz unter den in der Equipe vertretenen Nationen.

 

Französisch ist die Sprache des Balletts, der Pas de deux, der Schritt, die Schritte für zwei, selbst Nichttanz-Aficionados ein Begriff. Auch die Pirouette kennt man, vielleicht noch das Tutu, den Ballettrock aus Tüll. Bei Montero kommt noch Spanisch hinzu und Englisch: „Close your legs on the assemblé!“, fordert er von seinen Tänzern, die also die Beine schließen sollen, wenn sie aus der V. Fußposition in die V. Position springen und dabei ein „battement jeté“ ausführen, also mit dem gestreckten Spielbein, das schnelle schlagende Bewegungen ausführt, in der Schwebe bleiben, knapp über dem Boden. „Der Tanz spricht genügend Worte“, sagt Montero, und impliziert: mehr als der Chefchoreograph und die Dramaturgin an diesem Abend auf der Bühne reden können.

 

Der Madrilene ließ sich am Real Conservatorio de Danza seiner Heimatstadt und auf Kuba (an der Escuela Nacional de Ballett in Havanna) zum professionellen Tänzer ausbilden. Er war Erster Solist an der Deutschen Oper Berlin, Solist an der Oper Leipzig, dem Staatstheater Wiesbaden sowie dem Königlichen Ballett Flandern, hat im Mexikanischen Nationalballett und im Ballet d‘Europe getanzt. Bei wichtigen Wettbewerben ist Montero mehrfach ausgezeichnet worden, so vor zwei Dekaden beim Prix de Lausanne, dessen Jury er 2012 angehörte. Als Choreograph arbeitete der sich in Nürnberg sehr wohl fühlende Spanier etwa mit der Deutschen Oper zusammen und Compagnien in Izmir und Valencia. Mit seinen Stücken wurde Montero zu internationalen Festivals zwischen Tokio, Florenz und Zaragoza eingeladen. 2011 bedachte das spanische Kulturministerium den Choreographen und Tänzer mit dem „Premio Nacional de Danza“, einer der wichtigsten Auszeichnungen auf der iberischen Halbinsel. Für den erfolgreichen Start als Nürnberger Ballettdirektor hat man Montero den Kulturpreis der IHK der Mittelfränkischen Wirtschaft zugesprochen.

 

Der ausgezeichnete Ruf des Staatstheater-Ensembles zieht bedeutende Gastchoreographen nach Nürnberg. Gemeinsam mit dem Schweden Johann Inger und dem Israeli Ohad Naharin präsentiert Montero am 2. Mai die Uraufführung von „Dreiklang“ zu Musik von Tom Waits, Dean Martin und Beethoven. Nach opulenten Handlungsballetten geht Montero in „111“ (nach der letzten Klaviersonate des Bonn-Wiener Klassikers) mit seinem minimalistischen Konzept in extrem reduzierter Besetzung zurück zu den Wurzeln und verspricht, man denke an die Arietta (Adagio molto, semplice e cantabile), nichts weniger als Tanz pur.

 

Wer es dann doch opulenter mag, schaue sich „Cyrano“ (nach Edmond Rostands Versdrama) an, zu Musik von Rameau, von Charles Ives und – von Montero in Auftrag gegeben – des Kanadiers Owen Belton. Premiere ist am 13. Dezember. Die Leichtigkeit des Tanzes hat im Übrigen Monteros Landsmann Joan Miró 1925 in seiner „Danseuse II“ auf die Leinwand gebannt. Aber auch das erforderte, neben stupender Begabung und viel, viel Arbeit vor allem eines: Leidenschaft oder – „passió“ (Miro war Katalane).

 

Offizielles Fotomaterial von den Proben, Foto © Ludwig Olah

Jürgen Gräßer
26.11.2014

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